Der parfümierte Mann

Der parfümierte Mann. „(…) Man hat keine Zeit und keine Kraft mehr für die Zeremonien, für die Verbindlichkeit mit Umwegen, für allen Esprit der Unterhaltung und überhaupt für alles Otium“ bemängelt Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“. Vielleicht sollte man sich gerade in Zeiten wie diesen wieder dieses Otiums bewusst werden und bewusster das Odor wahrnehmen, das einen umgibt. Denn auch wenn der Geruchsinn (lat.: odoratus) zu den „nachgereihten Sinnen“ des Menschen gehört, wie Divjak nun – 138 Jahre nach Nietzsche – bemängelt, seien Düfte doch wie Tagebücher. Erinnerungen, die bleiben. Für immer.

Die „Colognisierung“ der Welt schreitet voran

Die Erinnerung, die durch einen Duft ausgelöst wird, ist nämlich alles andere als vergänglich, sondern vielmehr nachhaltig. Wer hatte noch nie ein solches Erlebnis, das durch einen zarten Duft in der Nase die Kindheit (oder noch weiter Zurückliegendes) im Herzen wieder wachgerufen wird? In den Oasen der Sprachlosigkeit führe der Duft ein anarchisch-poetisches Eigenleben, schreibt Divjak in seiner Einleitung, denn als promovierter Philosoph und gelernter Parfümeur weiß er, dass Düfte und Duftkreationen molekulare Kunstwerke sind. „Das Medium des Parfums ist die Zeit“, zitiert er gleich eingangs Madalina Diaconu, die an einem WWTF geförderten Forschungsprojekt zum Thema „Tast- und Duftdesign. Ressourcen für die Wiener Kreativwirtschaft“ arbeitete. Aber auch Barthes, Proust oder eben Nietzsche werden für seine „olfaktorischen Briefe an die Liebsten“, wie er  Düfte poetisch benennt, bemüht. Die Werbefigur des parfümierten Mannes ist zwar relativ jung, jedoch schreitet die Colognisierung der Welt stetig voran, wie er süffisant anmerkt. Ein Exkurs also in eine verborgene Welt, die zwar nicht visuell erfahrbar ist, dafür aber durch die Nase gezogen wird. Vielleicht hilft es auch ganz einfach einmal die Augen zu schließen und tief einzuatmen: ein neuer Kontinent wartet da. Ein Duft-Universum.

Ein Plädoyer für mehr Odor und Otium

Das Lateinische per fumum bedeutet nichts anderes als „durch Rauch, durch Dunst“ und sicherlich ist Divjak nicht der erste, der sich damit beschäftigt. Seit der Antike wird mit Düften gearbeitet, um durch das Odor jenes Otium wiederherzustellen, dessen Verlust in der Moderne Nietzsche so bedauerlich bemängelte. Nach einem Kapitel mit Literaturhinweisen past and present schreibt Divjak über seine eigenen ersten prägenden Dufterfahrungen und weiß: „We smell with our mind. Your mood affects the way you smell“ (Bernhard Chant). Die Erinnerungen, die ein Duft auslöst, sind wie ein Parfum für die Seele und scheinen uns in eine andere Welt zu tragen, die uns dann doch sehr vertraut erscheint. Im Anhang befindet sich eine exklusive Parfum-Chronologie ausgewählter Herrendüfte, die selbst Connaisseure erblassen lässt, so ausführlich ist sie geraten. Freudian Wood, Mandarino di Amalfi, Pomelo Paradis oder Cuirs Nomades heißen nur vier der hier rezensierten Parfüms, die Divjak in seinem außergewöhnlichen Buch beschreibt. Ein interessantes Statement in einer Zeit in der wir uns gerade das abtrainieren, was uns so prägte: Erinnerungen, ausgelöst durch Düfte. Mund- und Nasenschutz bitte nicht vergessen!

 

Paul Divjak

Der parfümierte Mann

2020, Hardcover, 152 Seiten

ISBN: 978-3-903005-40-0

Edition Atelier


Genre: Chronologie, Duft, Mann und Männlichkeit, Parfum
Illustrated by Edition Atelier