Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte

Ich bin kein großer Jäger, meine Frau ist es.” Als erster Comic überhaupt wurde das neue Werk der Wachauerin Ulli Lust mit dem deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Das will schon mal was heißen. Wer Ulli Lust kennt, wird sich zudem freuen, dass “Die Frau als Mensch” als Zweiteiler konzipiert ist. Man darf sich also jetzt schon auf die Fortsetzung freuen…

“Bist a Bui oder es Mensch?”

In klassischen – für Ulli Lust Kenner ungewohnten – Comicpanels beginnt der neue Comic in der alten Wachauer Heimat der Autorin und Zeichnerin. Dort werden – heute noch – Burschen als “Bui” und Mädchen als “Mensch” bezeichnet. Aber schon nach einigen Seiten ist Ulli Lust wieder in ihrem Element und löst die strengen Linien der klassischen Comicpanels zugunsten ihres eigenen großflächigen Stils wieder auf. Das ist angesichts der Fülle des Materials, das Lust präsentiert, einfach praktischer und hat zudem damit zu tun, dass sie in “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” eben keine klassische Comicgeschichte erzählt, sondern eigentlich ein Sachcomic gestaltet hat, das sich mit der Ur- und Frühgeschichte der Menschheit beschäftigt und darin die Rolle der Frau(en) in den Mittelpunkt stellt. Lange Zeit wurde nämlich angenommen, dass die Frauen die Sammler und die Männer die Jäger in den sog. Jäger- und Sammlergemeinschaften der Ur- und Frühzeit gewesen seien. Mitnichten. Die Figurinen die aus der Frühgeschichte noch erhalten sind (Venus von Willendorf u.ä.) seien nämlich wahrscheinlich nicht nur von Frauen hergestellt worden, sondern untermauerten auch die führende Rolle der Frau in den prähistorischen Gesellschaften, so eine Interpretation Lusts. Nicht Aggression, sondern Empathie in Verbindung mit Kognition hätten die frühen menschlichen Gesellschaften vorangebracht. Die Interpretation der Frühgeschichte sei allzuoft von männlichen Forschern des 19. Jahrhunderts gemacht worden und widerspiegeln so nur die damaligen (gewünschten) Herrschaftsverhältnisse. Es kommt eben ganz auf den Erzähler an, wie die Erzählung wirklich ausgeht. So viel zur männlichen Wissenschaft.

“Wir sind eine liebesbedürftige Art”

In “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” lernen wir etwa über die viel friedlicheren Bonobos, die den Schimpansen – von denen der Mensch anscheinend abstammt – einiges voraus haben. So hätten sie nicht nur Sex mit Frauen, sondern seien auch noch promiskuitiv. Auch die Menschen seien eine “liebesbedürftige Art“, wie Lust schreibt, und bedürften viel Wärme und Zuneigung, wie man an Babys und Kleinkindern sehen könne. “Kein Lebewesen auf der Welt reift so langsam wie ein menschliches Kind“, zitiert Lust die US-amerikanische Anthropologin Sarah Blazer Hrdy. Auch die Neigung, Fremden vertrauensvoll zu begegnen, sei im Tierreich ungewöhnlich. Für den Mensch – damals eine verschwindende Minderheit – jedoch ein überlebensnotwendiger Vorteil. Was internationale Konzerne in Afrika angerichtet haben erzählt Ulli Lust am Beispiel der Khoisan, eine Sammelbezeichnung für die ältesten indigenen Völker des südlichen Afrikas am Beispiel Botswanas. Wilderei ist sogar heute noch ein Problem und zerstört nicht nur die Lebensgrundlagen der Khoisan, sondern auch die der Tiere. Als Comiczeichnerin legt Ulli Lust auch Gewicht auf die Höhlenmalerei, die teilweise älter als 48.000 Jahre alt sind und zeigen, dass der Wille Geschichten zu erzählen schon bei den Urmenschen ein ureigenes Bedürfnis war. Ein weiterer interessanter Exkurs, ist wie Ulli Lust die Malitsa erklärt, die Kleidung der Nenze aus reinem Rentierfell, die vor Temperaturen von bis zu -62 Grad schützt. Auch die Bedeutung des Feuers und der Schamaninnen – die japanischen Ainu nannten ihre toten Ahnen “die unter dem Feuer wohnen” – wird hervorgehoben und auf ansprechende Weise zeichnerisch dargestellt.

Die Weitergabe des Feuers

Teil 2: Die Schamaninnen

Mongolische Ureinwohner hätten gesagt: “Die Seele des Feuers ist ein freches Mädchen, das dem, der gut zuhört, Geschichten erzählen kann” und genau da hat auch Ulli Lust getan. Und für alle die es immer noch nicht glauben wollen, dass Comics die 9. Kunst sind zitiert Ulli Lust auf ihrer allerletzten Seite Berufskollegen und Comiczeichnerveteran Alan Moore: “Ich glaube Magie ist Kunst und Kunst ist buchstäblich Magie. (…) Kunst ist wie Magie, die wissenschaftliche Symbole, Wörter oder Bilder zu manipulieren und um Bewusstseinsveränderungen zu erreichen.” Tradition ist eben nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Teil 2 “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” erscheint bei Reprodukt im Februar dieses Jahres.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte
2025, Hardcover, 256 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-445-0
Reprodukt Verlag
€29,00


Genre: Comic
Illustrated by Reprodukt, Reproduktionen

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