Die langen Abende

Wer bin ich gewesen?

Der Name ‹Olive Kitteridge› ist seit der Verleihung des Pulitzer Preises für den gleichnamigen Roman von Elisabeth Strout bekannt, nun hat sie zwölf Jahre später mit «Olive, Again» eine Fortsetzung geschrieben, die kürzlich unter dem Titel «Die langen Abende» auch auf Deutsch erschienen ist. Ein Blick in ihre Vita erklärt die Thematik ihrer Geschichte, die amerikanische Autorin hat neben Jura auch Gerontologie studiert und ist folglich bestens vertraut mit der Misere des alternden Menschen. Wie der deutsche Titel schon andeutet, geht es um Verlorenheit und Einsamkeit in diesem Roman, eine innere Leere, von der auch die toughe Protagonistin im Alter nicht verschont bleibt.

Die Heldin ist pensionierte Mathematik-Lehrerin in einer kleinen Küstenstadt des US-Bundesstaats Maine, sie ist für ihre kratzbürstige Art berüchtigt. Nachdem ihr Mann gestorben ist, bahnt sich zwischen ihr und einem ehemaligen Harvard-Professor eine Beziehung an. Beide sind sehr einsam, ihre Kinder sind ihnen fremd geworden, sie haben kaum noch Kontakt zu ihnen. In Rückblenden erzählt die Autorin von den Vorbedingungen dieser Entfremdung, deren Ursache oft auch in ihnen selbst zu finden ist. Und zwar in ihrem wenig empathischen Verhalten sowohl den eigenen Kindern gegenüber, für das es im Nachhinein kaum eine Erklärung gibt, ebenso aber auch zu den Enkeln. Sie heiraten und erleben ziemlich überraschend und von Olive unerwartet doch noch eine zufriedenstellende, fast glücklich zu nennende Zeit miteinander. Zusätzlich werden anekdotisch diverse andere Figuren eingebunden, die alle nur lose mit der zynischen, geradezu verbiesterten alten Frau verbunden sind. Die schließlich durch alle Plagen des Alterns hindurch muss, als 83Jährige aber noch munter Auto fährt, auch wenn sie schon mal das Brems- mit dem Gaspedal verwechselt.

Elisabeth Strout erzählt ihre beklemmende Geschichte aus einer resignativen Sicht und in einer nüchternen, auf das Nötigste reduzierten, manchmal etwas holperigen Sprache. Zu den wenigen Lichtblicken gehören die in der Biestigkeit ihrer Heroine liegenden, komischen Situationen, aber auch deren verblüffende Schlagfertigkeit gibt öfter mal Anlass zum Schmunzeln. Als Olive am Pick-up ihrer Putzfrau einen Aufkleber «mit dem Namen dieses orangehaarigen Kotzbrockens, der jetzt Präsident war» entdeckt, «hätte sie fast den nächsten Herzinfarkt bekommen». Schließlich stellt sich bei ihr im Verlauf der Erzählung aber ein gewisses Maß an Altersmilde ein, ihre Kampfeslust lässt jedenfalls deutlich nach, und Vieles, was sie sonst in Rage gebracht hätte, lässt sie schon mal unkommentiert einfach so durchgehen. Ihre zunehmenden Selbstzweifel machen sie am Ende fast sympathisch, und so notiert sie als Schlusssatz ihrer Erinnerungen, mit denen die Hochbetagte sich so manches von der Seele geschrieben hat: «Ich könnte nicht sagen, wer ich gewesen bin. Ganz ehrlich, ich begreife gar nichts».

Dieser episodisch angelegte Roman lässt kaum ein Klischee aus, um die familiären Zerrüttungen zu beschreiben, die beim Lesen ein frostiges Klima erzeugen. Der Plot plätschert vorhersehbar und an immer den gleichen Schauplätzen in einer drögen Kleinstadt nahezu ereignislos vor sich hin. Auch die wortkargen Dialoge der wenig sympathischen, blutleeren Figuren tragen kaum etwas dazu bei, ihre psychischen Leerstellen aufzudecken als mögliche Ursache ihrer bedrückenden Hoffnungslosigkeit. So etwas wie Lebensfreude ist bei keiner der geradezu verstockten Figuren zu erkennen, auch bei den Nebenfiguren nicht. Großenteils also Menschen, die man als Leser nicht kennen möchte in der Realität, – und die so geballt wohl auch nur in einem Roman vorkommen! Es herrscht nur Bitternis, schicksalhafte Tragik dominiert das Narrativ. Als Versuch, heutiger Lebenswirklichkeit näher zu kommen, scheitert dieser Roman grandios an der unzureichenden stilistischen Umsetzung, ein kreativer oder gar originärer Impetus ist vor lauter Stereotypen nicht erkennbar.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Kaffee und Zigaretten

In »Kaffee und Zigaretten« sammelt Ferdinand von Schirach 48 Gedankenschnipsel. Diese könnten aus Tagebüchern stammen oder als kurze Beobachtungen aufgezeichnet worden sein.

Ferdinand von Schirach polarisiert mit seinem übersichtlichen Kaffeehaus-Büchlein. Ob er sich darin als »großartiger Erzähler« (New York Times) oder als »außergewöhnlicher Stilist« (Independent) zeigt, mag dahingestellt bleiben. Die in dem Band versammelten kurzen Notizen und Betrachtungen, Aperçus und Erzählungen hinterlassen einen flüchtig-schalen Eindruck. Weiterlesen


Genre: Kurzprosa
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Herbst

Was liest du demnächst?

Als erster Band einer lange schon geplanten Jahreszeiten-Tetralogie der schottischen Schriftstellerin Ali Smith, der im Original 2016 erschien, wurde kürzlich der Roman «Herbst» auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Während der Arbeiten an dem Buch wurde in Großbritannien über den Austritt aus der EU abgestimmt, seither ist das Land unversöhnlich in Befürworter und Gegner der EU-Mitgliedschaft gespalten. In Echtzeit quasi hat die Autorin diese seit dem knappen Votum vergiftete Stimmung in ihren Roman eingebaut. Nun aber gleich von einem Brexit-Roman zu sprechen, wie verschiedentlich geschehen, ist allerdings Nonsens, es sind kaum mehr als zwei Seiten, die sich diesem Thema wirklich explizit widmen. Verglichen mit der euphorischen Aufnahme des Romans in Großbritannien ist die Rezeption in Deutschland, trotz positiver Kritiken, bisher jedoch recht verhalten.

Daniel Gluck, 101 Jahre alt, dämmert in einem Pflegeheim dem Tod entgegen. Am Bett des ehemaligen Schlagerkomponisten sitzt tagtäglich die 32jährige Elizabeth Demand, in prekären Verhältnissen lebende Aushilfsdozentin für Kunstgeschichte, für die Daniel als Kind eine Art Vaterersatz war. Er wohnte im Nachbarhaus, hat sich rührend um sie gekümmert und war später ihr Mentor auf dem Weg ins Erwachsenenleben. «Was liest du gerade?» war die Standardformel, mit der Daniel die ohne Vater aufwachsende Nachbarstochter begrüßt hat. Er hat sie damals zum Lesen animiert, stundenlang mit ihr diskutiert und sie zu kritischem Denken angeleitet, sie waren beste Freunde trotz des Altersunterschieds von fast siebzig Jahren. Mit ihren Besuchen am Sterbebett will sie ihm jetzt einiges von dem zurückgeben, was er einst so selbstlos für sie als Heranwachsende getan hat. Neben der sensibilisierten Fähigkeit zur Wahrnehmung hat er vor allem ihr Selbstbewusstsein gestärkt und sie zu größtmöglicher Eigenständigkeit animiert als Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes, gelungenes Leben.

