Gott bewahre

Im Himmel ist die Hölle los: Gott war gerade mal eine Woche (entspricht allerdings 450 Erdenjahren) beim Angeln und als er zurück kommt muss er feststellen, dass dort unten alles den Bach runtergeht. Also ruft er seine heiligen leitenden Angestellten und seinen Sohn (der eigentlich viel lieber mit Jimi Hendrix Joints raucht und Gitarre spielt) zur Krisensitzung zusammen. Nach einem kurzen Abstecher in die Hölle ist schnell klar: JC muss noch einmal auf die Erde und der verkommenen Menschheit Gottes einziges Gebot nahe bringen: SEID LIEB!

Jesus landet in New York City und sammelt schnell die Verlorenen um sich, Junkies und Obdachlose, denen er hilft, so gut er kann. Dem großen Ziel bringt ihn das jedoch nicht unbedingt näher und so lässt er sich von seinen Freunden einigermaßen leicht überreden, bei „American Pop Star“ teilzunehmen, einer ebenso dämlichen wie erfolgreichen Casting-Show. Im Gepäck seine Gitarre und seine neuen Jünger macht sich Jesus auf den Weg nach Los Angeles, um von dort via TV die Welt zu verändern…

John Niven ist mit diesem Buch ein veritabler Rundumschlag gegen das konservative Amerika gelungen; verschont wird niemand und Gefangene werden nicht gemacht. Alle bekommen sie ihr Fett weg: Schwulenhasser und Abtreibungsgegner, rassistische Politiker und geldgierige Fernsehproduzenten, bigotte Hinterwäldler und natürlich der Papst. Der Autor versucht zu schockieren und das gelingt ihm zweifellos, ein Gott und sein Sohn, die sich fluchend durch den Roman kiffen, dürfte ihm kaum den Segen der katholischen Kirche einbringen.

Das Buch beginnt sehr vielversprechend, besonders die Szenen in der Hölle, wo der geneigte Leser beliebte Charaktere wie Jerry Falwell, Jesse Helms und Ronald Reagan antrifft sind in ihrer extremen Überdrehtheit nur schwer zu übertreffen. Im Mittelteil zieht sich die Casting-Tingelei ein wenig, auch wenn Niven (ehemals selbst Song-Produzent) immer dann seine stärksten Momente hat, wenn er bei den Musikauftritten seine geballte Kompetenz in die Waagschale werfen kann. Und auch gegen Ende weiß der Autor zu überzeugen; Jesus’ letzter TV-Auftritt ebenso wie der darauf folgende finale Teil können mit echter Empathie vielleicht sogar den einen oder anderen Kirchgänger wieder versöhnlich stimmen.

Ich fand das Buch (das im berüchtigten Heyne Hardcore-Verlag bestens aufgehoben ist) überaus lesenswert und erfrischend witzig, auch wenn es mit der Vulgärsprache bisweilen übertrieben wird und auch mancher Logikfehler vermeidbar gewesen wäre. Dennoch ist die kontroverse Aufarbeitung dieses heiklen Themas sicherlich nicht jedermanns Sache.

P.S.: Im aktuellen (deutschen) Septemberheft des „Rolling Stone“ findet sich neben einer Leseprobe ein ausführliches Interview mit dem Autor, der sich übrigens demnächst auch hierzulande auf Lese-Tournee begibt.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Heyne Hardcore München

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