Kontemplativ bereichernd
Der vierte Roman von Hannah Häffner mit dem Titel «Die Riesinnen» verlässt mit dem Schwarzwald als Setting das Meer als bevorzugten Schauplatz ihrer Erzählungen. In einem fiktiven Örtchen namens Wittemoos spielt sich dort das Leben dreier Frauen ab, Mutter, Tochter und Enkelin. Sie gleichen sich rein äußerlich auf fatale Weise, denn alle Drei sind ungewöhnlich hoch gewachsen und gertenschlank, zudem ziert sie alle auch noch ein störrisch abstehender, kupferroter Haarschopf. Schon vom Erscheinungsbild her kennt sie also jeder im Dorf, man nennt sie nur die «Riesinnen».
Deren Geschichte beginnt Anfang der sechziger Jahre mit Liese Riessberger, die mit einem gewalttätigen Metzger verheiratet ist, der den Betrieb seiner Eltern übernommen hat. Als ihm mit Cora eine Tochter geboren wird, ist er zutiefst enttäuscht und beachtet sie kaum. Die kleine Cora ist hochintelligent und schreibt in der Schule nur beste Noten, wird aber von den anderen Schülern gemobbt und verkapselt sich immer mehr in sich selbst. Als der Vater bei einem Unfall stirbt, muss Liese die Metzgerei mit 12 Mitarbeitern übernehmen, was ihr wider Erwarten mit viel Fleiß und Ausdauer schließlich auch gelingt. Zwei gute Freunde fordern sie eines Tages auf, sie zu der Demonstration am geplanten AKW Wyhl zu begleiten, – ein Projekt übrigens, das später dann ja tatsächlich gescheitert ist. Ihr tut sich dort eine völlig neue Welt auf. sie beginnt sich ebenfalls politisch zu engagieren und über den Tellerrand der engen Dorfgemeinschaft hinaus zu denken.
Das färbt auch auf die inzwischen erwachsene Cora ab, die es in die weite Welt hinaus zieht, sie möchte etwas erleben, ihren eigenen Weg ins Leben finden. Natürlich rät ihr die Mutter dringend ab, aber Cora startet letztendlich doch und setzt sich unbeirrt in den nächstbesten Zug, der nach Süden fährt. Zuerst landet sie am Mittelmeer, schließt sich dort anderen vagabundierenden jungen Leuten an und taucht schließlich für längere Zeit in die Boheme von Paris ein. Als sie schwanger wird und nicht weiß, von wem, kehrt sie kleinlaut nach Wittemoos zurück und macht sich fortan im der Metzgerei der Mutter nützlich. Mit Eva bringt sie dann eine Tochter zur Welt, die zwar äußerlich der Mutter und Großmutter wieder wie aufs Haar gleicht, sich innerlich aber konträr sowohl zur Rationalität und strengen Arbeits-Disziplin der Großmutter als auch zum aufmüpfigen Weltenzorn von Cora, ihrer eigenen Mutter entwickelt. Eva ist nämlich, wie sich langsam herausstellt, mit Leib und Seele in ihrer Heimat und dem Schwarzwald verwurzelt, – sie hat keinerlei Probleme mit der Enge ihres Dorfes, ganz im Gegenteil: Hier allein fühlt sie sich geborgen, und in der Schwarzwald-Natur hat sie alles, was ihr das Leben lebenswert macht.
Hannah Häffners Protagonistinnen sind nicht nur körperlich «Riesinnen», sie sind es auch mental. Als unangepasste Frauen sind sie allein die wahren Heldinnen in diesem Roman, in dem Männer allenfalls eine Nebenrolle spielen, so wie denn auch das Sexuelle hier praktisch keine Bedeutung hat. Damit ist die Liebe als Thematik also strikt auf die engere Familie begrenzt. Sei es der Herzschmerz, wie er in anderen derartigen «Frauen»-Romanen üblich ist, oder auch der Feminismus als soziales Thema, beides ist in diesem Roman nicht mal ansatzweise vorhanden. Es geht strikt immer nur um die menschliche Größe, wie sie sich in verschiedenen Ausprägungen unter den Bedingungen einer geschlossenen, engen Dorfgesellschaft exemplarisch ausformen kann. Diesen klug durchdachten, literarischen Versuchsaufbau hat die Autorin stilistisch in eine adäquate Prosa umgesetzt, die zwar wenig elegant erscheint, dem ländlichen Milieu aber – ganz besonders durch die stimmigen Dialoge – bestens angepasst ist. Nicht nur die drei Heldinnen, auch das übrige personelle Ensemble wird glaubhaft beschrieben, sie alle passen als teils sehr sympathische Typen in die raue Schwarzwald-Landschaft. Die dann ja am Ende bei Eva nicht nur absolut im Vordergrund steht, sondern sich auch wohltuend für die Seele erweist, – und damit durchaus auch als ermutigend für den am Ende kontemplativ bereicherten Leser!
Fazit: erfreulich
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