«Was liest du gerade?» ist mehr als eine Begrüßungsformel zwischen den Beiden, es ist geradezu der Schlüssel für diesen Roman. Denn für die nur biologisch, nicht mental ungleichen Freunde sind Bücher der Code für die Rätsel des Lebens, sie erschließen viele Geheimnisse und eignen sich ideal dazu, reale Probleme zu verbildlichen und Lösungsansätze aufzuzeigen bei ihren philosophischen Diskursen. Zudem gibt es intertextuelle Bezüge zuhauf, wie in anderen Werken von Ali Smith vor allem natürlich auf Shakespeare. Hier aber sehr ausführlich auch auf die viel zu früh verstorbene Malerin Pauline Boty, die nach mehr als 30 Jahren erst als feministische Pop-Art-Künstlerin wiederentdeckt wurde. Und sie wiederum wurde durch ein Aktfoto von Christine Keeler, juristischer Mittelpunkt der Profumo-Affäre, künstlerisch zu einem Trompe-l’œil inspiriert. Die «Metamorphosen» von Ovid dienen hier als Vorlage für eine Erzählung, in der die Verwandlung auf vielerlei Art thematisiert wird, alles befindet sich im Fluss, einzige Konstante ist die permanente Veränderung.

Erzählt wird dieses beeindruckende Plädoyer für mehr Menschlichkeit in einer ausgesprochen poetischen Sprache, die jedoch recht artifiziell wirkt und daher gewöhnungsbedürftig ist. Es ist deshalb sicher nicht leicht, Zugang zu diesem Roman zu finden, der thematisch die berührende Freundschaft eines extrem ungleichen Paares der feindseligen Spaltung der britischen Gesellschaft gegenüberstellt und beides durch die versöhnende Kraft der Kunst zu relativieren versucht. In meist kurzen Kapiteln werden viele Erzählschnipsel meist zusammenhanglos aneinander gereiht, eine stringente Handlung fehlt völlig. In Form von übermütigem Wortwitz, der erfreulicherweise auch die kongeniale deutsche Übersetzung bereichert, kommt der typisch britische Humor nicht zu kurz, wobei insbesondere eine absurde, an Monty Python erinnernde Episode um ein nicht vorschriftsmäßiges Passfoto die Lachmuskeln strapaziert. Was lesen Sie, was liest du demnächst?

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Gespräche mit Freunden

Geschichte ohne Fazit

Mit ihrem Debütroman «Gespräche mit Freunden» ist die Schriftstellerin Sally Rooney auf Anhieb zum Shootingstar der irischen Literatur avanciert. Sie könne nicht nachvollziehen, warum dieser ganze Hype um sie gemacht wird, hat sie erklärt. Die kürzlich erschienene deutsche Erstausgabe wurde hingegen von Feuilleton und Leserschaft deutlich weniger euphorisch aufgenommen als im englischen Sprachraum. Wie der Titel schon andeutet, handelt es sich um eine weitgehend dialogisch angelegte Erzählung, es wird also viel geredet in diesem Erstling der 28jährigen Autorin, die eine typische Vertreterin der im neuen Jahrtausend sozialisierten Millenium-Generation ist.

Der Roman wird chronologisch aus der Perspektive der 21jährigen Frances erzählt, einer Dubliner Literaturstudentin, die mit ihrer Freundin Bobbi als Schülerin mal eine lesbische Beziehung hatte. Die beiden nach wie vor geradezu symbiotisch verbundenen Studentinnen treten gemeinsam bei Spoken-Word-Events auf, wobei Frances alle Texte schreibt, während Bobbi die bessere Interpretin ist. Bei einer solchen Veranstaltung lernen sie die 37jährige Journalistin Melissa kennen, welche die Beiden anschließend spontan zu einem Drink zu sich nach Hause einlädt. Dort lernen sie ihren Mann Nick kennen, einen fünf Jahre jüngeren, charismatischen Schauspieler, der mit seiner auffallenden Präsenz auf Frances unwiderstehlich wirkt, – während Bobbi sofort mit Melissa zu flirten beginnt. Die sich andeutende Menage à Quatre ist denn auch das narrative Gerüst des Romans, der zeitweilig unter Depressionen leidende Nick und die noch jungfräuliche Frances landen im Bett und haben tollen Sex. Ob mit Melissa und Bobbi Ähnliches passiert bleibt offen. Der zweite Teil des Romans beginnt mit einer Zäsur, als Bobbi schließlich von der heimlichen Affäre mit Nick erfährt, es kommt irgendwann sogar zum offenen Bruch zwischen den beiden besten Freundinnen, die sich immer mehr entfremdet haben.

Die Adoleszenz der von Selbstzweifeln geplagten, introvertierten Ich-Erzählerin Frances steht im Mittelpunkt dieses modernen Entwicklungsromans, sie ist sich ihrer Gefühle nicht sicher. Ihre Beziehung zu Nick ist für sie ein intellektuelles Machtspiel. Er führt eine offene Ehe, hat Melissa irgendwann über seine Liaison informiert, kann von Frances aber ebenso wenig lassen wie sie von ihm. Emotional kommt sie nicht klar mit einer Situation, die nirgends hinführt, für die sich nicht mal andeutungsweise eine Lösung abzeichnet. Als Intellektuelle führen die vier Protagonisten endlose Gespräche über Literatur, Politik, Klassenunterschiede, Beziehungen, Freundschaften, Gleichberechtigung, – und über Liebe und Sex natürlich. Die sich selbst als Marxistin stilisierende Sally Rooney ist eine begnadete Rhetorikerin, die als 22Jährige den Debattier-Wettbewerb der europäischen Universitäten gewonnen hat. Entsprechend strotzt ihr für eine erklärtermaßen intellektuelle Leserschaft geschriebener, zeitgenössischer Roman geradezu von kämpferisch geführten, scharfsinnigen Diskursen.

Es sind diese endlosen Diskurse, die narrativ im Vordergrund stehen, die Figuren selbst bleiben charakterlich vage, sie irritieren oft durch ihr Verhalten in diesem komplizierten Beziehungsgeflecht. Die Autorin beschreibt detailliert dieses Verhalten, überlässt es aber dem Leser, sich in das psychische Profil der Figuren hineinzudenken, was bei Frances mit ihrem fatalen Hang zu quälendem Reflektieren schwierig ist. Die als literarische Stimme des Millennials apostrophierte Sally Rooney hat einen leicht lesbaren Roman voller Klischees vom Typ Pageturner vorgelegt, bei dem man den Eindruck hat, dass sie beim Schreiben nicht genau wusste, wohin sie den Leser denn nun eigentlich führen will. Ihre Protagonistin Frances bezeichnet an einer Stelle einen ihrer Tage als zu peinlich, um erzählt zu werden, als eine «Geschichte ohne Fazit», – der ganze Roman ist genau das, er ringt seiner uralten Thematik keine neuen Aspekte ab!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Es hätte mir genauso

Anspruchsvolle literarische Nische

Die in Großbritannien sehr geschätzte schottische Schriftstellerin Ali Smith hat in ihrem 2012 erschienenen Roman mit dem kryptischen Titel «Es hätte mir genauso» wieder eines der für sie typischen Prosawerke geschrieben, in denen die schiere Lust an der Sprache rigoros die schnöde Realität verdrängt. Als ehemalige Literaturdozentin benutzt sie gekonnt alle Facetten der Diktion und entlarvt ihren zweifellos statusabhängigen Wert. Im Jahre 2015 wurde sie durch die Aufnahme als Commander in den Ritterorden «Order of the British Empire» geehrt, Ali Smith erhielt ferner diverse britische Buchpreise, der vorliegende Roman wurde von einer professionellen 82köpfigen, nichtbritischen Jury sogar in den BBC-Kanon der hundert bedeutendsten britischen Romane aufgenommen. In Deutschland ist sie so gut wie unbekannt und besetzt mit ihrer ureigenen Poetologie allenfalls eine anspruchsvolle literarische Marktnische. Aber gerade in die hineinzuleuchten ist ja manchmal überaus lohnend für aufnahmebereite, wissbegierige Leser.

