Gehören Sie auch schon der Selbsthilfegruppe für Ratgeber-Frustrierte an? Soviel vorweg: Ellen Kuhn gibt dafür keinen Anlass. Im Gegenteil.
Der Anteil der sogenannten Ratgeber-Literatur beträgt auf dem deutschen Markt immerhin 10 bis 15 Prozent. Dabei ist die Erfahrungsendlos-Schleife bei diesen Büchern doch eigentlich immer die gleiche: Die Titel versprechen das sofortige Lösen des Problems in Rekordzeit, am besten sogar aller Probleme. Der Weg dorthin ist von Affirmationen im Befehlston gepflastert, die kein Nachdenken und keinen Widerspruch zulassen („Sei Du selbst. Sei die beste Version Deiner selbst. Sorge Dich nicht, lebe. Vergleiche Dich nicht. Sei unvergleichlich. Du musst unbedingt …“ Und unendlich viele mehr). Das empfinden erstaunlich viele Menschen als primär angenehm, da es vordergründig Sicherheit vermittelt, Komplexität reduziert, das Leben also scheinbar einfacher macht. Bis das böse Erwachen folgt – hat doch nichts gebracht. Aber da wartet ja schon der nächste Wunder-Guru mit dem nächsten Ratgeber.
Was für eine Wohltat, wenn man in diesem Szenario ein Buch von Ellen Kuhn in die Hände bekommt.
Nach Ihrem Erfolgsbuch „Erfüllendes Mutterglück oder kinderlose Freiheit – mein Weg zur Entscheidung“ war man schon gespannt, welchem schwierigen, aber immer aktuellen Thema Sie sich – nach einem kurzen Intermezzo über einen Essay-Band – wohl als Nächstes widmen würde. Im Sachbuch „Im Blick der Anderen: Die Kunst, sich gesehen zu fühlen“ bekommt man genau die Ellen Kuhn, die man im ersten Buch so schätzen gelernt hat.
Wer hat sich noch nie mit dem Gefühl konfrontiert gesehen, dass man für manche oder viele um sich herum unsichtbar ist, nicht wahrgenommen wird, egal was man tut? Während anderen die Herzen ohne großes Zutun einfach nur zufliegen. Gesehen werden zu wollen, gehört ohne jeden Zweifel zu den grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen. Viele wissen das, viele leugnen es, viele leiden darunter, viele driften ab in abstruse Verhaltensweisen, nur weil fehlende Anerkennung, fehlende Resonanz, fehlende Spiegelung am Selbstwert und an der gesamten Persönlichkeit zehren. Manchmal Tag um Tag, nicht selten Jahr um Jahr, vielleicht sogar lange Phasen des Lebens. „Wie die Sehnsucht nach Anerkennung unser Selbst formt“ ist folgerichtig ein weiterer Untertitel des Buches.
Erst wenn man dieses Buch liest, erkennt man, wie facettenreich dieser Themenkomplex eigentlich ist. Kuhn geht trotz tiefschürfender Materie mit erfrischender Leichtigkeit zum Beispiel darauf ein, was wir wirklich brauchen, was Applaus und Bewunderung mit uns machen, wie es zu verletzenden und gar toxischen Beziehungen kommen kann, was Lob und Belohnung mit uns machen können, welche Bedeutung soziale Medien in diesem Gefüge haben und wie Liebe und Sex ganz ausgeprägt mit dem Gesehenwerden zusammenhängen können. Und vieles, vieles mehr.
Trotzdem wird das Buch nie langweilig. Das liegt zum einen an der guten Gliederung und Proportionierung und vor allem auch an den immer wieder eingestreuten Berichten von Betroffenen, in denen man sich mehr als einmal wiederfindet. Und an den Fragen, mit denen sie ihre Leserschaft direkt einbindet. Sogar kurze Ausflüge in die dazugehörigen Aspekte der Philosophie (einschließlich fernöstlicher Perspektiven wie des Konfuzianismus, des Daoismus und des Zen-Buddhismus) und der Psychotherapie wirken nie trocken, sondern immer stimmig und zusätzlich erhellend.
„Das Thema ist komplex, vielschichtig und oft widersprüchlich. Eine einfache Antwort würde ihm nicht gerecht“, schreibt die Autorin in ihrer Einleitung.
Wenn man ihr Buch gelesen hat, hat man durch den Reflexionsprozess, den Kuhn mit Ansage intendiert, vielleicht noch nicht alle Probleme gelöst. Aber man ist sich selbst ein großes Stück näher gekommen.
