Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen

„Die Natur muss gefühlt werden, wer nur sieht und abstrahiert, kann Pflanzen und Tiere zergliedern, er wird die Natur zu beschreiben glauben, ihr selbst aber ewig fremd sein.“ Alexander von Humboldt, 1810

Humboldt hatte Alphonse Karr aus der Seele gesprochen, ob er ihn auch gekannt hatte? Vielleicht hat er Deutsch verstanden, sein Vater war ein deutscher Pianist, aber gelebt hat Karr in Frankreich, als jüngerer Mensch in Paris, wo er gerne mit Literaten in Salons verkehrt, später in seinem Garten im Süden Frankreichs.

Das Lesen ist immer wieder ein sich Zurückversetzen in lange vergangene Zeiten: Wie sahen vor zweihundert Jahren die Gärten aus, was wussten die Menschen über Pflanzen und überhaupt von der Welt? Dass dies kein Ratgeber für meinen Garten sein würde, war mir klar, aber dass der Autor literarische Ambitionen hatte und ich nicht nur über Pflanzen und Menschen, sondern ganz viel über Insekten lesen würde, hatte ich nicht erwartet, konnte mich aber daran gewöhnen.

Das Buch Reise um meinen Garten hat über vierhundert Seiten und ist vor 175 Jahren in Frankreich erschienen. Verfasst in bald sechzig Briefen, die er an einen Freund auf Weltreise schreibt, dessen Abfahrt er beobachtet hatte, aber der Freund nahm ihn gar nicht wahr: Reisende soll man nicht aufhalten, denkt er und schreibt nun lange Briefe, die beweisen, dass man auch im eigenen Garten auf Weltreise gehen kann. Er berichtet wortreich, was er alles Schönes in seinem Garten entdeckt.

Neid auf dessen Abenteuer hätte er bekämpft, glaubt er, ihm reiche sein Garten, während der arme Reisende wahrscheinlich noch nicht einmal weiß, ob er in der Fremde etwas zu essen bekommt, und wer weiß, ob die Betttücher dort überhaupt gewaschen werden. Vom Unbewussten ahnt er nichts, veröffentlicht wird das Buch zwölf Jahre vor Freuds Geburt, Selbstreflexion ist ihm fremd.

Die aufmerksamen Beobachtungen der Pflanzen, und der Insekten, werden präzise und wortreich beschrieben. So wie bei den französischen Romanciers seines Jahrhunderts, musste ich mir in Erinnerung rufen, dass früher mehr Zeit war, die man gerne mit Schreiben und Lesen zubrachte, da es von den Tätigkeiten, die heute unsere Zeit auffressen, noch nicht viele gab.

Zum Glück gibt es ein ausführliches Vorwort, indem ein derzeitiger Gärtner uns in Karrs Zeit einführt, und etwas über ihn erzählt. Er hatte eine Satirezeitschrift (mit dem Namen Die Wespen) gegründet und zieht auch in diesen Briefen gerne über andere her. Am liebsten über Akademiker, schon kleine Kinder werden von ihren Lehrern von den Dingen abgehalten, die wichtig sind, etwas vom Spielen.

Botaniker kommen besonders schlecht weg mit ihren lateinischen oder griechischen Vokabeln, man könne doch die Wörter nehmen, die die Menschen in ihrer Sprache gefunden haben und richtig aussprechen können.

In welcher Ordnung für Pflanzen kommen Gerüche vor? Farben? Alles das, was Gefühle auslöst? Vom Blau weiß er: „… das Parmaveilchen hat ein sehr blasses Lapisblau, danach kommt der blaue Wiesenstorchenschnabel, dann die chinesische Glyzinie, dann die Leinblume, dann kommt in der Reihe der Nuancen das Vergissmeinnicht, der Borretsch, die Hundszunge, der Prachtsalbei, die Trichterwinde …“ und so geht es noch lange weiter. Dazu stelle ich mein Kapitel „Blau im Garten“ vor, wo ich beschreibe, wie anderthalb Jahrhunderte später Liebermann und Foerster den Faden weiterspinnen …

Insekten beschreibt er minutiös, etwa die Entwicklung der Larven (schön wie Delphine!) zu Steckmücken, lässt sich 10-mal stechen, um den Stechrüssel observieren zu können. Mir wurde klar, dass wir heute kaum noch Insekten haben.