Der Roman beginnt mit dem unsinnigen, geradezu widersprüchlichen Satz «Tatsache ist, denk dir einen Mann, der in einem Gästezimmer auf einem Hometrainer sitzt», gleich am Anfang also geraten bereits Realität und Fiktion narrativ in Kollision. In vier mit jeweils einem der Wörter des Buchtitels überschriebenen Kapiteln erzählt die Autorin eine aberwitzige Geschichte, die mit einer Dinnerparty im Londoner Stadtteil Greenwich beginnt. Mark, einer der Gäste bringt überraschend einen Freund mit, Miles Garth, eine Zufallsbekanntschaft vom Vortage. Die Runde diskutiert eifrig, als Miles sich vor dem Dessert erhebt, ins Obergeschoss verschwindet und nicht mehr von dort zurückkommt, er hat sich ins Gästezimmer eingeschlossen und antwortet auch nicht, als die Gastgeber an die Tür klopfen und ihn rufen. Das bleibt dann so, er wird als ungebetener, monatelanger Dauergast schließlich sogar berühmt, sein Fall spricht sich herum, bald schon wird das Haus von gaffenden Fans belagert, sind Fernsehteams vor Ort, etablieren sich bereits Merchandising-Verkäufer, obwohl Miles sich nicht sehen lässt und mit niemandem spricht. Genüsslich karikiert Ali Smith mit diesem Hype als Rahmengeschichte die sensationsgeile Massengesellschaft und stellt ihr dann in den folgenden Kapiteln seine eigentlichen Protagonisten gegenüber.

Da ist zunächst Anna, die mit Miles vor Jahrzehnten eine Europareise unternommen, ihn aber seither völlig aus den Augen verloren hat, sodann Mark, den mit Milo, wie die Menge Miles inzwischen nennt, eine homoerotische Neigung verbindet, schließlich die demente May, deren Mark sich bei ihrem Ausbruch aus der Klinik liebevoll annimmt. Aber die neunjährige Brooke, ein äußerst wissbegieriges, vorlautes Mädchen aus der Nachbarschaft, ist die eigentliche Schlüsselfigur des Romans, ihre Gespräche mit den Eltern, beide Akademiker offensichtlich, gehören zu den ebenso amüsanten wie intellektuellen Höhepunkten des Romans. Speziell in diesen köstlichen Dialogen, und mit der ungebremsten kindlichen Schwatzhaftigkeit, demontiert Ali Smith aus ungewohnter Perspektive genüsslich weitverbreitete Erwartungshaltungen, entlarvt gängige Klischees, eine narrative Methode, die man auch aus anderen ihrer Werke kennt.

Ohne Zweifel ist die Geschichte selbst nur ein Vehikel der Autorin. Ihr geht es erkennbar um das Spiel mit Sprache, das sie ganz unprätentiös und mit leichter Hand, mit Witzen, abgedroschenen Phrasen und kreativen Wortspielen in ihre Erzählung einbringt. Bei allem Wortzauber, den derzeit unter den deutschsprachigen Autoren kaum jemand ähnlich virtuos beherrscht, ist letztendlich die Sprachkritik ihr Anliegen. Dabei bleibt der Plot nebensächlich, selbst den Grund für die Verbarrikadierung von Miles lässt sie offen, keine Lektüre also für handlungsorientierte Leser. Die anderen aber werden ihren Lesegenuss zweifelsohne finden.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Herkunft

Mit Oma im Drachenhort

Der vom Feuilleton als Shootingstar gefeierte Schriftsteller Saša Stanišić hat mit «Herkunft» gerade seinen vierten Prosaband veröffentlicht. Es ist eine fiktionale Autobiografie des 1992 mit seiner muslimischen Mutter wegen des Balkankriegs aus Bosnien geflüchteten und in Heidelberg gelandeten, damals 14jährigen Migranten. Der in seinem Buch zu Recht die verblüffende Feststellung macht, würde jemand die gleiche Flucht nach Deutschland heutzutage antreten, wäre sie spätestens am Stacheldraht der Grenze zu Ungarn beendet. Neben der alles überlagernden Problematik der Migration wird in dieser unermüdlichen Spurensuche Heimat, Familie, Sprache, Fremdsein, Altwerden thematisiert, wobei dem Sammeln und kritischen Bewerten von Erinnerungen vom Autor gleichberechtigt das Erfinden und Ausschmücken derselben als fiktionales Pendant gegenüber gestellt ist.

Der Idylle einer vom Bombenkrieg verschonten Altstadt in Heidelberg mit dem berühmten Schloss als Touristen-Attraktion steht die bescheidene Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Emmertsgrund gegenüber, wo die dümmlichen Vorurteile der Einheimischen den Migranten gegenüber bis heute andauern, wie man aktuell der Presse entnehmen kann. Die Mutter, eine Politologin, muss in einer Wäscherei arbeiten, der seiner Familie nachgereiste Vater, Betriebswirt von Beruf, verlegt Rohre auf einer Großbaustelle und ruiniert sich seinen Rücken dabei. Neben der demütigenden Arbeit weit unter Niveau und der prekären finanziellen Situation bedeutet die permanente Angst vor Abschiebung eine schwere Last für die Familie. Nach dem Abitur hat der Sohn das Glück, an einen verständigen Sachbearbeiter bei der Ausländerbehörde zu geraten, der ihm aufgrund seiner Immatrikulation an der Uni ein Bleiberecht einräumt. Und während seine Eltern irgendwann tatsächlich nach Bosnien abgeschoben werden, kann er später den zum Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft erforderlichen Einkommensnachweis durch den finanziellen Ertrag seiner ersten Buchveröffentlichungen erbringen.

In stetem Wechsel und mit großen Zeitsprüngen erzählt Saša Stanišić in ultrakurzen Kapiteln von seiner neuen und von der alten Heimat, berichtet humorvoll von vielen Besuchen dort. Seine Kindheit in Višegrad, jenem kleinen Städtchen, dem sein berühmter Kollege Ivo Andrić, Nobelpreisträger von 1961, mit dem Roman «Die Brücke über die Drina» ein grandioses literarisches Denkmal gesetzt hat, war geprägt von der innigen Beziehung zu seiner Großmutter. Sie hat ihm später dann einerseits viele Geschichten erzählt für seine Herkunftsforschung, verliert andererseits aber wegen ihrer Altersdemenz zunehmend die Erinnerungen, erkennt ihn meist nicht mehr als ihren Enkel und wartet auf die Rückkehr ihres vor zwanzig Jahren verstorbenen Mannes von einer Bergtour.

Auch in diesem Buch brennt der Autor bei seinem beherzten Anschreiben gegen das Vergessen stilistisch geschickt wieder ein Feuerwerk ab an flockigen Begriffen und urkomischen Metaphern in seinen szenisch oszillierenden, Schlag auf Schlag folgenden Kurzkapiteln. Wobei sein vehement vorwärtsdrängender, oft stakkatoartiger Schreibstil dennoch nicht verhindert, dass er sich erzählend immer wieder fast ins Uferlose verliert, «Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens» merkt er dazu an. Besonders abschweifend wird es dann, wenn er im nachwortartigen letzten Teil unter dem Titel «Der Drachenhort» die tote Oma ins Jenseits begleitet, in die Drachenwelt der bosnischen Sagen. Ein von überbordender Phantasie beflügelter, mit dutzenden von Sprungmarken gegliederter und trickreich inszenierter Schluss, – mit multiplem Ende auch noch -, zeugt von der unbändigen Fabulierlust des Autors. Die narrative Dominanz der Oma-Geschichte jedoch mit ihren ständigen Wiederholungen ist entschieden zu viel des Guten, es stellt sich schon bald lähmende Langeweile ein, die so manchen Leser zum vorzeitigen Abbruch verleiten dürfte. Shootingstar hin oder her!

Fazit: mäßig

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Genre: Autobiografie
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Das Handbuch der Inquisitoren

Der Leser als literarischer Großinquisitor

Eine Befragung simulierend erzählt der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes in seinem Roman «Das Handbuch der Inquisitoren» vom Ende des Salazar-Regimes, das er am Schicksal seines Protagonisten und dessen Familie spiegelt. Das 1997 erschienene Buch gilt als ein Klassiker der Weltliteratur, sein Autor wird zudem seit Jahrzehnten als Nobelpreiskandidat gehandelt, – bisher vergebens. Der Kommunist und Psychiater rechnet in diesem vielschichtigen Werk rigoros vor allem mit der verhassten Diktatur des sogenannten Estado Novo ab, wobei er konsequent die Perspektive der «kleinen Leute» einnimmt. Neben unglücklichen Liebesgeschichten werden dabei auch Krankheit, Alter und Tod thematisiert, und die Angst vor den Gewaltexzessen dieses autoritären Regimes ist ebenfalls allgegenwärtig. Wir haben es, wie in vielen Romanen seines umfangreichen Œuvres, hier auch wieder mit einer düsteren Geschichte des Untergangs zu tun.

