Krass

Sic transit gloria mundi

Im neuen Roman von Martin Mosebach mit dem deskriptiven Titel «Krass» steht ein Machtmensch gleichen Namens auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Krass ist aber auch, adjektivisch wohlgemerkt, der aberwitzige Plot des umstrittenen Büchner-Preisträgers, in dem der Zufall fröhliche Urständ feiert. Wie oft bei diesem Autor ist es eine Geschichte vom Scheitern, hier als Psychogramm eines narzisstischen Machertypen mit einer dominanten physischen Präsenz, ein skrupelloser Waffenhändler. «Er arrangiert die Welt, so wie sie ihm gefällt», hat der Autor seinen Protagonisten charakterisiert.

In Neapel besucht 1988 eine siebenköpfige Reisegruppe eine Zauberschau und trifft später in einem Restaurant auf die als Assistentin beteiligte Lidewine. Ralph Krass, Spritus rector und großzügiger Finanzier der Gruppe, lässt sie von seinem Adlatus Dr. Jüngel an ihren Tisch bitten. Die junge Frau, Inkarnation des «Ewig Weiblichen», wie es im Roman anbiedernd heißt, ist Krass sofort sympathisch. Er weist den assistierenden Kunsthistoriker spontan an, sie als Begleiterin für diese Reise zu engagieren. Alles rein platonisch, Sex ist für die Dauer der Reise – auch für sie – tabu, er braucht sie nur für sein Ego, als dekorative Begleitung. Man besichtigt das berühmte Alexander-Mosaik, in dem sich auch das Motiv des Buchumschlags mit der in ihr Spiegelbild verliebten Bachstelze findet. Anschließend geht es nach Capri, um dort eine zum  Verkauf stehende schlossartige Villa anzusehen. Lidewine wird ständig mit teuren Geschenken überhäuft, bis Jüngel zufällig mitbekommt, dass sie einen adonisartigen Hotel-Kellner nachts in ihrer Suite empfängt. Ein eindeutiger Vertragsbruch, sie wird entlassen, die Gruppe zerfällt schlagartig.

Dieser erste Teil des Romans mit dem Titel «Allegro imbarazzante» weist auf das Peinliche des großspurigen Gehabes von Krass hin. Es folgt mit «Andante pensieroso» ein melancholischer zweiter Teil, in dem der arbeitslos gewordene Jüngel vorübergehend Unterschlupf in der französischen Provinz sucht. Dort rekapituliert er die Neapel-Reise und nebenbei auch das Scheitern seiner Ehe. Mit «Marcia funebre» wird im letzten Teil zwanzig Jahre später eine Art finaler Trauermarsch angestimmt. Die Protagonisten treffen in unterschiedlicher Mission in Kairo wieder aufeinander, welch ein Zufall! Krass ist völlig mittellos, er liegt buchstäblich auf der Straße. Jüngel, inzwischen Professor für Urbanistik und nach einer zweiten Ehe wieder geschieden, ist als Forscher in der ägyptischen Metropole. Lidewine wiederum ist dort unterwegs, um eine Galerie zu gründen, in der Superreiche aus den Emiraten ihr überflüssiges Geld in moderne Kunst investieren können.

Martin Mosebach erzählt seine mephistophelische Geschichte in einem altväterlichen Duktus mit Sätzen wie diesem: «Dass sein Körper, so wie er nun einmal war, als Wohnstatt seines Willens höchste Beachtung verdiente, das stand für ihn außer Frage». Die auktoriale Erzählweise wechselt im Mittelteil zur personalen, mit Jüngel als Ich-Erzähler, abwechselnd im Brief oder Tagebuch. Es bleibt offen, ob Krass mit seinen Allmachts-Fantasien unternehmerisch ein Genie ist oder ein Hochstapler. Außer einer nur telefonisch in Erscheinung tretenden Sekretärin gibt es offensichtlich keine weiteren Mitarbeiter. Alle Geschäfte werden rund um den Erdball nur papierlos in Hotels und Restaurants abgewickelt. Der atmosphärisch dichte, bildstarke Roman verdeutlich in seinem spannenden Plot, der letztendlich aber nirgendwo hinführt, das Wesen und die Wirkungen der vergehenden Zeit. Das geschieht in einer eigenwilligen Form, die unübersehbar ironisch gefärbt ist und unterschwellig zuweilen sogar Humor erahnen lässt. Erstaunlich ist jedenfalls, dass dieser ambivalente Roman, in dem sich zwar vieles ereignet, aber nicht wirklich auch etwas passiert, es mit seiner Schadenfroh-Thematik ‹sic transit gloria mundi› auf Anhieb in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Was davor geschah

