Die Holländerinnen

Dschungelartiges Erzählspiel

Die Schweizer Schriftstellerin Dorotee Elmiger hat mit ihrem Roman «Die Holländerinnen» den Deutschen Buchpreis des Jahres 2025 gewonnen. Die an Joseph Conrads «Herz der Finsternis» erinnernde, kurze Geschichte greift auf ein reales Ereignis zurück, bei dem 2014 zwei junge holländische Frauen im Urwald spurlos verschwunden sind, – ein Fall, der nie aufgeklärt wurde. Im vorliegenden Roman nun hat ein namenlos bleibender «Theatermacher» die glorreiche Idee, diese Geschichte fürs Theater zu adaptieren und dazu selbst an den Ort des Geschehens zu reisen. Er nimmt telefonisch Kontakt zu einer ebenfalls namenlos bleibenden «Schriftstellerin» auf und überredet sie wortreich dazu, als Protokollantin an der geplanten Expedition teilzunehmen mit dem Ziel, das Geschehen theatergerecht zu rekonstruieren. Ein Kameramann sei mit von der Partie und ein Tontechniker, die ihr Protokoll visuell vervollständigen würden. Wenige Wochen später ist sie bereits auf dem Weg nach Panama.

Als bedeutende Schriftstellerin wird diese Protokollantin im Roman zu Vorträgen eingeladen, in denen sie vor einem studentischen Auditorium über ihre spektakuläre Reise nach Panama berichtet. Dorotee Elmiger erzählt bis auf ganz wenige, kurze Ausnahmen ihre Geschichte in indirekter Rede, lässt also ihre Roman-Figuren im Konjunktiv reden. Damit erreicht sie eine Unmittelbarkeit, die dem Text etwas extrem Authentisches verleiht, wobei der Konjunktiv aber auch andere Deutungen erlaubt, ja geradezu herauszufordern scheint. Kennzeichnend für den zunächst spannend zu lesenden Roman ist einerseits die eindringliche Schilderung des Urwalds, der unheimlich erscheint, undurchdringlich, von schrillen Geräuschen erfüllt, ein für alle Teilnehmer bedrohlich erscheinender Lebensraum, mit extrem viel Regen zudem. Die Gruppe kommt in einem Camp unter und bereitet sich auf die Erkundungstour vor, die nach den Vorstellungen des Theatermachers dem mutmaßlichen Weg der beiden Holländerinnen folgen soll, um daraus die Basis zu schaffen für sein geplantes Projekt.

Was vordergründig wie ein Krimi wirkt, stellt in Wahrheit das Bemühen von Dorothee Elmiger dar, den Horror dieser Wildnis in ihrem Roman sprachlich umzusetzen. Das aber erweist sich letztendlich als unmöglich, denn was da Unheimliches geschieht, das sei literarisch einfach nicht adäquat darstellbar als zutiefst seelische Grenzerfahrung. Sie schafft stattdessen eine hoch komplexe Aneinanderreihung verschiedenster Geschichten, die von den Teilnehmern zum Besten gegeben worden seien, wie die Rednerin sagt. Sie scheinen vordergründig allerdings fast ausnahmslos ohne inneren Zusammenhang zu sein, oft auch erschließt sich deren vorgebliche Parallelität mit der Situation im Dschungel nur schwer.

In den Feuilletons gab es neben Lob auch kritische Stimmen zu diesem prämierten Roman, und die Kommentare in Onlinehandel sind negativ wie selten. Dem brillanten Erzählstil der Autorin mit den vielen kulturellen Verweisen steht als wichtigster Kritikpunkt die extrem fragmentarische Erzählweise gegenüber, deren tieferer Sinn sich einem kaum erschließt. Das vorgebliche Ringen um Worte ist unglaubwürdig angesichts einer realen Vorlage, die trotz ihres Schreckens so ungewöhnlich ja nicht ist, die Nachrichten sind doch voll davon. Mit Elementen des Krimis angereichert, erweist sich der Plot mit der Zeit immer mehr zu einem Irrweg ähnlich denen im Dschungel, die im Nirgendwo enden. Das Narrativ besteht aus einem dschungel-artigen Spiel mit ausufernd vielen Gerüchten, Spekulationen, Bedrohungen und Mythen, die Autorin gefällt sich offensichtlich in ihrem überfrachteten, multiplen Nacherzählen, basierend oft auf märchenhaftem Hörensagen als fragwürdige Quelle. Das wird mit der Dauer immer schwerer erträglich beim Lesen, zumal es, wie man schon bald ahnt, zu nichts hinführt. Stilistische Brillanz, mit der Dorothee Elmiger wahrhaft glänzt in diesem anspielungsreichen, zu kontemplativem Mitdenken anregenden Roman, ist allein allerdings wenig tragfähig als Lektüre!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Aus der Zuckerfabrik

Unikat der Postmoderne

Das dritte Buch von Dorothee Elmiger mit dem Titel «Aus der Zuckerfabrik» verdeutlicht durch die fehlende Genrebezeichnung die Probleme bei der Definition der Gattung Roman. Bei Wikipedia wird dieses Buch nonchalant als ‹Roman› klassifiziert, eine literarische Form, die von Georg Lukács als «Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit» bezeichnet wurde, die Schweizer Autorin selbst hat ihr Buch als Recherchetagebuch bezeichnet. Auf potentielle Leser kommt also ein ungewöhnliches, verwirrendes Stück Prosa zu, soviel sei vorab schon mal gesagt.