Der Protagonist Francisco, genannt «der Doktor», ist ein einflussreicher Minister unter Salazar und lebt wie ein Feudalfürst auf seinem pompöse Landgut Palmela in der Nähe Lissabons. Auf ein Wort von ihm erledigt ein Major vom Geheimdienst skrupellos alle seine Aufträge, diskret und zuverlässig. Das Unglück dieses Tyrannen beginnt, als seine Frau Isabel ihn betrügt und schon bald auch verlässt. Die Frau des Apothekers wird seine Geliebte, kein Dienstmädchen ist vor ihm sicher, und die Köchin bekommt heimlich ein Kind von ihm, bei dem der Veterinär als Geburtshelfer fungiert. In einer jungen Kurzwarenhändlerin meint er schließlich Isabel zu erkennen und macht sie zu seiner Mätresse. Mit der Nelken-Revolution 1974, dem Sturz des Salazar-Regimes, endet schließlich seine Allmacht, er wird entlassen, verarmt, das Gut verkommt zusehends, er verbarrikadiert sich aus Angst vor den Kommunisten und droht, jedem von ihnen «eine Kugel zwischen die Hörner» zu verpassen, der sich ihm auch nur nähert. Am Ende des Romans liegt er als Greis hilflos in einer Pflegestation: «Pipi Herr Doktor Pipi wir wollen doch nicht den sauberen Schlafanzug schmutzig machen nicht wahr Herr Doktor?»

Folgt man Heimito von Doderer, könnte man folgern, dies ist ein Werk der Kunst, weil man kaum eine kurzgefasste, stimmige Inhaltsangabe davon schreiben kann. Der in fünf Abschnitte unterteilte, gesellschaftskritische Roman mit 29 Kapiteln, abwechselnd als Bericht oder Kommentar betitelt, lässt nicht weniger als 19 Ich-Erzähler zu Wort kommen. Wer da jeweils spricht bleibt oft erst mal im Dunkeln, bis dann irgendwann beiläufig ein Hinweis Klärung bringt. Äußerst hilfreich ist hier übrigens der detaillierte Artikel in Wikipedia, welcher das Wirrwarr dieses komplexen Stimmen-Konstrukts aufdröselt und die inneren Zusammenhänge auch in zeitlicher Hinsicht verdeutlicht. Denn sprachlich unterscheiden sich diese Erzählerfiguren selbst in ihrem Bewusstseinsstrom nicht voneinander, obwohl sie doch ganz verschiedenen sozialen Schichten angehören. Stilistisch auffallend sind die häufig fehlende Interpunktion sowie die nach einem Absatz durch Gedankenstrich eingeleitete wörtliche Rede, vor allem aber kommen einem viele sich wörtlich wiederholende, längere Textpassagen zunächst recht befremdlich vor.

«Ich möchte die Kunst des Romans verändern. Ich möchte eine neue, nie dagewesene Art erfinden, die Dinge auszudrücken», hat António Lobo Antunes selbstbewusst erklärt. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten liest man sich schnell ein in diese vielstimmige, anspruchsvolle Prosa und folgt gespannt dem dramaturgisch verwickelten Geschehen. Der Leser selbst fungiert dabei als literarischer Großinquisitor, es gibt nämlich keine moderierende Autorenstimme. Und so ist er als Leser es folglich auch, bei dem die Fäden der Handlung zusammenlaufen und richtig sortiert und aneinander gefügt werden müssen, selbst wenn sich ihm nicht immer alles sofort und stimmig erschließt. Aber es lohnt sich allemal und öffnet neue Horizonte!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Töchter

Auf Kolportage-Kurs

Lucy Fricke hat mit ihrem Bestseller «Töchter» einen Roman vorgelegt, der thematisch an zwei Roadmovies erinnert, die sie in ihrer Geschichte sogar selbst anspricht. Wie in «Thelma und Louise» und auch in «Tschick» geht es um eine groteske Flucht mit dem Auto, welches hier nicht nur als Gefährt, sondern auch als Rückzugsort aus prekären Verhältnissen dient. Und die zwei Heldinnen in Frickes Roadtrip stehen, – genau wie in den genannten Spielfilmen -, auch ziemlich bald vor der Frage, wie finden wir da wieder raus? Die Autorin hätte als Titel eben so gut «Väter» wählen können, denn um die geht es den beiden Frauen letztendlich.

Die Ich-Erzählerin Betty ist eine alleinstehende Schriftstellerin um die vierzig, deren gleichaltrige Freundin Martha sie bittet, ihren todkranken Vater in eine Sterbeklinik in der Schweiz zu bringen. Der möchte unbedingt in seinem eigenen Auto dorthin gefahren werden, und da Martha sich nach einem schweren Unfall nicht mehr selbst ans Steuer setzt, soll ihre beste Freundin sie beide chauffieren. Während der Fahrt in dem klapperigen alten VW-Golf, die die Frauen nur widerstrebend antreten, gesteht der Vater irgendwann, dass die Sterbeklinik nur ein Vorwand war, in Wirklichkeit wolle er an den Lago Maggiore. Seine Jugendliebe, eine gelernte Krankenschwester, habe ihn dorthin eingeladen, um ihn bis zum nahen Tod selbst zu pflegen. Die beiden Freundinnen beschließen, nachdem sie ihn dort abgesetzt haben, nicht sofort wieder heimzufahren. Betty möchte nach ihrem geliebten Ziehvater suchen, der sie und ihre Mutter einst so schmählich verlassen hatte und sich dann nie mehr gemeldet hat, angeblich sei er seit zehn Jahren tot. In einem kleinen Dorf in Italien findet sie tatsächlich sein Grab, bei weiteren Recherchen stößt sie allerdings auf eine Front des Schweigens und bekommt Zweifel. Bis sie schließlich doch noch den Tipp erhält, auf einer abgelegenen griechischen Insel weiter zu suchen.

Dieser Roman über die Leerstellen, die durch Vaterlosigkeit entstehen, zählt zur Kategorie der Pageturner, mit flotter Feder erzählt Lucy Fricke ihre Geschichte in einer leicht lesbaren Sprache. Ihr Plot ist klug konstruiert und erzeugt mit seinen immer wieder überraschenden Wendungen den geschickt dosierten Sog beim Leser, der turbulenten Handlung weiter zu folgen. Die Autorin streut dabei allerlei philosophische Betrachtungen und Lebensweisheiten in ihre tragische Geschichte ein und betont ihren Realismus, indem sie zum Beispiel im Buch Esoterik definiert als «Die schlimmste vorstellbare Wahrnehmung der Wirklichkeit». Das alles ist amüsant zu lesen, ohne dass es einem gleich «die Lachtränen in die Augen treiben» würde wie dem im Klappentext zitierten, für Klamauk anfälligen Dennis Scheck. Über ihren oft abgetauchten, zwielichtigen Ziehvater tröstete Betty ihre Mutter mit den Worten: «Mach dir keine Sorgen, Mama, er ist bloß für die Mafia unterwegs. Wahrscheinlich wäre sie erleichtert gewesen. Besser einer, der nachts Leute umlegte, als dass er Frauen flachlegte».

