Ich, die ich Männer nicht kannte

Dystopisches Memoir

Zu den überraschend wenigen ins Deutsche übersetzten Romanen aus dem umfangreichen Œuvre der belgischen Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman gehört «Ich, der ich Männer nicht kannte» als aktuelle Ausgabe. Es handelt sich dabei um ein dystopisches Memoir, das im Original 1995 erschienen ist und als feministischer Roman auch international überraschend erfolgreich war. Der Buchtitel «Moi qui n’ai pas connu les hommes» ist insofern doppeldeutig, weil er auf die zwei im Französischen möglichen Bedeutungen des Wortes «Hommes» anspielt, das sowohl «Männer» als allgemein auch «Menschen» bedeutet.

Die rätselvolle Geschichte beginnt in einem Kerker ohne Tageslicht, in dem 39 Frauen unter der Aufsicht von sechs Männern gefangen gehalten werden – ohne die geringste Andeutung, warum. Als vierzigste Gefangene gehört die namenlose Ich-Erzählerin dieses Memoirs dazu, die, zu Beginn noch ein Kind, erst in der Pubertät ihre Situation ernsthaft zu hinterfragen beginnt. Die anderen Gefangenen sind allesamt im Erwachsenenalter mit den entsprechenden Lebenserfahrungen, natürlich auch was Männer anbelangt. Sie alle können sich aber partout nicht daran erinnern, woher, wie und warum sie überhaupt in dieses unterirdische Verließ gekommen sind, und über ihr altes Leben haben sie allenfalls sehr vage Vorstellungen. Ohne Uhr oder Tageslicht haben sie auch kein Zeitgefühl mehr, ihr Leben verläuft deshalb weitgehend unstrukturiert. Alle Berührungen untereinander sind strikt verboten, das junge Mädchen hat in dieser unmenschlichen Umgebung keinerlei Emotionen entwickeln können und wird deshalb auch von den anderen Frauen völlig ignoriert, sie lebt ausgestoßen und isoliert ganz allein. Die heranwachsende, namenlose Erzählerin hatte noch keinen einzigen Kontakt zu Männern, sie ist auch noch nie einem begegnet, von den Wärtern mal abgesehen. Diese immer gleichen Männer aber sprechen kein Wort mit den Gefangenen, jeweils einige von ihnen umrunden turnusmäßig ununterbrochen und immer nur schweigend den Käfig, um den herum sie auch nachts auf einem schmalen Umgang patrouillieren. Ihre Befehle oder stummen Ermahnungen erfolgen immer nur mit der Peitsche, die sie dann drohend knallen lassen. Sie alle folgen ungeschriebenen Gesetzen, es gibt keinerlei Privatsphäre, die Frauen müssen sogar vor den Augen der Wärter auf die einzige Toilette gehen. Die Männer werden nur handgreiflich, um zu verhindern, dass eine der Gefangenen Selbstmord begeht, was angesichts der Sinnlosigkeit ihres Daseins in dem Verlies nahe liegend ist und wohl tatsächlich auch schon erfolglos versucht wurde.

Als nun eines Tages während der Essensausgabe ein Alarmsignal ertönt, sind die Wärter plötzlich alle verschwunden, die Tür zum Verlies bleibt offen. Die jugendliche Erzählerin wagt als erste den Schritt aus dem Käfig heraus, die anderen folgen ihr zögernd. Was sie draußen finden ist eine apokalyptisch anmutende Welt, die sie nicht kennen, in der auch niemand ist, mutterseelenallein müssen sie sich ab nun darin zurechtfinden. Sie haben lange Zeit wie Schlafwandlerinnen gelebt, bis sich irgendwann gewohnheitsmäßig bestimmte Regeln für das Zusammenleben ergeben haben. Wissen ist Macht, das sahen sie beispielsweise an den Wärtern. Deshalb hat die Ich-Erzählerin eines Tages begonnen, ihren Herzschlag zu zählen und so zur Kontrolle die Zeit zu messen. Sie ist es auch, die dann in den odysseeartigen Erkundungen der Frauen-Gruppe in einer unwirtlichen, toten Welt voller Ruinen und Leichenbergen beherzt die Führung übernimmt. Aus dieser jahrelangen Suche haben sich allerdings niemals irgendwelche Erkenntnisse ziehen lassen!

Zur völligen Hoffnungslosigkeit ihres Memoirs hat sicherlich die Holocaust-Erfahrung der Autorin einiges beigetragen, das Ausgeliefertsein der Frauen wirkt zudem geradezu kafkaesk. In einer klaren Sprache, ohne Schnörkel, immer eng am Thema bleibend, steuert dieses Memoir auf ein Ende zu, das all die darin aufgeworfenen Fragen unbeantwortet lässt und zu nichts hinführt. Als Dystopie keine erfreuliche, aber immerhin eine bereichernde Lektüre für aufnahmefähige Leser!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Memoir
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