Ein arabeskenreicher Hymnus
In seiner orientalisch anmutenden Erzählstruktur erinnert der neue Roman «Das Mosaik der Frauen» von Rafik Schami an den antiken Klassiker «Tausendundeine Nacht». Das vielseitige und umfangreiche Œuvre des in Damaskus geborenen und seit 1971 in Deutschland lebenden Schriftstellers ist gekennzeichnet durch die für ihn typische, bikulturelle Erzählweise. Wobei seine stets wiederkehrenden Motive sich zum einen auf die Migranten in Deutschland beziehen, sodann auf die arabische und speziell syrische Welt in Politik und Gesellschaft sowie das Erzählen selbst in der uralten Tradition des Orients. Genau deshalb trägt Rafik Schami seine Geschichten, vor seinem Publikum frei redend, am liebsten auch selber vor.
Sein Roman ist zweischichtig aufgebaut, er besteht aus einer auktorialen Außenerzählung und einer in zehn Kapiteln personal erzählten inneren, die durchnumeriert mit einem dazugehörigen Frauennamen betitelt sind, beginnend mit 1. Tag Monalisa» und endend mit «10. Tag Klara», dem unter «Alle Tage Alexandra» abschließend noch ein elfter Tag folgt. Der in vielem als Alter Ego des Autors anzusehende Said Madini landet am 19. März1971 von Beirut kommend in Frankfurt am Main, er hat viele Manuskripte im Gepäck. Freimütig hat Rafik Schami bekannt, es gäbe in diesem Roman nicht mehr Parallelen zu seinem Leben als sonst, sie seien diesmal nur weniger gut versteckt. Said war als politisch Andersdenkender dem syrischen Geheimdienst nur knapp entkommen, weil er mit Hilfe von treuen Freunden seinen Tod fingierten konnte. In Deutschland kann er sich schnell etablieren, erhält als verfolgter Schriftsteller bald auch die deutsche Staatsbürgerschaft, studiert Sprachen und gründet nach Tätigkeiten als Simultan-Dolmetscher eine entsprechende Agentur, die schon bald floriert. Nebenbei beginnt er wieder zu schreiben, findet aber keinen deutschen Verleger. Viele Jahre später dann nimmt ein deutscher Freund, der Arzt ist und von dem er schon lange nichts mehr gehört hat, überraschend Kontakt mit ihm auf, er will ihn für einen besonderen Auftrag in Heidelberg engagieren. Ein sehr wohlhabender, im seinem Krankenhaus liegender, lebensbedrohlich herzkranker Patient namens Nadim Suri, ebenfalls Syrer, sucht jemanden, dem er seine bewegende Lebensgeschichte erzählen kann, bevor er stirbt. Derjenige muss anschließend dann aber auch wirklich in der Lage sein, sie angemessen zu Papier zu bringen. Diese Lebensbeichte bildet den eigentlichen, inneren Roman, der sich chronologisch an all den Frauen orientiert, denen Nadim in seinem turbulenten Leben begegnet ist. An den zehn Tagen, in denen Nadim dann in typisch orientalischer Weitschweifigkeit davon erzählt, darf neben Said als Zuhörer und Protokollant nur die blonde Krankenschwester Alexandra anwesend sein, die voraussichtlich Nadims letzte Liebe sein wird.
eginnend mit einem Kapitel, das unter dem Titel «Monalisa» seiner Mutter gewidmet ist, berichtet der Patient nun tagelang von seinem vergänglichen Glück mit den Frauen seines Lebens, die für ihn auf ganz unterschiedliche Weise alle prägend waren. Oft wurde er enttäuscht oder verletzt, manchmal hat auch das Schicksal grausam zugeschlagen oder der Zufall alles in Frage gestellt. Quasi als dritte Erzählebene fügt der Kranke immer wieder hunderte von meist kurzen Episoden oder Anekdoten ein, von denen er gehört habe. Dabei verliert er nicht selten den Erzählfaden: «Wo war ich stehen geblieben», heißt es dann. Oft beginnen diese Abschweifungen auch mit: «Übrigens, kennst du die Geschichte von …» oder mit der Vorbemerkung: «Dazu muss ich etwas weiter ausholen», die arabeskenhaft eine neue dieser vielen kurzen Episoden einleitet.
Dieses narrative Mosaik bewirkt eine kurzweilige Lektüre, die insofern bereichernd ist, als hier auch religions- und sozialkritisch über viele den Orient betreffende, kulturelle und politische Gegebenheiten berichtet wird. Erfreulich sind zudem die literarischen Verweise auf bekannte Autoren sowie auf die als Lebensweisheiten eingeflochtenen Zitate und kontemplativen Fragen. Wen wundert’s da, dass Rafik Schami hierzulande schon lange als Bestseller-Autor gilt!
Fazit: erfreulich
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