Die allesamt maroden Figuren dieses satirischen Romans sind ziemlich konturlos, ihre Vita bleibt weitgehend im Dunkeln, man wüsste aber gerne mehr, das würde auch das Verständnis des Plots erleichtern. Bei der von Lebensbilanzen und Sterbensfragen dominierten Thematik des Romans stehen den beiden Heldinnen in ihrer nicht nur altersbedingt kritischen Lebensphase zwei lebensmüde Vaterfiguren gegenüber. In der Dramatik dieser illusionslosen Geschichte vor zumeist malerischer Kulisse ist allerdings ein gewisses Pathos nicht zu übersehen. Lakonisch wird immer wieder seelisch Verschüttetes zutage fördert, bedauerlich aber ist, dass diesem narrativen Element nicht weiter nachgegangen wird, es fehlt an gedanklicher Tiefe. Neben einigen Ungereimtheiten werden leider auch derart viele Klischees bedient, dass die Geschichte allzu vorhersehbar wird, sie gleitet teilweise sogar in die Kolportage ab, das Ende ist dann nur noch purer Kitsch!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Leere Herzen

Gescheit gescheitert

Auch in ihrem neuen Roman «Leere Herzen» finden sich erzählerische Elemente, welche typisch sind für die politisch engagierte Juli Zeh, die seit 2017, – aus Trotz, wie sie erklärt hat -, Mitglied der SPD ist, eine vehemente Kritikerin des demokratiemüden Zeitgeistes. Und so sei denn auch ihr dystopischer Roman, ursprünglich ein reines Gedankenspiel, wie sie im Interview erklärte, in den zwei Jahren seines Entstehens, zum Teil zumindest, bereits von der Wirklichkeit eingeholt worden, – als Prognose allerdings sei er trotzdem nicht anzusehen. Insoweit kann man das Buch aber, neben seinem zweifellos im Vordergrund stehenden Unterhaltungswert, auch als einen Weckruf zu politischer Teilhabe verstehen, zur Abkehr von einer um sich greifenden Politikverdrossenheit in Deutschland, mit all den fatalen Folgen für das jahrzehntelang stabile Parteiengefüge. Das Timing für diesen Roman hätte jedenfalls besser kaum sein können!

Im Jahre 2025, nach Angela Merkels Rücktritt (sic!), regiert in Deutschland die BBB, die populistische «Besorgte-Bürger-Bewegung», und breite Schichten Politikverdrossener sind mangels eigener Überzeugungen einfach in die innere Emigration abgetaucht. Als die toughe, aber ebenfalls völlig desillusionierte Britta auf den scheinbar lebensmüden Babak trifft, ein Nerd durch und durch, entsteht spontan die Idee für ein gemeinsames Unternehmen, das aktiv und wirksam in das desaströse politische Geschehen eingreifen kann. Jemand, der Suizid begehen will, so die Überlegung, könne seinen geplanten Tod doch zusätzlich auch noch zu einer wirkungsvollen politischen Aktion nutzen im Kampf gegen die verhasste BBB. Klar, die mit ihren Sprengstoffgürteln Tod und Verderben verbreitenden, islamistischen Selbstmordattentäter standen Pate bei dieser radikalen Geschäftsidee.

Und tatsächlich, der von Babak entwickelte, geniale Algorithmus fischt potentielle Kandidaten aus dem Internet, mit denen die Firma dann diskret Kontakt aufnimmt, um sie später, – nach allerstrengsten Auslesekriterien, versteht sich -, mit ausgeklügelten Trainingsmethoden auf ihren Einsatz vorzubereiten. Diese suizidalen lebenden Bomben werden als Attentäter anschließend ebenso diskret verschiedenen «Organisationen», die sehr hohe Summen dafür zu zahlen bereit sind, für robuste Einsätze angeboten. «Die Brücke» hat sich in Folge zu einer hochprofitablen Firma entwickelt und Britta und Babak sehr schnell sehr reich gemacht. Ihr todbringendes Geschäft bekommt aber plötzlich Konkurrenz, der als Politthriller apostrophierte Roman handelt im Wesentlichen von dem erbitterten Kampf gegen unbekannte Trittbrettfahrer, die unter dem Namen «Leere Herzen» einen dilettantischen Anschlag verübt haben. Anscheinend ist ihnen jedes Mittel recht, «Die Brücke» auszubooten.

Dieser lebensgefährliche Machtkampf mit seinen Thrillerelementen wird von einem auktorialen Erzähler in einer anspruchslosen, uninspirierten Sprache erzählt, zumeist in langen Dialogen. Die Charaktere sind wenig überzeugend angelegt, sie wirken blutleer und sind merkwürdig emotionslos. Bis auf die junge Julietta mit ihrer unbeirrbaren Todessehnsucht, die als einzige Empathie zu erzeugen vermag und den Erlös aus ihrem Selbstmordattentat dem Tierschutz vermachen will. Was da aber, einer wohl zeitbedingt vorherrschenden, narrativen Mode folgend, – also im Präsens -, geschildert wird, ist allerdings so abstrus, dass man als vernunftbegabter Leser sehr schnell die Lust verliert an dieser sich schlau dünkenden Dystopie. Der Plot ist grotesk überfrachtet, lässt kaum eines der gängigen Klischees aus und verbreitet, anbiedernd geradezu, seine vor Moral triefende Botschaft, – aufdringlich und plump nach der Holzhammer-Methode. Eskapistisch orientierte Leser sehen sich womöglich bestätigt in diesem desaströsen politischen Lehrstück, andere aber staunen, wie eine so gescheite Schriftstellerin so grandios scheitern kann mit dem Versuch, politische Horrorvisionen in Romanform zu verarbeiten.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Vor dem Fest

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Der zweite Roman des aus Bosnien-Herzegowina stammenden jungen Autors Saša Stanišić rückt ein fiktives Dorf in der Uckermark ins Rampenlicht. Dessen Bewohner feiern, der Titel «Vor dem Fest» deutet es schon an, alljährlich das traditionelle Annenfest, ohne dass jemand sagen könnte, aus welchem konkreten Anlass es eigentlich begangen wird. Es mag an der Herkunft des Autors liegen, dass in seiner sich um ein trostloses Kaff im strukturschwachen Brandenburg rankenden Geschichte, wenig mehr als zwanzig Jahre nach der Wende, die politische Vergangenheit nicht im Blickpunkt steht. Er erzählt, anders als deutsche Autoren das zu tun pflegen, weitgehend losgelöst davon, und wie er das macht, mit welchen literarischen Mitteln und in welcher Fülle an originellen Einfällen, das ist wahrlich nicht alltäglich. Sein Augenmerk gilt den individuellen Befindlichkeiten der Einwohner dieses sich langsam entvölkernden Dorfes, die er am Beispiel seiner durchaus skurrilen Protagonisten aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, ergänzt um historische Ereignisse aus dem sorgsam behüteten Heimatarchiv der kleinen Gemeinde.

Der in fünf Teile gegliederte Roman wird dreisträngig erzählt, er behandelt in seinem Hauptstrang die vierundzwanzig Stunden vor und während des Annenfestes 2013. Erzählt wird aus einer kollektiven Wir-Perspektive, die das ganze Dorf einschließt, in der jeder Protagonist Teil des dorfgeschichtlichen Chores ist und zum Canon der Hoffnungslosen seinen individuellen Beitrag leistet. Da ist zum Beispiel der ehemalige Soldat, der sich als Rentner etwas hinzuverdienen muss und als Protestwähler zur den Neoliberalen tendiert. Oder der Briefträger, der wie selbstverständlich die Post der gesamten Dorfgemeinschaft mitliest, auch nach der Wende, und sich hingebungsvoll der Hühnerzucht verschrieben hat. Es gibt die neunzigjährige Malerin, die Szenen aus dem Dorfleben in Ölbildern festhält, als Beispiel sei das Bild «Der Neonazi schläft» genannt, ‑ er sei übrigens der einzige politisch Verwirrte im Dorf, erfahren wir. Oder die depressive Frau Schwermuth (sic), die ebenso argwöhnisch wie erfolgreich über das beachtenswerte Dorfarchiv wacht. Und der uralte Fährmann, in dessen Logbuch über die Jahrzehnte hinweg nur sieben Einträge von Passagieren verzeichnet sind, einer davon ist von Angela Merkel. Schließlich tauchen unvermutet zwei fremde junge Männer auf, die in Reimen sprechen, ein durchaus verblüffendes Stilmittel des kreativen Autors. Der im Übrigen den Leser durch seinen subtilen Humor und seine überbordende Erzähllust für sich einzunehmen versteht mit seinem unkonventionellen Roman.

Aufgebaut ist diese vielschichtige Erzählung wie ein Reigen aus vielen kurzen, zunächst voneinander unabhängigen Abschnitten, die erst allmählich innere Bezüge erkennen lassen und sich dann teilweise ergänzen. Parallel zum eigentlichen Erzählstrang wird von einer Fähe, deren Bild übrigens auch den Buchumschlag ziert, und ihrem rastlosen Bemühen erzählt, beim Hühnerzüchter Eier zu stehlen, und diese Tiergeschichte ist ebenfalls häppchenweise in viele kleine Abschnitte über den gesamten Text verteilt und lose mit der Geschichte der Menschen verwoben. Gleiches gilt für den historischen Strang, der aus diversen anekdotenhaft zitierten Auszügen aus der Dorfchronik besteht, ohne erkennbare Beziehungen zueinander und mit zum Teil drastischen Berichten, zurückreichend bis ins 16ten Jahrhundert, die das Geschehen stilecht in nicht immer einfach zu lesender, dem Altdeutschen nachempfundener Sprache anreichern. Verbindungen zur eigentlichen Handlung sind nicht auszumachen, es wird vielmehr ein historischer Hintergrund beleuchtet, der das aktuelle Geschehen eindrucksvoll relativiert, schlechte Zeiten gab es schon immer, soll so dem Leser wohl bedeutet werden.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch am Ende etwas irritiert aus der Hand gelegt habe. Aber manchmal stellen sich die Wirkungen eines Textes ja erst später ein, dem Abgang beim Wein vergleichbar, der den Genuss erst perfekt macht als letztes, wichtigstes Kriterium. Genau das fehlt hier aber, wie ich inzwischen weiß, allenfalls einige amüsante Wendungen sowie der flockige Schreibstil des Autors insgesamt bleiben haften, mehr nicht. Ist das Weltliteratur, wie der Klappentext uns suggeriert? Mitnichten, da bin ich mir sicher!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Ich bekenne, ich habe gelebt

neruda-1Faszinierende Vita eines Politlyrikers

Als Memoiren bezeichnet der als lyrischer Politiker oder, ebenso stimmig, als kommunistischer Poet einzuordnende chilenische Dichter Pablo Neruda seinen Band mit dem selbstbewussten Titel «Ich bekenne, ich habe gelebt». Er hat daran bis unmittelbar vor seinem Tode 1973 gearbeitet. «Ich schreibe diese raschen Zeilen drei Tage nach den empörenden Ereignissen, die zum Tode meines großen Gefährten, des Präsidenten Allende, führten» heißt es auf der letzen Seite. Nur neun Tage später erlag er seinem Krebsleiden. Für ihn war der Militärputsch von Pinochet eine persönliche Katastrophe, die er in den allerletzten Zeilen seiner Erinnerungen desillusioniert, fast zynisch beschreibt und resignierend kommentiert. Hier am Ende wie auch im ganzen Buch zeigt sich, dass der Nobelpreisträger von 1971 ein ebenso leidenschaftlicher Dichter wie Politiker war. Für ihn gehörten Poesie und Politik zusammen, es waren zwei Seiten der gleichen Medaille, er setzte seine Lyrik ganz bewusst und wirkungsvoll immer wieder auch politisch ein.

Was für ein außergewöhnliches Leben, das der unter Pseudonym schreibende Sohn eines Lokomotivführers aus der Stadt Temuco im Süden Chiles da stolz vor dem Leser ausbreitet! Nicht in Form einer Autobiografie geschrieben allerdings, sondern als eine riesige Sammlung von Berichten über Erlebnisse und Begegnungen, von geistreichen Reflexionen, von feinfühligen Beobachtungen, dazu viele amüsante Anekdoten aus einem wahrhaft bunten Leben. Wo der Mann überall war und wen er alles kannte! Es ist eine riesige Schar an Menschen, denen er als Poet wie auch als Politiker begegnet ist, von ihm häufig als Freunde bezeichnet oder auch nur, als Mitstreiter, Kollegen, Gegenüber bei diversen Begegnungen, namentlich erwähnt. Während die genannten Politiker mir meistens bekannt waren, hatte ich mit den Poeten, insbesondere den vielen Lateinamerikanern, so meine Probleme, die meisten der illustren Namen hatte ich noch nie gehört. Das mag daran liegen, dass ich ausschließlich Epik lese, keine Lyrik, mein Brockhaus allerdings kannte manche der Namen ebenfalls nicht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Autobiografisches geschönt und idealisiert wird, der Mensch ist nun mal gefallsüchtig, auch Pablo Neruda bekennt sich offen dazu. Und so fliegen ihm in seinen Jugendjahre die Frauen mühelos zu, kriechen nächtens in sein Strohlager, ohne dass er überhaupt weiß, wen er da in Armen hält. Ein Macho braucht wohl solche verbalen Trophäen. Bei seinen sicherlich hochverdienten Ehrungen drückt der schwedische König gerade ihm die Hand ein wenig länger als allen anderen, berichtet er von der Nobelpreis-Verleihung. Das und Ähnliches mehr mag ja alles wahr sein, es wirkt aber im selbstverfassten Bericht überaus eitel und damit peinlich, auf mich jedenfalls.

Sprachlich präzise und klar, zuweilen schwärmerisch und blumig werdend, wenn es um Heimat und Natur geht, sind diese Memoiren sehr angenehm und flüssig zu lesen. Dass hier ein Lyriker schreibt, merkt man schon an den gelegentlichen, vom übrigen Text kursiv abgesetzten, kontemplativen Einschüben, alleinstehende Einzelsätze zumeist mit poetischer Anmutung. Pablo Neruda entführt den Leser in seine ganz eigene, exotische Welt und lässt ihn teilhaben an einer wahrlich außergewöhnlichen Karriere. Man kann ihm vorwerfen, er habe viele Fragen offen gelassen, politisch einäugig den Kommunismus verherrlicht, Privates weitgehend ausgeklammert. Gleichwohl ist seine Vita faszinierend, und das, was er darüber preisgibt, ist allemal die Lektüre wert.

Fazit: lesenswert

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Genre: Autobiografie
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Kassandra

wolf-1Mythischer Determinismus

Einem verpassten Flug nach Athen verdanken wir die Erzählung «Kassandra» von Christa Wolf, sie habe sich nämlich die Wartezeit lesend mit der «Orestie» des Aischylos verkürzt. Und sei dabei besonders von der Figur der Kassandra, Lieblingstochter des trojanischen Königs Priamos, beeindruckt gewesen. Von Apoll umworben und mit der Gabe einer Seherin beschenkt, wurde sie, als sie Apolls Liebe abwies, mit dem Fluch belegt, dass niemand je ihre Weissagungen glauben sollte. Eine Tragik, der sich Christa Wolf durch die DDR-Zensur damals wohl ganz ähnlich ausgesetzt sah, auf unbequeme Wahrheiten reagierten die Herrschenden auch mehr als zweieinhalbtausend Jahre später mit kleinlicher Zensur und nicht selten auch mit Repressalien. Die 1983 veröffentliche Erzählung wurde inhaltlich, zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, in Ost und West gleichermaßen geschätzt als versteckte Mahnung an die Politik, wurde aber, des Mythos wegen ebenso wie der modernen sprachlichen Umsetzung des Stoffes, auch geschätzt von einem eher unpolitischen Bildungsbürgertum in beiden deutschen Staaten. Und so gehört diese Erzählung noch heute zu den meistgelesenen Büchern dieser hochgeehrten, trotz ihrer Courage aber nicht unumstrittenen Schriftstellerin.

Eine Nebenfigur aus Homers «Ilias» also dient der Autorin als Ich-Erzählerin, wir erleben das Ende des trojanischen Krieges aus der ebenso reizvollen wie ungewohnten Perspektive dieser als Kriegsbeute des Agamemnon verschleppten Königstochter. Auf dem Karren vor den Toren von Mykenae sitzend, den unmittelbar bevorstehenden Tod durch Klytaimnestra, Agamemnons rasend eifersüchtiger Frau, erhobenen Hauptes erwartend, zieht ihr Leben im Zeitraffer noch einmal an ihr vorbei. In Rückblenden erscheint sie als Prophetin der bevorstehenden Niederlage Trojas, als unbeirrbare Mahnerin im Rat von Troja, vom Vater in den Kerker gesperrt deswegen. Als Frau letztendlich ist sie hoffnungslos unterlegen in einem Patriarchat, in der nur der Held etwas gilt, die Frau hingegen wie ein Objekt angesehen und behandelt wird, da ist auch die Königstochter nicht von ausgenommen.