Klischees gibt es zuhauf: arme Menschen sind gute Menschen, reiche Menschen sind schlecht. Frauen sind Geschöpfe, denen man Sträußchen offeriert, gerne Veilchen, aber sonst gibt es nichts über sie zu sagen.

Gerade in einer Zeit, in der eigene Reisepläne nicht umsetzbar sind, genieße ich die Reise um Karrs Garten. Ich las immer nur ein Kapitel pro Tag. Also, wer gerne dicke Bücher liest, so wie die Rschersch von Proust, der sollte anfangen und wird es lieben.


Genre: Garten, Klassiker, Literatur, Reise
Illustrated by Die andere Bibliothek

Die Anatomie der Melancholie

Robert_Burton»Jeder Mensch hält seine Bürde für die schwerste«, schreibt der römische Philosoph Seneca, und »ein Melancholiker jammert mehr als alle anderen«, ergänzt Robert Burton (1577–1640) im Vorspruch seines Buches.

Der Autor, selbst hoch depressiv, kannte den Gegenstand seines Werkes nur allzu genau. 1621 erschien die erste Fassung des Werkes des englischen Exzentrikers, der als mönchischer Bücherwurm sein ganzes Leben in den Mauern des Oxforder Christ Church College verbrachte und dort nach der Erstveröffentlichung weitere dreißig Jahre an Erweiterungen und Vervollkommnungen des Werkes arbeitete. Schon seine klaustrophile Lebensweise wird seine Neigung zur Melancholie verstärkt haben.

Melancholie als Universalmetapher

Bei Burtons Lebenswerk handelt es sich um die erste grundsätzliche Behandlung der »englischen Krankheit« Melancholie, die wir heute im Krankheitsbild gern als Depression bezeichnen. Der Autor weitet den Melancholiebegriff zur Universalmetapher aus und seziert mit seinem Text eine in sich kranke Welt, die er als »domicilium insanorum«, als Irrenhaus, apostrophiert.

Frontispiz von 1638

Frontispiz von 1638

Vor rund 400 Jahren erschienen wirkt dieses Buch der Bücher vom Range der »Essais« eines Michel de Montaigne – abgesehen von manchen medizinischen Schlußfolgerungen – wie ein Text, der in unseren Tagen geboren wurde: frisch, sprudelnd, satirisch, blumenreich.

Übersetzer Werner von Koppenfels hat für die in der »Handbibliothek Dietrich« erschienene Ausgabe Texte aus der insgesamt dreibändigen »Everyman Edition« ausgewählt und stellt nach eigenen Angaben etwa ein Sechstel des voluminösen Originals vor. Gegliedert ist das Opus in eine Vorrede des unter dem Pseudonym des »lachenden Philosophen« Democritus als »Democritus Junior« schreibenden Burton, die allein als wortgewaltige Suada auf den Zeitgeist gelten darf. Schon in dieser Vorrede wird deutlich, dass es dem Verfasser bei aller wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit um eine gewaltige Satire geht, die er wortreich zu Papier bringt. »Turbine raptus ingenii«, wie Scaliger sagt, getrieben vom Wirbelsturm des eigenen Witzes, buschiert Burton wie ein Jagdhund durchs Gelände und bellt dabei jedes Thema an, das er am Wegesrand erblickt.

Schreiben als Gegenmittel zur Melancholie

Über Melancholie zu schreiben ist Burtons Art, die ihn plagende Melancholie zu vermeiden. Aus innerstem Antrieb versucht er, schreibenderweise den eigenen Geist zu besänftigen. Dabei ärgert ihn besonders das »Zeitalter der Kritzelei«, in dem er lebt. Er konstatiert, dass viele eine »unheilbare Schreibsucht« plage und die Zahl der Bücher ins Zahllose gewachsen sei: »Und dies nur, weil es jeden juckt und gelüstet, sich groß zu zeigen, weil er nach Ehre und Ansehen giert – und so schreibt man eben, was immer es sei, und kratzt es zusammen, woher auch immer – von Ruhmsucht verhext«. Angesichts der Wirklichkeit falle es schwer, darüber keine Satire zu verfassen.