Moderner Jahrmarkt der Eitelkeiten

Im breitgefächerten Œuvre des mit dem Büchnerpreis ausgezeichneten Schriftstellers Martin Mosebach wird bei den Romanen häufig das Scheitern thematisiert, so auch in «Was davor geschah». Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nannte den Autor 2007 in ihrer Laudatio nicht nur einen «genialen Formspieler», er verbinde zudem «stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude». Ein derart überschwängliches Lob löst in der Fachwelt regelmäßig erbitterte, vom Neid befeuerte Debatten aus, von «affektierten Vokabeln» und «verzopften Phrasen aus der bürgerlichen Mottenkiste» konnte man da lesen. Nach der Lektüre des vorliegenden Romans wird man diesem Verdikt vehement widersprechen, vielleicht auch gerade deshalb, weil der Autor gottlob mit seinen intellektuell hochstehenden Romanen unbeirrt nichts bestsellertauglich Profanes abliefert!

Es gibt wohl kaum eine explosivere Frage in einer aufkeimenden Liebesbeziehung als die nach der Zeit davor, nach dem also, «was davor geschah». Dieser drängenden Frage seiner Liebsten kommt der namenlose Ich-Erzähler, ein 35jähriger Bankkaufmann, der vor sechs Monaten nach Frankfurt gezogen ist, gerne nach, seine Erlebnisse in der Stadt am Main bilden letztendlich den alleinigen Erzählstoff dieses Gesellschaftsromans. Er lernt gleich zu Beginn den Sohn der ebenso kultivierten wie wohlhabenden Familie Hopsten kennen, der ihn zur nächsten der allsonntäglich in ihrer pompösen Villa stattfindenden Party einlädt. Prompt verliebt er sich hoffungslos in die schöne Phoebe, die Schwester seines Freundes. Er lernt zudem einen illustren Kreis von Stammgästen kennen, die zusammen mit dem prominenten Ehepaar Bernward und Rosemarie Hopsten das Figuren-Ensemble dieses Romans bilden. Dazu zählen insbesondere der zuverlässig jede Konversation in Gang haltende Schwadroneur und hochrangige Ex-Politiker Schmidt-Flex mit Frau sowie dessen dröger Sohn und seine attraktive, weinselige Frau Silvi. Diesen inneren Kern der Partygesellschaft ergänzen Helga, Freundin und Beraterin der Hausherrin in stilistischen und ästhetischen Fragen, sowie der ebenso zwielichtige wie charismatische Geschäftsmann und Schürzenjäger Joseph Salam.

Genüsslich erzählend breitet Martin Mosebach das vielfach verknüpfte Beziehungsgeflecht dieser Figuren in einer geradezu süffigen Sprache vor dem Leser aus. Von der ersten Seite an erinnert er damit stilistisch an Thomas Mann oder Lew Tolstoi, nur dass sein Sittenbild einer bourgeoisen Gesellschaft sich auf einen deutlich kleineren, überschaubaren Kreis von Figuren stützt – und mit wesentlich weniger Seiten auskommt! Es gehört zur narrativen Kunst des Autors, dass er dem Leser seine lebensechten Protagonisten menschlich derart nahe zu bringen vermag, dass man jeden von ihnen zu kennen glaubt in seiner realistisch erscheinenden Charakterzeichnung, – und niemand von ihnen wirkt unsympathisch oder gar abstoßend. Was den Leser da so sinnlich mitreißt in diesem Vexierbild einer gehobenen Gesellschaft unserer Tage, das ist vor allem ein kontemplatives Vergnügen, bei dem scheinbar bedeutungslose Szenen wie eine nächtliche Schlittenfahrt der ganzen Partytruppe im Taunus oder die akribische Federputz-Prozedur eines weißen Kakadus äußerst subtil und anschaulich geschildert werden.

Derart wortmächtig und elegant schreibt niemand anderes in der gegenwärtigen deutschen Literatur. In seinem – bis auf die Rahmenhandlung – klug konstruierten Plot entlarvt der Autor moralisch streng, aber auch unverkennbar ironisch den Aberwitz in seinem ‹Jahrmarkt der Eitelkeiten› moderner Prägung mit seinen amourösen Verstrickungen. Der scheherazadeartige Handlungsrahmen allerdings mit seinen gelegentlich eingestreuten, typografisch abgesetzten, kurzen und irrealen Dialogen ist wenig überzeugend, und auch der unbestimmt zwischen personaler und auktorialer Warte changierende, konturlose Ich-Erzähler ist literarisch ein kleiner Wermutstropfen in dieser ansonsten makellosen Erzählung.