Ohne sich durch 15.693 Hexameter quälen zu müssen werden wir Leser hier geradezu kurzweilig durch die wesentlichen Geschehnisse eines Epos geführt, das zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur gehört. Hand aufs Herz, welcher Normalleser kennt schon alle diese Figuren, alle Hintergründe der ausufernden griechischen Mythologie, die Heldengestalten und die Verwandtschaftsverhältnisse der Götterwelt mitsamt den unzähligen Halbgöttern? Insoweit ist die Erzählung auch eine den Horizont erweiternde Lehrstunde der griechischen Antike, die ja das Fundament unserer europäischen Kultur bildet und deren Spuren sich tagtäglich finden, nicht nur in Begriffen wie dem Kassandraruf.

Kassandra ringt, wenn auch vergeblich, um Autonomie, versucht ihren eigenen Weg zu gehen, eine feministische Außenseiterin in der männerdominierten Gesellschaft Trojas. «Ich versuche, einen Raum zu erzeugen, in dem das Irrationale, wenn es Macht hat, wie in Kassandra […], durch, ja: humane Werte ein Gegengewicht bekommt», sagte Christa Wolf in einem Interview. Die Sprache, die sie findet für ihre Geschichte, ist wohltuend knapp, geradezu komprimiert, leicht und angenehm lesbar, zuweilen verblüffend direkt in einem heutigen, modernen Stil. Der nicht selten sogar leicht ironisch wirkt und damit durchaus auch zu amüsieren vermag. Ein Kontrast zur hochgestochenen, lyrischen Dichtung des homerischen Originals jedenfalls, der angenehm überrascht von der ersten Seite an. Die politischen Seitenhiebe auf die Stasi zum Beispiel, der ein gleichermaßen rigides Spitzelsystem in Troja entspricht, die Utopie einer zwangfreien sozialistischen Gesellschaft, die im Buch etwa dem entspricht, was Kassandra bei den Armen vor den Mauern Trojas findet, Christa Wolfs Themen sind geschickt verwoben in einer deterministischen Antikriegsgeschichte, die man gelesen haben sollte.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Das Ungeheuer

mora-1On the Road mit Urne und Laptop

Dieser buchpreisgekrönte Roman wirkt polarisierend wie kaum ein zweiter, und das nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Layouts. Welches so neu allerdings nicht ist, schon Arno Schmidt benutzte ja 1960 diese auch drucktechnisch realisierte, zweisträngige Erzählweise, in seinem Roman «KAFF auch Mare Crisium» nämlich. Zehn Jahre später, in «Zettels Traum» dann, wurde es bei ihm sogar dreisträngig. Während bei Schmidt diese Erzählstränge vielfach ineinander verwoben sind, fehlt bei «Das Ungeheuer» eine vergleichbare Intertextualität, es sind deshalb eigentlich zwei Bücher, die man da liest, eines oben auf der Seite und eines unten, beide durch einen Strich getrennt. Oben handelt es sich um eine im Stil eines Roadmovies erzählte, moderne Odyssee des lethargischen Romanhelden Darius Kopp, den Mora-Fans als IT-Spezialisten schon aus dem vorhergehenden Band «Der einzige Mann auf dem Kontinent» kennen, in der unteren Hälfte liest man fragmentarische Tagebucheinträge und wirre Notizen seiner manisch depressiven Ehefrau. Flora hat sich das Leben genommen, seitdem lebt Darius apathisch dahin, denn er hat zeitgleich auch noch seinen Job verloren. Auf ihrem Laptop findet er autobiografische Skizzen, in ihrer ungarischen Muttersprache verfasst. Er lässt sie übersetzen und begibt sich spontan auf eine Reise in ihre Heimat, um dort die Urne mit ihrer Asche zu bestatten, ein letzter Liebesdienst an seiner Frau, von der er wenig wusste, wie er nun erkennt. Entfremdung also ist das Generalthema dieses Romans.

Nach der für mich seinerzeit unerquicklichen Lektüre von Moras Roman-Erstling «Alle Tage» hätte ich dieses Buch wohl links liegen lassen, wäre da nicht der Buchpreis gewesen, der einen denn doch neugierig macht. Und so fand ich nun auch hier wieder das schon erwartete Panoptikum ziemlich seltsamer Figuren, von denen einem keine wirklich sympathisch wird, alle erscheinen seltsam distanziert und rätselhaft, mir jedenfalls. Die Situationen auf der chaotisch verlaufenden Osteuropa-Reise sind teilweise grotesk, es entfaltet sich ein sehr gekonnt erzählter, kunterbunter Bilderbogen an Eindrücken und Geschehnissen auf dieser schier endlosen Autofahrt, die man zu Recht als Fahrt ins Blaue bezeichnen könnte, deren Etappen jedenfalls weitgehend der Zufall bestimmt.

Immer wieder schwenkt die detailreiche Erzählung zwischen Realität und Imagination hin und her, wechselt die Perspektive vom Er- zum Ich-Erzähler, nicht selten sogar im gleichen Satz. Auch Flora taucht da plötzlich auf und redet mit Darius, ganz souverän wendet die Autorin in ihrem neuen Roman viele moderne Stilmittel an, der innere Dialog zum Beispiel, aber sehr häufig auch Bewusstseinsstrom und inneren Monolog, an den «Ulysses» von James Joyce erinnernd. Wagemutig gebraucht die Autorin durchgestrichene Wörter, Sätze ohne jedwede Interpunktion, ungarische Textstellen, Buchstabensalat á la J. S. Foer, psychiatrische Diagnosen, Medikamenten-Beipackzettel, ja sogar ein Kochrezept für ihren Romantext, und all das ist wohltuend unkonventionell, wie ich finde.

Thematischer Nährboden dieses Romans ist mithin der Kontrast zwischen dem technisierten, gnadenlos auf Effizienz getrimmten Leben des IT-Menschen Darius und Floras Lebensuntüchtigkeit, ihre sich zur Pein auswachsende Angst, das titelgebende «Ungeheuer» in ihr also, das sie in den Suizid getrieben hat. Mir wäre, um einen Begriff der IT-Branche zu benutzen, zwar eine sequenzielle Druckfolge lieber gewesen als die parallele, die Terezia Mora gewählt hat, aber ihrer Erzählweise kann der Leser mit Hilfe der Kapitelnummern auch so mühelos folgen, gleich zwei Lesebändchen helfen ihm dabei und deuten ja darauf hin, wie es gedacht ist. So mancher Leser dürfte sich freuen über eine nicht alltägliche Lektüre, die ihm womöglich sogar eine spürbare Erweiterung seines Lesehorizonts beschert.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Fallensteller

stanisic-2Katzenjammer inklusive

Mit dem Erzählband «Fallensteller» ist nach zwei erfolgreichen Romanen von Saša Stanišić nun ein drittes Prosawerk erschienen. Der deutschsprachige Autor mit bosnischen Wurzeln erweist sich auch hier als sprachlicher Zauberer, und so ist es sicher kein Zufall, dass gleich seine erste Erzählung von einem Magier handelt, Irreales und Mystisches ist nun mal sein bevorzugtes Sujet. Was die Fallen anbelangt, so läuft auch der Leser Gefahr, dem Autor auf den Leim zu gehen, sich mit Witz und allerlei Tricks hineinlocken zu lassen in Geschichten, die sich als Fallen erweisen, in denen man stecken bleibt, wo es nicht weitergeht, weil man falschen Fährten gefolgt ist.

Freddie, der Fantastische, dilettiert als Magier auf der Weihnachtsfeier des Sägewerks seiner Familie, aber das Publikum ist anderweitig beschäftigt. Die zweite Geschichte führt uns in einen Billard-Salon, wo allerlei skurrile Typen um Geld spielen und ein Russe trickreich absahnt. Es gibt unter den zwölf Geschichten zwei trilogieartig zusammengehörige, Protagonist ist in der einen ein schriftstellerisch ambitionierter Justitiar einer Brauereigesellschaft, dem die Sprache sich zuweilen verweigert, der neben sich selbst steht auf einer Reise nach Rio. Wundersamer Weise gelangt er dann unvermittelt nach Bukarest auf einen Germanistenkongress. Auf die Frage, warum er eigentlich dort sei, heißt es im Buch: «Weil er sich gern verwechseln und entführen ließ. Weil er als der, der er dann war, nicht mehr dorthin musste, wohin er als der, der er gewesen war, gemusst hätte». In der zweiten Trilogie reist eine Ich-Erzählerin mit ihrem Freund Mo um die Welt, sie erleben allerlei Abenteuer in einer aberwitzig erscheinenden Geschichte, bei der sie zum Beispiel in Stockholm einer syrischen Surrealistin ein Gemälde klauen, das Mo dann seinem Vater verkaufen will, «oder sonst wem».

Der Inhalt all dieser Erzählungen entzieht sich hartnäckig dem Versuch, ihn kurz zusammenfassend einigermaßen stimmig wiederzugeben. Genau daran aber erkennt man als Rezensent – und ziemlich früh auch als Leser, dass diese Sammlung von skurrilen Abenteuer- und Reise-Erzählungen nichts anderes enthält als surreale Parabeln, die sich jeder rationalen Deutung entziehen. So spielen Tiere zum Beispiel in der titelgebenden, mit knapp 90 Seiten dominant längsten Erzählung «Fallensteller», eine bedeutende Rolle, wobei sie wie im Märchen selbstverständlich sprechen können. Was im Kontext der ebenso eigenartigen wie eigensinnigen Prosa dieses trickreichen Autors aber nicht weiter verwundert, es gibt derlei Überraschungen zuhauf, literarische Zauberei eben!

Stanišić beherrscht seinen dem Magischen Realismus zuzurechnenden Schreibstil souverän, er ist ein ebenso kreativer Wortschöpfer wie listenreicher Situationsarrangeur mit Sinn für Tragisches, Sentimentales, das er perfekt hinter absurd Komischem versteckt. Und all das spielt sich in verschiedenen reizvollen Milieus ab, seine Geschichten behandeln zudem vorwiegend existenzielle Themen. Bei aller durchschimmernden Empathie erscheinen seine Figuren jedoch merkwürdig konturlos, blutarm geradezu. Im Gedächtnis bleibt nach dem Lesen, so war es bei mir jedenfalls, nur der in Reimen sprechende Fallensteller, eine dem Rattenfänger von Hameln nachempfundene, sympathische Figur, der Inbegriff des Gauklers. Die stilistische Souveränität des Autors, seine sprachliche Brillanz vor allem, erscheint mir effekthascherisch auf Pointen hin optimiert, – das ist auf Dauer einfach zuviel des Guten. Die altklug verbreitete, subjektive Weltsicht dieses selbstverliebt Schreibenden, sein Bild der Gegenwart, weist eine merkwürdige, um nicht zu sagen abartige Färbung auf. Bleibt anzumerken, dass die schelmisch erzählten Geschichten geradezu überbordend von Sprachwitz daher kommen und dem Leser somit doch Einiges an Lesespaß bieten. Man kehrt schließlich wie nach einem Drogenrausch in die Realität zurück, Katzenjammer inklusive.

Fazit: mäßig

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
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Unterleuten

zeh-2Lucy Finkbeiner lässt grüßen

Man darf ihn als Opus magnum von Juli Zeh bezeichnen, den neuen Roman mit dem wunderbar deskriptiven, originellen Titel «Unterleuten». Eine Gesellschaftsroman also, wobei es sich hier um Leute einer fiktiven dörflichen Gemeinschaft in Brandenburg handelt. Man schreibe, hat sich die Autorin mal geäußert, immer nur über das, was nicht klappt, und zwar, soweit es ihr Schreiben betreffe, ohne Intention. Und so ist es denn auch, ihr ambitionierter Dorfroman ist ein klug angelegtes Epos vom Scheitern, ganz ohne Botschaft. Und er ist wahrlich keine Hymne auf das Landleben, obwohl das ja nahegelegen hätte bei einer Autorin, die persönlich auch «Landflucht» begangen hat. Es sind Phänomene der Zeit, mit denen sich die politisch engagierte und streitbare Autorin vornehmlich auseinandersetzt, hier speziell das komplizierte Spannungsgeflecht im Mikrokosmos eines überschaubaren Soziotops aus Einheimischen und Zugezogenen in der Nähe Berlins.

Die zeitlich im Sommer 2010 angesiedelte Geschichte weist ein vielköpfiges Ensemble von Figuren auf, deren jeweiliges Agieren kapitelweise wechselnd erzählt wird. Als Protagonist ist dabei der ehemalige Großgrundbesitzer Gombrowski dominant, der nach den Enteignungen durch die DDR Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft von Unterleuten wurde und nach der Wende dann Chef der neugegründeten Ökologica GmbH, die aus dieser LPG hervorging. Er ist nicht nur der größte Arbeitgeber im Dorf, er hält auch alle Fäden in der Hand in einem nur von wenigen Eingeweihten durchschaubaren, virtuosen Wechselspiel von gegenseitigen Abhängigkeiten der Dorfbewohner. Man regelt in diesen Kreisen alle Angelegenheiten unter sich, die Obrigkeit wird nicht gebraucht beim Austarieren von Forderungen und Gegenforderungen, die oft auch mit brutaler Gewalt geregelt werden.

In diesem literarischen Panoptikum fehlt weder der unbelehrbare Altkommunist noch die geldgierige Heuschrecke, die toughe Pferdeflüsterin aus der Villa Kunterbunt, ein zum Vogelschützer mutierter Soziologe, der gewalttätige Autoschrauber als Gombrowskis Mann fürs Grobe, die demente Oma mit zwanzig Katzen, der wirklichkeitsferne Nerd, der marionettenhaft im Dienste Gombrowskis handelnde Bürgermeister, um nur die Wichtigsten zu nennen. Bei dieser sich großenteils schon während der DDR-Zeit gebildeten Gemengelage wirkt der projektierte und politisch stark forcierte Bau einer Windkraftanlage wie die Lunte am Pulverfass, es kommt zu diversen Konflikten aller Beteiligten, und beteiligt ist in dem kleinen Dorf letztendlich jeder. Und alle scheitern am Ende auch, wie wir in einem Epilog der eigentlichen Autorin von «Unterleuten», der Journalistin Lucy Finkbeiner erfahren, in dem sie kurz die Vorgeschichte ihres uns vorliegenden Romans und das weitere Schicksal ihrer Figuren über das Romanende hinaus skizziert. Eine ähnliche Camouflage benutzt Juli Zeh auch, indem sie die «Pferdefrau» in ihren Handlungsstrategien gläubig dem real existierenden Ratgeberbuch «Dein Erfolg» von Manfred Gortz folgen lässt, ein in Wahrheit aber von ihr selbst unter Pseudonym geschriebenes Werk, das «sofort als Satire erkennbar» sei, wie sie angemerkt hat.

Gegensatzpaare wie Natur/Technik, Ossis/Wessis, Reiche/Habenichtse, Landvolk/Großstädter, Utopisten/Ewiggestrige kennzeichnen das Geschehen, und immer wieder gibt es trotzdem Zweckallianzen, – aus jeweils knallhartem Kalkül, Empathie ist nirgendwo im Spiel bei alldem. Der extrem handlungsorientierte Roman wird sprachlich betont sachlich und distanziert erzählt. An verblüffend vielen stimmigen Details erkennt man Juli Zehs äußerst penible Recherchearbeit, in ihrem Plot konzentriert sie sich ansonsten weitgehend auf die psychologischen Aspekte ihrer diversen Figuren. Ihr journalistisch nüchterner Text – Lucy Finkbeiner lässt grüßen – zeichnet gekonnt ein zeitkritisches Stimmungsbild der Gegenwart, zum wirklich großen Roman aber fehlt ihm das entscheidende Quantum Emotionalität.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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