Ein ganzes Leben

Robert Seethaler dreht die Uhr um einhundert Jahre zurück und führt den Leser in die raue Bergwelt der Alpen. Sein Held Andreas Egger, ein gebirgserfahrener junger Handlanger in einem österreichischen Tal, besucht ein eremitisch lebendes Unikum, den Hörnerhannes. Er findet den Ziegenhirten todkrank und bis auf die Knochen abgemagert in einer Ecke. Egger will ihn ins Tal tragen, dort gibt es medizinische Hilfe. Doch der Todgeweihte will in seiner Welt bleiben. Er springt mit letzter Kraft aus der Kraxe, die sein Retter für den Transport auf den Rücken geschnallt hat und verschwindet im Schneegestöber.

Jahrzehnte später, Egger hat inzwischen das Ende des eigenen Daseins vor Augen, sieht er den Sonderling erneut: Skifahrer bringen eine aus dem Dauerfrost des Ferneis-Gletschers gehackte Leiche zur Aufbahrung in der Kapelle des kleinen Ortes. Andreas erkennt in dem von Tierfraß beschädigten Leichnam den Hörnerhannes wieder, den sonst niemand erinnert.

Mit der Schilderung dieser kurzen Begegnungen klammert Seethaler seinen Kurzroman über das Leben des Andreas Egger, der als Vierjähriger aus Not an einen brutalen Großbauern verkauft und von ihm mit Haselnussgerte und Ochsenziemer erzogen wird. Bei den Misshandlungen bricht ein Oberschenkelknochen, der Junge schleppt sich künftig hinkend durch sein arbeitsames Leben. Er ist ein Krüppel, den Dorfkinder verspotten.

Der junge Eggers lernt gern, ist handwerklich begabt und scheut keine Schwerstarbeit. Als der Tourismus den Landstrich entdeckt, wird eine elektrische Seilbahn gebaut. Er erhält einen Job, weil er wie kein anderer klettern kann, den Berg kennt und vor keiner brandgefährlichen Tätigkeit zurückschreckt. Künftig bohrt er Löcher für Sprengladungen in die Felswand. Später wird er von einer wackligen Plattform die Stahlseile der Bahn ölen und kontrollieren.

Durch die Berührung mit einer Falte ihrer Bluse an seinem Oberarm wird Eggers auf eine Bedienerin im Wirtshaus »Zum Goldenen Gamser« aufmerksam. Sie ist ebenso wie er keine Einheimische und wird entsprechend gemobbt. Er geht mit ihr spazieren, zeigt ihr Täler und Höhen und weiß doch nicht, wie er sie ansprechen soll. Irgendwann hat er mal gehört, dass ein Heiratsantrag die Geliebte nachhaltig beeindrucken soll, um angenommen zu werden. Hilflos bezahlt er Kollegen, die mit Sprengstoff eine Botschaft in den dichten Wald brennen. »Marie, für Dich« liest die Angebetete und sagt freudig Ja.

Die beiden ziehen in einen verlassenen Stall, den er wohnlich ausgebaut hat, betreiben einen Gemüsegarten zur Selbstversorgung. Dem Lebensglück für beide scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Doch ob sich der Berg erinnert an das, was ihm mit Sprengstoff und Pressluft angetan wurde? Jedenfalls donnert mit der Schneeschmelze eine gewaltige Lawine ins Tal und begräbt alles, was ihm lieb und teuer war. Eggers steht vor dem Nichts.

Er schuftet weiter für die Seilbahngesellschaft und wird schließlich eingezogen, denn der Weltenbrand des Möchtegern-Weltherrschers Hitler nimmt zum bitteren Ende auch Krüppel. Andreas Eggers darf im Kaukasus wieder Löcher für Sprengstoff bohren, er wird gefangen genommen, gerät in Kriegsgefangenschaft und kehrt erst nach Jahren wieder in sein Heimattal zurück.

Nun kommt er in einem Bretterverschlag hinter der alten Schule unter. Eine pensionierte Dorfschullehrerin will ihn zu sich nehmen, doch seine Gedanken sind immer noch bei seiner Marie. Aus der Beziehung der beiden einsamen Herzen wird nichts. Eggers verdient sein Geld als Bergführer für Touristen, die ohne Ahnung von der Bergwelt zu haben, ins Tal strömen.

Mit weit über siebzig setzt er sich zur Ruhe, packt seine wenigen Habseligkeiten und zieht in einen aufgegebenen Viehstall oberhalb des hinteren Dorfausganges. Dort verbringt er zufrieden seine Jahre, lässt den Blick über die weite Landschaft schweifen, genießt die Ruhe, wäscht sich morgens an einem eiskalten Bergbach und führt Selbstgespräche. Die Leute halten ihn für wunderlich.

Er stirbt beim Frühstück, leise und ohne Aufsehen zu erregen. Der Briefträger entdeckt den Verstorbenen, als er ein paar Tage später das Gemeindeblatt zustellen will.

