Können Sie mich sehen?

Martin Suters „Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice“ möchte an jene Disziplin anschließen, in der sein Autor lange nahezu konkurrenzlos war: die kunstvolle Kleinform der satirischen Büroprosa. Wieder geht es um das Personal der gehobenen Arbeitswelt — um CEOs, Bereichsleiter, Aufsteiger, Statusgläubige und jene mittlere Managementkaste, die sich mit bewundernswerter Verbissenheit für unentbehrlich hält. Das Milieu ist Suter nach wie vor vertraut. Nur: Vertrautheit allein ist noch keine literarische Frische.

Der Band versammelt Miniaturen aus der Welt der Arbeitsrituale, Hierarchiegesten und sprachlichen Selbstveredelungen. Homeoffice, Maskenzeit, Selbstoptimierung, Anglizismen, Karrierepose und soziale Verkrampfung bilden das Material. Man erkennt sofort den alten Suter: den genauen Beobachter jener Menschen, die sich mit großer Ernsthaftigkeit in Rollen eingerichtet haben, deren Lächerlichkeit sie selbst nicht bemerken. Auch diesmal verfügt er über das feine Ohr für das Idiom des Managements, für die hohle Eleganz seiner Floskeln, für den Hochglanzton einer Welt, die jeden simplen Vorgang mit Wichtigkeit auflädt.

Und doch bleibt die Lektüre merkwürdig unerquicklich. Denn was früher leicht, präzise und böse wirkte, erscheint hier oft wie die routinierte Wiederholung einer bewährten Methode. Viele Texte folgen demselben Bewegungsmuster: Ein Funktionsträger nimmt eine neue Verhaltensregel, ein modernes Führungsritual oder eine sprachliche Mode todernst; daraus entsteht eine kleine Schieflage, am Ende eine kalkulierte Bloßstellung. Das ist handwerklich sauber, aber selten überraschend. Die Pointen kommen zuverlässig, nur treffen sie zu oft ins Leere.

Gerade dort, wo das Buch besonders gegenwartsnah sein will, zeigt sich seine Schwäche. Die Texte über Homeoffice, Distanzregeln, Masken, digitale Sichtbarkeit und neue Coolness-Gebote besitzen zwar Wiedererkennungswert, aber nur selten Verwandlungskraft. Suter registriert Verhaltensformen; er hebt sie jedoch nicht immer auf jene Ebene, auf der aus Beobachtung Literatur wird. Vieles bleibt Skizze, manches bloß Einfall. Das Komische erschöpft sich dann im Achselzucken über bekannte Büroabsurditäten, wo man sich eigentlich Schärfe, Fallhöhe oder wenigstens einen wirklich treffsicheren Stich wünschen würde.

Hinzu kommt, dass die Figuren oft nicht mehr als Träger einer Pointe sind. Sie haben Namen, Statussymbole, Marotten und sorgfältig lackierte Oberflächen, aber nur selten innere Kontur. Dadurch verflüchtigt sich auch die Satire: Was nicht mehr als Figur glaubhaft wird, kann schwerlich als gesellschaftlicher Typus nachhallen. Die Welt der Business Class erscheint hier weniger als scharf gezeichnetes System denn als Ansammlung von Schablonen, die in immer neuen Variationen dasselbe Personal vorführen.

Das ist deshalb bedauerlich, weil Suter sein Handwerk unverkennbar beherrscht. Seine Sätze sind geschmeidig, sein Timing ist intakt, sein Blick für die Eitelkeiten des gehobenen Erwerbslebens keineswegs erloschen. Man spürt immer wieder, dass er Witz, Rhythmus und Beobachtungsgabe nach wie vor besitzt. Aber gerade deshalb enttäuscht dieses Buch: Nicht weil es völlig misslungen wäre, sondern weil es so deutlich unter dem Niveau seiner Möglichkeiten bleibt.

„Können Sie mich sehen?“ hinterlässt am Ende den Eindruck eines Buches, das auf den Glanz einer alten Form vertraut, ohne ihr noch einmal neue Spannung zu geben. Es ist elegant geschrieben, gewandt gebaut und in Momenten durchaus amüsant — aber zu oft auch mechanisch, vorhersehbar und seltsam aus der Zeit gefallen. Die Welt, die es verspottet, ist voller Aufsteigerphantasien; literarisch jedoch steigt dieser Band nicht auf, sondern sinkt eher eine Klasse tiefer.


Genre: Erzählungen, Kolumnen, Miniaturen
Illustrated by Diogenes

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