Die Infantin trägt den Scheitel links

Die Infantin trägt den Scheitel links: Die Demontage eines Heimatidylls in den Salzburger Bergen ist einer neuen, jungen und auch experimentellen Sprache verfasst, die man gerne als Expressionismus bezeichnen würde, wäre da nicht schon diese Malerei. Immerhin Nitsch und Pollock kommen auch vor, aber eigentlich geht es um eine ganze andere Familie, die Anti-Trapp Familie vielleicht. Helena Adler stellt Klischees ihrer Heimat auf den Kopf und sie hat dabei (auch noch) sichtlich Spaß. Denn in der Rolle ihres kleinen Mädchen-Ichs lassen sich leicht ein paar Tabus brechen. Ein Wimmelbild nach Pieter Bruegel?

Anti-Trapp-Idylle einer Anti-Alpen-Heidi

Da wäre einmal ihr unbändiger Hass gegen ihre beiden älteren Zwillingsschwestern und ihre Abneigung gegen ihre frömmelnde, bigotte Mutter und einen Vater mit einem fatalen Hang zu Alkohol. Selbstverständlich ist diese Konstellation nur eine sprachliche Verdichtung ihrer tatsächlichen Kindheit, denn natürlich war alles eigentlich gar nicht so schlimm. Damals. Immerhin gab es Bechertelefone, die man jederzeit unterbrechen konnte, denn man muss ja nicht immer erreichbar sein, wenn man gebraucht wurde. „Es ist die Zeit, als Jeanny im Radio rauf und runter gespielt wird. Quit livin’ on dreams.“, schreibt Adler, aber auch sonst erwähnt sie viel Kram aus den Neunzigern, etwa Schwarzenegger oder Knight Rider und natürlich MacGyver. „Der Lauf der Filmgeschichte entspricht der Chronologie der Filmgeschichte“, schreibt Adler an einer Stelle. Was konnte man am Land auch anderes tun, als den eigenen „Staubmagneten“ und „Versorger des Herzens“ zu lieben?

Infantin: Arabeske und Attitüde

Ihre Eltern konnten ihr wohl nicht genug Unterhaltung sein: „Meine Mutter rastet nicht, habe ich immer geprahlt. Und wenn sie rastet, dann rastet sie aus.“ Da hilft es manchmal, aufgeblasene Luftballons als Sauerstoffspender unter dem Bett aufzubewahren. Früher wohnten da noch Krokodile. „Der Unterschied zwischen dem und Holz ist der, dass Holz arbeitet“, meint der Vater. Die zitierten Kalendersprüche, die wir alle aus unserer Kindheit kennen, werden von Adler mit viel Sprachwitz und Situationskomik konterkariert. Es geht mehr um das Vergnügen an der Sprache und am Lesen als um eine Handlung. Und die richtigen Eltern müssen auch nicht wirklich beleidigt sein. Die rasante Abhandlung ihrer Kindheit strotzt manchmal vor banalen Obszonitäten, dann wieder wird Absurdes gereicht: Die Schwarze Anna führt eine offene Beziehung mit Prinz Valium, den sie als ihre Mätresse bezeichnet. Sie sucht einen Mann, der ihr keine Toblerone reicht, sondern die Pyramiden mit Schokolade überzieht. Ahja und für die Bildungsbürger ist auch etwas dabei: jedes Kapitel des gerade mal 150 Seiten starken Büchleins ist mit Zwischenüberschriften übertitelt, die von malerischen Werken europäischer Künstler stammen. Tatsächlich keine Frau dabei, deswegen kein –innen.

Helena Adler

Roman
2020, 176 Seiten, gebunden mit SU

ISBN: 978-3-99027-242-8

€ 20,-

Jung und Jung


Genre: Heimat, Idylle, Jugend, Kindheitserinnerungen, Nostalgie, Roman, The sound of music
Illustrated by Jung und Jung

Die 12 Leidensstationen nach Pasing

Die 12 Leidensstationen nach Pasing

Die 12 Leidensstationen nach Pasing: Wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, ist die Pubertät eine leidensvolle Zeit, die schon viele Jugendliche in den Wahnsinn getrieben hat. Dem Protagonisten von Stefan Wimmers vierten Roman bleibt dieses Schicksal zwar erspart, jedoch kann er sich nur schwer den erwachenden Hormonen im Jahrhundertsommer von 1985 erwehren. „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ ist eine entspannte Sommerlektüre, die einen auch in eigenen Erinnerungen schwelgen lässt. Denn diese erwachen ebenso wie die Hormone des Protagonisten.

Soundtrack der Achtziger

In der Münchner Vorstadt Pasing treibt die sog. Kajal-Clique ihr Anwesen. Kennzeichen: verschmierter Kajalstift um die Augen und ein Soundtrack aus The Cure, Fad Gadget u.a. Stars der Achtziger. Die vier halbwüchsigen Schüler, die durch die Straßen Pasings streunen sind hauptsächlich damit beschäftigt, sich mit alkoholischen Getränken abzuschießen und über Musik und Frauen fachzusimpeln. Aber weder das eine noch das andere haben die vier Pubertiere je erfahren oder erforscht. Deswegen sind sie rund um die Uhr auf der Suche nach Party, Party und dem ersten Sex. Doch es gibt auch Konkurrenten: die Schlägerbande rund um den Psychopathen Lothar macht den jungen Rebellen das Leben schwer. Partys, Petting, Punkrock gehören laut ihren Lehrern zu den größten Gefahren für die Heranwachsenden, wie Frau Endress, die „sexyste Lehrerin der Schule“ am Elternsprechtag freimütig verkündet. Aber zumindest was die Liebe betrifft gibt es Hoffnung: Baby Love aus dem benachbarten Mädchen-Gymnasium in Pasing.

Versuchung und Sühne in Pasing

Die bayrische Klammote aus Pasing schildert eine weitere vergeudete Jugend voller derber Späße und Mißverständnisse. Der erste Haschischversuch wird zum Horror-Trip und die Periode wird ebenso mißverstanden, wie die Avancen einer jungen Erwachsenen mit Sex Appeal, Bonny. Die Hoffnung des jungen Protagonisten wird zwar nicht enttäuscht, aber doch im Zuge der nächtlichen Samenergüsse erörtert. Die Milieuschilderung, das Lokalkolorit ist treffend gelungen, das Verhältnis der Erwachsenen zu den Jugendlichen authentisch dargestellt und sowohl bibelfest (Matthäus 4:23, Jesu Versuchung) als auch einem alten Lateiner gerecht werdend. Pasing hat sich heute bis zur Unkenntlichkeit verändert, in eine mir völlig fremde Welt, schreibt der Autor im Abgesang zu seinem Jugendroman, „Und dennoch vergeht kein Tag, an dem ich nicht an diese Zeit denke“. Damals war alles viel humaner und schöner, meint Wimmer und allzu gerne würde er „den Geruch des Sommers un der Freiheit wieder zu spüren“. Das gelingt ihm, durch seinen Roman über diese sorglose Zeit. Denn wer „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ liest findet, auch den Zugang zur eigenen verflossenen Jugend wieder. Oh, Sweet Bird of Youth!

Stefan Wimmer
Die 12 Leidensstationen nach Pasing. Roman.
2020, Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-453-27284-2
€ 18,00 [D] inkl. MwSt. € 18,50 [A] | CHF 25,90 * (* empf. VK-Preis)
Heyne Hardcore


Genre: Adoleszenz, Jugend, Pubertät, Werther
Illustrated by Heyne Hardcore München