Robert Seethalers Kurzroman »Ein ganzes Leben« entführt den Leser in die karge Welt eines Alpendörflers, dessen Dasein vom Berg, den Jahreszeiten und den Naturgewalten bestimmt ist. Er schildert das erfüllte Leben eines Mannes, der vollkommen in der Natur aufgeht und trotz der Härte und eines Schicksals, das ihm enorm viel abverlangt, zufrieden ist. Seethaler beweist mit exquisiter Schreibe, dass auch in der Lebensgeschichte eines armen Handlangers und Tagelöhners Tiefgang und Seele liegen, die den Leser berührt und mitnimmt. Der relativ kurze Text des österreichischen Erfolgsschriftstellers bietet einen guten Einstieg in Seethalers Sprache, Stil und Erzählweise.


Genre: Biographien, Romane
Illustrated by Goldmann München

Das Feld

Seelisch bereichernd

Nach zwei ebenfalls erfolgreichen Vorgängern ist dem österreichischen Schriftstellers Robert Seethaler mit dem aktuellen Roman «Das Feld» erneut ein Bestseller gelungen. In Abkehr von seinen bisherigen Themen hat er sich narrativ dabei dem Tod gewidmet, und zwar aus einer ungewöhnlichen Perspektive, es sind die Toten selbst, die da post mortem erzählen. Als Kosmos dient ihm eine fiktive Kleinstadt, und sein Romantitel weist als erzählerischen Quell den Ort aus, auf dem ein alter Mann Stimmen hört, den Friedhof von Paulstadt, dort nur «Das Feld» genannt. Kein gefälliger Erzählstoff also, ein Tabuthema auch noch, und trotzdem ein Bestseller?

Im ersten Kapitel «Die Stimmen» sinniert der alte Mann, auf seiner vermoderten Holzbank inmitten des Gräberfeldes sitzend, über die Toten, die rings um ihn herum ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. «Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden.» Es sind 29 Gestorbene, die da als Ich-Erzähler in ebenso vielen, unterschiedlich großen Kapiteln zu Wort kommen und von ihrem Leben und Sterben erzählen, wobei sich ihre Wege immer wieder kreuzen in einem lockeren Erzählgeflecht. Die Liebe ist natürlich ein Thema, von gescheiterten Beziehungen bis zum Händchenhalten noch im Tod, vom Sex mit einem dicken Geliebten bis zur Frau mit 67 Männern, von denen sie nur einen geliebt hat. Ein verwirrter Pfarrer zündet seine Kirche an, ein arabischer Gemüsehändler bringt die Asche seiner Eltern in die Heimat, ein korrupter Bürgermeister berichtet in Briefform von seinen Schandtaten, ein Spielsüchtiger zerstört sein Leben, ein Junge begeht Suizid im Froschteich, ein anderer erzählt von dem Autounfall, bei dem er stirbt. Wir begleiten den Briefträger auf seiner Runde, der Autohändler erlebt den glücklichsten Tag seines Lebens, der beste Freund verschwindet spurlos für immer, ein Bauer verkauft listig sein wertloses Land. Vom beruflichen Aufstieg eines Zeitungsverlegers wird erzählt und vom Niedergang eines Schuhgeschäfts, vom Sterben einer Hundertfünfjährigen und am Ende auch von einer harmlos scheinenden Verletzung im Urlaub. «Was ist das für ein Strich, Mama? Was meinst du? Der rote Strich an deinem Arm, schau mal, er sieht aus wie eine Straße!» Die Familie ist auf der Heimfahrt, schon kurz vor dem Ziel. «Fred sieht mich an. Dann schaltet er einen Gang zurück und gibt Gas. Von jetzt an geht es schnell» endet das Kapitel lapidar.

Erstaunt hat mich, dass ein Roman über das Sterben und den Tod so entspannend sein kann. Robert Seethaler erzählt sehr gelassenen vom Leben bis zu seinem Ende, wobei es hier kein Totenreich gibt wie bei Dante, weder Himmel noch Hölle, er weist den Toten lediglich eine Stimme zu und lässt sie ganz selbstverständlich mit den Lebenden kommunizieren. Seine Herangehensweise dabei geht konsequent von der menschlichen Würde aus, er diffamiert seine Figuren nicht, sondern beschreibt sie wertfrei mit wenigen treffenden Worten, geradezu plastisch, und zeichnet damit stimmig ein auf seinen Wesenskern reduziertes Panoptikum gelebten Lebens.

Der Autor hat es vorgezogen, seinen Figuren, die ja allesamt das Sterben bereits hinter sich haben, eine einheitliche, klare und treffsichere Sprache zu unterlegen. Bekanntlich macht der Tod alle gleich, und so ist es thematisch angemessen und auch logisch, auf eine unterschiedliche Diktion zu verzichten bei diesen jenseitigen Stimmen. Außerdem reduziert der Autor mit seinem narrativen Kunstgriff das Jenseits gekonnt auf das rein Sprachliche. Und was da episodenweise ziemlich gelassen erzählt wird, das kann man nur als unpathetische Antwort auf die Sinnfrage deuten, es sind jedenfalls überraschende Reflexionen und selten vernommene Lebensweisheiten. Der seines fraktionellen Aufbaus wegen zwar nicht gerade leicht zu lesende, aber versöhnlich stimmende Roman ist insoweit auch existenziell sehr berührend, – seelisch bereichernd ist er als zeitloses Werk allemal.

Fazit: erstklassig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin