Der Gärtner und der Tod

Bulgarische Scheherazade

Mit seinem aktuellen Roman «Der Gärtner und der Tod» greift der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov einen Stoff auf, der neben der Liebe zu den thematisch bedeutsamsten und philosophisch schwierigsten in der Literatur gehört, der Tod in allen seinen Aspekten. Mit vielen Kindheits-Erinnerungen ist dieses sehr persönliche Buch eine berührende Hommage an einen über Alles geliebten Vater, der ein leidenschaftlicher Gärtner war und außerdem auch ein begnadeter Geschichten-Erzähler. Das Buch ist nicht nur eine breit angelegte Studie über das Abschiednehmen, sondern auch über das Schicksal der alten Leute am Rande der Gesellschaft, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich auf dem Abstellgleis gelandet sind.

Als Roman deklariert, ist dieses Buch tatsächlich ein geradezu klassisches Memoir, also eine aus der Ich-Perspektive des Autors erzählte, nicht fiktionale Geschichte, die mit den literarischen Mitteln eines Romans gestaltet und auf einen ganz bestimmten Abschnitt im Leben des Verfassers fokussiert ist. In diesem elegischen Buch ist es das in 91 kurzen Kapiteln erzählte, qualvollen Sterben seines an Krebs erkrankten Vaters in der ersten Hälfte, während die Zeit der Trauer danach die zweite Hälfte mit dem Verarbeiten der eigenen Erfahrungen füllt. Zu denen gehörte auch eine hartnäckige Schreibhemmung, die er nur langsam überwinden konnte, um letztendlich dann das vorliegende Memoir schreiben zu können. Dabei nimmt der Garten die Funktion eines zweiten Erzählfadens ein, denn der war es, der dem Vater nach dem ersten Erkennen seiner Krebserkrankung zusammen mit einer erfolgreichen Behandlung wieder auf die Beine geholfen und seinen Lebensmut regelrecht beflügelt hat. Bis nach 17 Jahren der Krebs dann erneut auftrat und das Ende in wenigen Monaten unabweisbar vorgezeichnet war. In vielen Rückblenden wird der Vater als stets gutgelaunter, positiv denkender Mensch geschildert, der für jede Gelegenheit die passende Anekdote parat hatte und allen Widrigkeiten des Lebens mit der immergleichen Floskel «halb so wild» den Schrecken nahm.

«Einen Tod zu erzählen ist nicht leichter als ihn zu erleben», heißt es an einer Stelle, wozu der Autor trickreich mit allerlei Zitaten aus Literatur und Mythologie aufwartet. Da wird beispielsweise der Hund von Odysseus erwähnt, der halbtot schon bei dessen Rückkehr gerade noch die Kraft hat, freudig mit dem Schwanz zu wedeln, was soviel wie «ich habe dich erwartet, nun kann ich sterben» bedeute. Oder er erwähnt einen Besuch am Grab von Thomas Mann inmitten aromatisch duftender, von Bienen umsummter Kräuter, analog zum Garten seines Vaters und dessen Grabstätte. In einer Anekdote erzählt eine Frau, sie sei vom Handy ihres vor zwei Tagen beerdigten Mannes aus angerufen worden, welches sie ihm aber doch, auf seinen Wunsch hin, mit in den Sarg gelegt habe. Das kann tatsächlich technisch vorkommen, erklärt ihr ein junger Mann, «da können Sie nur beim Friedhof anrufen, – oder bei der Polizei». Zum Thema Unkraut, mit dem der Vater permanent im Krieg war, wirft der Autor verschmitzt die Frage auf, was eigentlich mit dem Garten Eden passiert sei, nachdem Adam und Eva ihn verlassen mussten, «hat das Unkraut auch ihn überwuchert?»

Viele amüsante Anekdoten aus dem Leben dieses Vaters konterkarieren die drückend über allem liegende Elegie, er hat sich zeitlebens auch oft über sich selbst lustig gemacht. Damit hat er wohl besonders in der letzten Phase seiner Erkrankung immer wieder instinktiv versucht, wie Scheherazade sein Leben zu verlängern. In seiner Poesie der Trauer ist der Autor ständig auf der Suche nach den richtigen Worten, an der er auch seine Leser teilnehmen lässt. Was manchmal aber gehörig daneben gehen kann, wenn es am Anfang beispielsweise heißt: «Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten». Den Motiven Schmerz, Tod, Trauer und Melancholie steht bei diesem bulgarischen Autor die Wirkung von Sprache als wichtige narrative Thematik bereichernd gegenüber!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Memoir
Illustrated by Aufbau Berlin

