Stein der Geduld

Vom Ende der Geduld

Der in Kabul geborene Schriftsteller Atiq Rahimi hat für seinen dritten Roman «Stein der Geduld» 2008 den Prix Goncour bekommen. «Sein erschütterndes Buch berührt unser Herz» hat die Buchpreis-Jury dazu angemerkt. Wie schon in anderen seiner Werke thematisiert auch dieser inzwischen verfilmte, schmale Band die unterwürfige Rolle der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft Afghanistans. Dieses Land, hatte der Autor bei der Preis-Verleihung erklärt, symbolisiere für ihn den ganzen Terror der Welt. Durch den gerade gestern erst verkündeten Abzug der Nato ist zu befürchten, dass der Taliban-Terror dort sehr schnell wieder die Oberhand gewinnt. Insoweit ist der Roman hochaktuell, verdeutlich er doch die archaischen gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes ebenso wie die Schrecken des nicht enden wollenden, verheerenden Bürgerkrieges.

Eine Frau pflegt mitten im Bürgerkriegs-Geschehen eines kleinen Ortes in Afghanistan ihren vor zwei Wochen durch einen Schuss in den Hals schwer verletzten, im Koma liegenden Mann. Die Verletzung des als Kriegshelden gefeierten Mannes stammt jedoch nicht von den Kampf-Handlungen, sondern von einem banalen Streit unter Männern. Obwohl seine Augen offen sind, reagiert er nicht, sie glaubt jedoch, dass der wie ein Stein reglos Daliegende sie hören kann und spricht ihn deshalb immer wieder an. Allmählich werden dann ihre inbrünstigen, endlosen Gebete durch immer unfangreicher werdende Monologe der Frau ersetzt, die sich damit zunehmend die Probleme ihrer zehnjährigen Ehe mit dem Tyrannen von der Seele redet. Sie wurde nämlich, nach Landessitte ungefragt, mit dem sehr viel älteren Partisanen verheiratet, den sie nie gesehen hatte, und das auch noch in dessen Abwesenheit. Erst nach fünf Jahren kam er dann zum ersten Mal nach Hause und hat die Ehe mit seiner ihm unbekannten Frau ‹vollzogen›. Wie unbeholfen er dabei war, wurde ihr erst später klar, als ihre als Prostituierte arbeitende Tante sie wegen des ausbleibenden Kinder-Segens, an dem sie keine Schuld traf, einem Mann zugeführt hat, der dann auch prompt zwei Kinder mit ihr gezeugt hatte. Und was Lust bedeutet wird ihr sogar erst jetzt, Jahre später klar, als ein blutjunger, durchs Dorf streunender Kämpfer in dem Glauben, sie sein eine Hure, mehrmals mit ihr Sex hat.

In einem bühnenreifen, kammerspielartigen Szenario erzählt der Autor von einem islamischen Ehe-Alptraum, von dem die Frau sich nach afghanischer Mythologie durch den magischen «Stein der Geduld» zu befreien sucht. Die drehbuchartig kurzen Szene-Beschreibungen und anfangs sehr kurzen Sätze, die die Frau an ihren im Koma liegenden Mann richtet, entwickeln zunehmend eine beklemmende Dramatik. Was sie dem Bewusstlosen erzählt, könnte sie ihm sonst niemals sagen, es wäre ihr sicherer Tod, aber gerade darin liegt ja wohl auch der Reiz für ihre Geständnisse. Wie der magische «Stein der Geduld» muss er jetzt aber alles ertragen oder er wird platzen, wenn es nämlich zuviel wird für Gott, der sich in Wahrheit in dem Stein verbirgt.

Die Frau erzählt, zunächst sehr zögerlich, dann aber immer selbstbewusster werdend, in Rückblenden von ihrem schweren Leben unter der Fuchtel der Schwiegermutter, oder vom gewalttätigen Vater, der mit der Zucht von Kampf-Wachteln Geld zu verdienen sucht. Schließlich fügt sie sogar scheherazadeartig eine märchenhafte Königs-Geschichte ein, in der es um ein an Ödipus gemahnendes Dilemma geht. Immer beteiligt sind bei alldem ihr Koran mit der noch aus dem Paradies stammenden Vogelfeder als Lesezeichen, ferner ihre geduldig mit den 99 Namen Allahs herunter gebetete schwarze Kette. In der poetischen Prosa von Atiq Rahimi bilden Ameisen, eine Fliege und eine Spinne das Personal für raffiniert eingeschleuste Szenen von signifikant Insignifikantem, mit dem das Geschilderte eine erstaunlich authentische Note bekommt. Der Befreiungsakt der nicht mehr so ganz geduldigen Frau endet hochdramatisch mit dem Zerspringen des titelgebenden Steins.

Fazit: erstklassig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Ullstein

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