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Das Blutbuchenfest

Unselige Allianz von Schicksal und Zufall

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat 2014 mit seinem Roman «Das Blutbuchfest» das Scheitern thematisiert, im Privaten ebenso wie im Politischen. Schon bei der Verleihung des Büchnerpreises 2007 sprach sein Laudator Navid Kermani vom Geist des Cervantes, den sein Werk atme. Als Literat wurde Mosebach vom Feuilleton stilistisch teilweise herb kritisiert für seinen «gespreizten Schmuckstil», andere sprachen entzückt von einem «Geniestreich» oder vom «souveränen Meisterwerk», – also was denn nun?

Zeitlich zu Beginn der Balkankriege angesiedelt, wird die Geschichte einer in Frankfurt beheimateten Clique illustrer Figuren aus dem Mittelstand erzählt, deren charismatische Hauptakteure zwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen planen, eine davon ist das titelgebende «Blutbuchenfest». Ein finanziell abgebrannter, zwielichtiger Werbe-Guru kommt auf die grandiose Idee, seine ausufernden Geldsorgen auf einen Schlag durch ein groß aufgezogenes Fest für die Schickimicki-Gesellschaft loszuwerden, mit raffinierter Promotion und aggressivem Vertrieb. Gastgeber soll Dr. Glück sein, ein dem Alkohol zugeneigter, alleinstehender Bankvorstand mit einer riesigen Altbauwohnung, zu der auch ein schöner Garten gehört, in dessen Mitte der mächtige, rotlaubige Baum steht. Ich-Erzähler dieser Geschichte ist in weiten Teilen ein promovierter, arbeitsloser Kunsthistoriker Mitte dreißig. Ein gut vernetzter, exaltierter Veranstalter, der einen Kongress zum Thema «Menschenwürde im Blick der Balkankultur» plant, beauftragt ihn, ein Exposé für die als Begleitprogramm vorgesehene Ausstellung mit Werken des bosnischen Bildhauers Ivan Mestrovic zu schreiben.

Zu diesen Figuren, die sich in wechselnder Besetzung fast täglich im Restaurant Merzinger einfinden, gesellt sich ein vom Konkurs wieder auferstandener Immobilienhai hinzu, ferner die umtriebige Managerin einer PR-Agentur, eine ehemalige Modeschöpferin, eine männermordende Traumfrau sowie eine flatterhafte, zerbrechliche Assistentin, in die sich der Ich-Erzähler verliebt. Die zentrale Verknüpfung dieses beruflichen und privaten Netzwerks bildet Ivana, eine für sie alle tätige, bosnische Putzfrau, deren Schicksal als weiterer Handlungsstrang auch ihre bäuerliche Familie in Bosnien mit einbezieht. Genüsslich beschreibt Martin Mosebach in diesem satirischen Gesellschaftsreigen seine Frankfurter Protagonisten als lebensgierige Wohlstandsbürger mit Ecken und Kanten, deren maßlose Egozentrik nicht über ihre charakterlichen und seelischen Defizite hinwegzutäuschen vermag. Dieser zügellosen Wohlstandsclique stellt er mit Ivana eine tatkräftige, grundehrliche junge Frau als Kontrast gegenüber, die dann, selbst vom Schicksal schwer gebeutelt, auch noch miterleben muss, wie am Ende ihre vom Balkankrieg überraschte Familie auf der überstürzten Flucht all ihr bescheidenes Hab und Gut verliert. Scheitern tun aber mangels Spender auch der großkotzig geplante Kongress sowie das als glamouröses Event angekündigte Blutbuchenfest, letzteres endet in einem unsäglichen Chaos.

In einem etwas altväterlichen Stil wird hier wortmächtig und eindringlich eine kunstvoll inszenierte Parabel des Scheiterns erzählt, ein Vanitas-Motiv mithin, dessen Figuren lebensprall ausgeformt sind. Dabei gerät der Autor oft ins Fabulieren, schmückt seinen komplexen Plot unbekümmert mit irrealen Details aus, so wenn zum Beispiel die Liebste des Ich-Erzählers am Laptop arbeitet oder Ivana per Handy telefoniert, – für 1991/92 ein bewusster Anachronismus, wie der Autor erklärte. Er lässt den umtriebigen Werbe-Fuzzi sogar zu sechs Raben sprechen, Unglücksboten also, die ihm unter der Blutbuche interessiert zuhören. Die unselige Allianz von Schicksal und Zufall wird hier äußerst wirkungsvoll am Kontrast zwischen saturierter Spaßgesellschaft und archaischem Balkanleben gespiegelt, üppig gespickt zudem mit vielerlei kontemplativen Einschüben, eine insgesamt ebenso bereichernde wie unterhaltende Lektüre!

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by dtv München