Seinetwegen

Literarisch ein Zwitter

Das Memoir «Seinetwegen» der Schriftstellerin Zora del Buono befasst sich mit der Leerstelle in ihrem Leben, welche sich aus dem Unfalltod ihres Vaters ergeben hat. Ihr Buch wurde für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert und in den Feuilletons positiv kommentiert. Der 33 Jahre alte Radiologe am Kantonsspital in Zürich, Dr. med. Manfredi del Buono, starb am 18. August 1963 im Alter von 33 Jahren und hinterließ seine Frau und Zora, seine acht Monate alte Tochter. In ihrem erzählenden Sachbuch berichtet die inzwischen sechzigjährige Autorin reportageartig im Präsenz von ihren Recherchen über den Unfall-Verursacher und über die Veränderungen, die gleichzeitig dabei mit ihr geschehen.

Die Mutter wie auch die Tochter haben kaum je über den Vater gesprochen. Und nun ist es zu spät, die demente Mutter ist in einem Pflegeheim und erkennt oft nicht mal mehr die eigene Tochter. Außer einem kritischen, ziemlich umfangreichen Leserbrief, der sich über das unglaublich geringe Strafmaß empört, findet sie bei ihrer Mutter nichts Schriftliches, das sie weiterbringen könnte. Der 28jährige Unfallverursacher, den die Autorin anfangs mit E. T. umschreibt, hatte in einem billig erworbenen, alten Chevrolet auf einer Landstrasse in der Nähe der Schweizer Kantons-Hauptstadt Glarus einen Heuwagen überholt. Dabei hatte er den entgegen kommenden VW-Käfer übersehen, in dem ihr Onkel am Steuer saß und ihr Vater als Beifahrer. Der «Töter», wie Zora den Unfallverursacher bezeichnet, war voll geständig, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren auf Bewährung und zu 200 Franken Geldstrafe verurteilt.

Was ist aus E. T. geworden, fragt sich die Ich-Erzählerin. Lebt er noch, inzwischen 88jährig? Hat er je Kontakt zu seinem «Opfer» gesucht? Wie ist er ein Leben lang mit dieser schweren Schuld umgegangen? Je mehr sie über den «Töter» erfährt, desto erschreckender wird ihr bewusst, dass sie herzlich wenig über ihren Vater weiß. Von ihm existieren zwar einige auch im Buch abgedruckte Fotos, aber was für ein Mensch er war über das rein Berufliche hinaus, das bleibt für immer im Dunkeln. Aber auch die Fakten geben Rätsel auf. Der alte Chevrolet hatte 2200 Franken gekostet und war kurz vor dem Unfall für über 4600 Franken in der Werkstatt, woher hatte der junge Mann so viel Geld? Und warum waren trotz Werkstattbesuch die Reifen völlig abgefahren und die Bremsbeläge bis auf die Nieten herunter verbraucht? Der überholte Heuwagen erwies sich im Nachhinein als von einem Kind gelenkter Milchwagen, der im Gegensatz zu einem hoch aufgetürmten Heuwagen dem Unfall-Verursacher volle Sicht auf die Gegenspur ermöglicht hat? Besonders erfolgreich erwies sich neben allerlei eigenen Recherche-Ergebnissen schließlich ein Historiker, der Einblicke in viele Archive hat und Zora weitere Details auch über ihre Familie liefert.

In eine Liste der «Deformationen» hat die Autorin unter anderem ihre immer dann aufkommenden Irritationen eingereiht, wenn irgendwo von «schweren Schicksalsschlägen» die Rede ist. Ebenso in dieser Liste findet sich auch ihr «Befremden über intakte Familien». Sie enthält zudem die Probleme der unverheiratet gebliebenen, lesbischen Zora mit «Zweierbeziehungen». In ihren wilden Jahren habe sie aber immerhin zwei Jahre mit einem schwulen Mann zusammen gelebt, fügt sie keck hinzu. In gelegentlichen, durchnummerierten Einschüben unter dem Titel «Im Kaffeehaus» diskutiert die Autorin in kleinem Kreis mit wechselnder Besetzung über verschiedenste, ihr Leben prägende Aspekte psychologischer Art, zum Beispiel über «frühe Bindungen». Der in einer sachlich kühlen Sprache geschriebene Text aus essayartigen Kapiteln und Einschüben mit soziologischen und psychologischen Fragestellungen ist ein freies Spiel mit Assoziationen. All das aber ist als Lektüre keineswegs überzeugend, weder als unterhaltsame Erzählung noch als wirklich ernst zu nehmendes Sachbuch. Ein misslungenes Memoir eben, und literarisch ein Zwitter!

Fazit:   miserabel

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Genre: Memoir
Illustrated by C.H. Beck München