Als Leitthema fungiert, dem Buchtitel entsprechend, der Zucker als Metapher für Begehren und Genuss, die Zuckerfabrik dient als Sinnbild der Gesellschaft. Ferner sind Gewalt, Kolonialismus, Ökonomie, Verteilungsgerechtigkeit, Glückssuche, Sexismus und anderes mehr markante Themen dieses konsequent abstrakt bleibenden, literarischen Sammelsuriums. Aber auch die Literatur ist, oft mit längeren Zitaten, breitgefächert vertreten. Peter Kurzeck wird genannt und Max Frisch, aber auch Joseph Roth, Marie Luise Kaschnitz oder Heinrich von Kleist. Zu den absonderlichen Geschichten, die häufig wiederkehrend im Buch thematisiert werden, gehört auch die des ersten Schweizer Lottokönigs von 1979 Werner Bruni. Der Titel seines Buches «Einmal Millionär und zurück» veranschaulicht besonders deutlich die Gedanken von Dorothee Elmiger zum Thema Geld. Mit Ellen West wiederum, berühmte Patientin des Schweizer Psychiaters Ludwig Binswanger, wird das Thema Suizid aufgegriffen, und der Russe Vaslav Nijnsky schließlich steht als begnadeter Tänzer für Ruhm, aber auch für ein tragisches Ende in geistiger Umnachtung. Die im Buch durch Karl Marx und Adam Smith vertretene Ökonomie wird, ihre Maßlosigkeit betreffend, mit einer köstlichen, filmreifen Szene beschrieben: Während einer Teestunde nimmt Adam Smith, ganz in Gedanken verloren, ein Stück Zucker nach dem anderen aus der Zuckerschale und isst es auf, bis die verstörte Gastgeberin die Schale vom Tisch nimmt und in Sicherheit bringt.

All diese vielen Textfragmente sind scheinbar ziemlich zusammenhanglos aneinandergereiht, ihr tieferer Sinn erschießt sich oftmals nicht. Die Ich-Erzählerin, in der die Autorin unschwer zu erkennen ist, gibt offen zu, sie sei nicht in der Lage, «ihr Material in eine Erzählung zu fügen». Man hat es quasi mit einem prall gefüllten Zettelkasten in Buchform zu tun. In dem sind weder Zeit noch Ort konkret fassbar. Von allen Zwängen befreit, wie die Grübeleien ihrer phantasiebegabten Schöpferin auch, werden vielmehr in wilden, unkoordinierten Sprüngen mühelos sämtliche realen Dimensionen überwunden. Was hier erzählt wird sind Schnappschüsse und Szenen aus den Gedanken und Visionen einer Schriftstellerin, die sich verzweifelt bemüht, die Gegenwart zu verstehen. Dabei landet ihre Ich-Figur erzählerisch sehr häufig in einem «Gestrüpp», Sinnbild für Weglosigkeit und Unbehaustheit.

Dieses Buch ist eine berührende Anklage gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit und die unvermindert anhaltenden, eklatanten Fehlentwicklungen des 21ten Jahrhunderts. Sprachlich umgesetzt wird dieses Lamento durch ein brüchiges, inkonsistent erscheinendes Narrativ mit einer ausgesprochen eigenwilligen Syntax, die durch häufige fremdsprachige Einsprengsel und Zitate noch zusätzlich sperriger wird. Allein die sechs Seiten mit Quellenangaben zeugen davon, dass von flüssigem Lesen in diesem Buch wahrlich nicht die Rede sein kann. Dass die Autorin sich dieser Schwierigkeiten bewusst ist, wird an mehreren Stellen deutlich. Während sie am Schreibtisch sitze, sagt die Ich-Figur einmal selbstreflexiv, passiere gleichzeitig um sie herum alles Mögliche, «und das muss dann natürlich alles auch erzählt werden, weil das ja die Bedingungen sind, unter denen der Text entsteht». Kaum vorstellbar, dass diese experimentelle Prosa, ein Unikat der Postmoderne, den diesjährigen Frankfurter Buchpreis gewinnt, – aber man soll ja nie Nie sagen!

Fazit: lesenswert

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Illustrated by Hanser Verlag München