Im Mittelpunkt seiner Schrift beschreibt Burton den Gegenstand seiner Untersuchung und schildert Ursachen und Symptome der Melancholie. Den Gegenstand seiner Abhandlung sieht er entweder als Veranlagung oder angenommene Gewohnheit. Von melancholischen Stimmungen sei kein Mensch verschont, jeder verspüre gelegentlich ihren Stich, Schwermut sei in diesem Sinne Merkmal der Sterblichkeit. »Auf einen Tropfen Honig komt in dieser Welt leicht ein Becher voll Galle«, schreibt er und verweist damit auf den Namen der Krankheit »melancholia«, was so viel wie »mélaina cholé« oder »schwarze Galle« bedeute.

Burtons Sicht der Ursachen von Melancholie

Robert Burton

Robert Burton

Ausführlich befasst Burton sich mit den Ursachen der Melancholie und kommt von den Eltern, die sie vererben können über die Ernährung zu Eigenschaften wie Ehrgeiz, Eigenliebe, Ruhmsucht, Prahlerei, den Drang zur Selbstvergrößerung und die Gewalt der Einbildung, die sie begünstigen.

Aus der Sicht des Verfassers der »Anatomie der Melancholie« sind all das vollkommen sinnlose Eigenschaften: »Unter all den Myriaden von Dichtern, Rhetorikern, Phoilosophen und Sophisten der früheren Zeiten hat kaum ein Werk von tausend überlebt«. – »Nomina et libri cum coribus interierunt«, ihre Namen und Bücher seien miteinander verwest. Und denoch »wollen und müssen Hinz und Kunz unsterblich werden (wie sie meinen), müssen ihren Ruhm bis zu unseren Antipoden ausbreiten, wo sie doch von der Hälfte, ja drei Vierteln ihrer Heimatprovinz weder wahrgenommen noch beachtet werden«.

Wege zur Heilung der Melancholie

Burton beschreibt die körperlichen und geistigen Zeichen, in denen sich depressives Verhalten ausdrückt. Gleichzeitig macht er Mut, es bestehe gute Aussicht auf Heilung, es sei denn, und dies sei die schwerste Kalamität, die Erkrankten legten selbst Hand an sich und suchten »inmitten dieser grauen, scheußlichen, verödeten Tage, da sich kein anderer Trost und Ausweg zeigt, die Erlösung aller Leiden im Tod«. Unterstützt würden sie dabei von Sokrates, der im »Phaidon« zitiert wird: »Leidet einer an einer unheilbaren Krankheit, so mag er sich selbst töten, wenn es zu seinem Wohl geschieht«. Dagegen stehe indes die christliche Auffassung, »wer sich selbst erdolcht, tötet die eigene Seele«.

Im weiteren Teil des Buches beschreibt Robert Burton die Wege zur Heilung der Melancholie. Übersetzer Koppenfeld hat hier die Stellen ausgewählt, die auch aus aktueller Erkenntnis noch medizinische Bedeutung haben könnten. Zum Schluß wendet sich Burton schließlich den Komplexen »Schwermut der Liebe« und »Religiöse Melancholie« zu.

Stilistisches Meisterwerk

Burtons »Melancholie« ist ein wundervoll geistreiches und trotz seines beinahe biblischen Alters aktuelles Werk, das sich geradezu anbietet, wieder entdeckt zu werden. In stilistischer Hinsicht schäumt das Buch über von sprachlichen Kaskaden und bunten Begriffen. Der Autor arbeitet verstärkend mit Tautologien, sprachlichen Spiralen und Schleifen, die das Vergnügen der Lektüre trotz des an sich ernsten Themas enorm steigert.

Der ohne Frage hoch gebildete Verfasser versucht immer wieder, seinen Leser mit eben dieser Bildung aufs Glatteis zu führen, indem er ihn schwallartig mit lateinischen Zitaten großer Geister überschwemmt, die zum Glück samt und sonders kongenial übertragen wurden. Allein diese stilistische Brillanz macht die Lektüre unabhängig vom Gegenstand, mit dem sich manche kreative Geister quälen, zu einem Hochgenuss.

Wer sich in Gesellschaft eines geistvollen Mannes in Gestalt seines Buches wohler fühlt als im Alltagstrubel des Banalen, wird mit Robert Burtons «Anatomie der Melancholie« bestens bedient.


Genre: Klassiker, Kulturgeschichte, Satire
Illustrated by Dietrich´sche Verlagsbuchhandlung