Lug und Trug und Rat und Streben

Geistreiches Vermächtnis

«Ich liebe mein Buch, aber ich kann es nicht empfehlen», so sibyllinisch äußerte sich die kürzlich verstorbene Schriftstellerin Silvia Bovenschen über ihren jetzt posthum erschienenen Roman «Lug & Trug & Rat & Streben». Sie habe sich darin alles erlaubt, warnte die Autorin, er würde von Leuten handeln, die in dieser Zeit leben und merkwürdige Erfahrungen machen. Die feministische 68erin gehört zweifellos zu den wenigen Intellektuellen der deutschen Gegenwartsliteratur, sie negiert in ihren Romanen althergebrachte Erzählkonventionen, profiliert sich stattdessen als streitbare Kämpferin für eine Dichtkunst im wahrsten Sinne des Wortes.

In einer alten Villa, die Alma und ihr Schwager Bärentrost geerbt haben, lebt völlig zurückgezogen der Schwager mit einer Haushälterin im Souterrain, Almas geschiedene Nichte Agnes bewohnt – für eine nur symbolische Miete – das Erdgeschoss. Über ihr wohnt die Tante selbst, das Dachgeschoß wiederum ist unbewohnt, es steht voller alter Möbel und Gerümpel, Theaterrequisiten gleich. Alle drei sind ausgesprochene Exzentriker, die unbeirrt ihre wunderlichen Marotten pflegen und sich am liebsten aus dem Wege gehen. Alma führt allenfalls kurz angebundene Telefonate mit ihrem Schwager, wenn es wegen der Villa etwas zu besprechen gibt, ansonsten reden sie kaum ein Wort miteinander. Als Almas altkluger, zwölfjähriger Enkel Max zu Besuch kommt, erweist sich der Dachboden als Kinderparadies, in dem es phantastische Schätze zu entdecken gibt. Schließlich gesellt sich noch trickreich Mr. Odino, ein Ex-Verehrer von Alma, zu den Bewohnern der Villa und bezieht eine winzige Kammer im Dachgeschoß, obwohl Alma ihn zunächst brüsk abweist, als er nach Jahrzehnten so plötzlich auftaucht.

Silvia Bovenschen beschreibt ihre schrulligen Figuren nicht, sie entwickeln sich vielmehr aus ihrem Tun heraus und aus dem, was sie miteinander reden. Agnes, eine attraktive Frau Anfang vierzig, wird von ihrem Liebhaber zur Heirat gedrängt, fürchtet sich jedoch davor, mit Frederic «in seinem gnadenlos durchgestylten Penthouse» zu wohnen. Alma, Bärentrost und Mr. Odino, Geisteswissenschaftler alle drei, sind hoch gebildete, gleichwohl skurrile Alte, deren köstliche Dispute untereinander wie auch die dozierenden Gespräche mit dem wissbegierigen Max eine Fülle von witzigen Reflexionen enthalten, ergänzt um eine gehörige Portion beißender Gesellschaftskritik. Zudem notiert Bärentrost als Misanthrop mancherlei Kritisches in sein Notizbuch: «Der digitale Fanatismus. Weitaus schlimmer als der Eifer spätmittelalterlicher Dogmatiker. Weltweite Geistesdeformationen. Die Zurichtung der Körper und der Hirne. Eine eindimensional dressierte Menschheit. Allgemeine Denkverpflichtungen. Mentale Selbstauslieferung an die Interessen der Netzgiganten. Am nervigsten sind die Humordeformationen. Ja, es gibt ihn, den neoliberalen Humor. Dauerironisierung ohne kritische Distanz». Im furiosen Mittelteil des Romans reisen Max, Alma und Mr. Odino nach Mispelheim, ein in vielem an Hieronymus Bosch erinnernder, kurioser Höllentrip, und auch Freund Hein schleicht am Ende um die alte Villa.

Dieser Roman wirft mit sentimentalem Unterton Fragen der Menschheit auf und erweist sich dabei als ein Füllhorn kurioser, geistreicher Einfälle, er gibt aber auch witzige und kluge Antworten. Das Ganze wird geradezu spielerisch erzählt in einer turbulenten Geschichte mit märchenhaften Zügen, wobei drei allegorische Figuren, – an den Chor des altgriechischen Dramas erinnernd -, als Stimmen aus dem Off fungieren. All das fordert in seiner Rätselhaftigkeit den Leser zum Mitdenken heraus und entlarvt ganz nebenbei eulenspiegelartig unsere wohlstandsverwahrloste Spaßgesellschaft als zutiefst dekadent und verlogen. Mit ihren zügellosen Phantasien hat uns die Autorin in diesem Roman ihr literarisches Vermächtnis hinterlassen, als parodistisches Verwirrspiel ein ebenso ästhetisches wie intellektuelles Leseabenteuer, das man sehr wohl empfehlen kann.

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

3 Gedanken zu „Lug und Trug und Rat und Streben

  1. vom Klang her habe ich das Gefühl, dass der Buchtitel eine inverse und böse Anspielung ist auf den Titel der wunderschönen und aufrichtigen Bachkantate Herz und Mund und Tat und Leben ist,,,
    heute herrschen dagegen Lug und Trug und (verlogener) Rat (in der Werbung) und (hemmungsloses Gewinn-) Streben.

  2. Hier mein Leserbrief an die taz vom 27.6.2018:
    „Herz und Mund und Tat und Leben“

    „Lug & Trug & Rat & Streben“, taz v. 23./24.6.18

    Danke für Ihre anregende Rezension. Ich erlaube mir eine kleine Ergänzung: Der von Bovenschen mit Bedacht gewählte Buchtitel kann als Anspielung auf Johann Sebastian Bachs Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147) gelesen werden. Möglicherweise spiegelt der Text sich antiprogrammatisch auch in der Anlage des Romans. „Lug und Trug“ und „Herz und Mund“ haben gemeinsam, dass es sich bei beiden Wortgruppen um eine sogenannte Zwillingsformel handelt. „Rat und Streben“ gleichen „Tat und Leben“ sowohl in der Wahl und Reihenfolge der Vokale (Assonanzen) als auch – diese Übereinstimmung gilt für den gesamten Titel – hinsichtlich der Silbenzahl und des Metrums. Merkwürdigerweise wird diese auf der Hand liegende Verbindung zu Bachs Kantate (besonders beliebt und in zahlreichen Arrangements verbreitet ist der Schlusschor „Jesus bleibet meine Freude“) in keiner mir bekannten Rezension erwähnt. Jedenfalls wäre das nicht die einzige Bezugnahme in Bovenschens Roman auf ein musikalisches Werk der europäischen Kulturgeschichte.
    Britta Martini, Berlin

    • vielen dank für die treffende formulierug,,,
      schade, dass man silvia bovenschen nicht mehr fragen kann, aber ich bin sicher, sie hätte sich darüber gefreut, dass diese wesentlichen Zusammenhänge nicht vollständig übersehen worden sind

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