Das Ende der Demokratie. “Werden die Gangs die Welt beherrschen?” Bereits in der 2. Auflage aufgrund der hohen Nachfrage: wen wundert’s? Die aktuelle Lage lässt durchaus an die Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergegangenen Jahrhunderts denken. Nur dass das Problem nicht mehr nur Deutschland betrifft, sondern bereits die ganze Welt. Die Demokratie ist international in Gefahr.
It can’t happen now?
“Werden die Gangs die Welt beherrschen?” lautet auch der Titel einer Reportage aus dem Deutschland des Jahres 1932 von Dorothy Thompson (1893–1961) in dem sie ein furchterregendes Zitat von Reichskanzler Brüning an den Anfang stellt: “Aber ich kann mir leicht einen Zustand vorstellen, in dem in einem Land nach dem anderen eine rechtmäßige Regierung unmöglich wird; einem Zustand in dem die Menschen einer Art Gangsterherrschaft ausgeliefert sind“, so Brüning. Nur ein Jahr später war es dann wirklich so weit und auch Brüning hatte die Schreckensherrschaft der Nazis, der “Gangster”, nicht verhindern können. Dabei hatte er richtig analysiert, dass neun Zehntel der Bevölkerung bitterarm sind und das letzte Zehntel “uns mit der Zurschaustellung von Luxus empört“. Noch weitaus präziser als Brüning analysiert die Journalistin Dorothy Thompson den Zustand Deutschlands Anfang der Dreißiger Jahre. Sie schrieb vor allem für die Saturday Evening Post, einer Zeitung, die in ihrem Renommee und ihrer Reichweite heute etwa dem New Yorker oder dem Spiegel vergleichbar ist, so Oliver Lubrich in seinem lesenswerten Nachwort. Als Ehefrau des Schriftstellers Sinclair Lewis, der mit “It can’t happen here” (1935) die Chancen des Faschismus in den USA selbst beschrieb hatte sie ohnehin schon ein gutes Standing. Aber mehr brachten es ihr scharfer Verstand und ihre Analysen in die Annalen des engagierten Journalismus. Als Zeitzeugin und auch als Historikerin erfasst sie die paranoide Phantasie von einem “Großen Austausch”, der das einheimische Eichhörnchen bedrohe und macht sie als “Grauhörnchenkomplott” lächerlich.
Demokratie Demontage durch Provinz-Phänomen-Populisten
Getragen sei die nationalsozialistische Bewegung vor allem vom Kleinbürgertum gewesen, der unteren Mittelklasse und nicht den Arbeitern, wie sie bei einer Berliner Sportpalastrede von Goebbels 1931 beobachtete (“Armut de Luxe“). In “Es muss etwas geschehen” porträtiert Dorothy Thompson die deutsche Jugend zwischen Faschismus und Kommunismus. Sie kennt sogar George Grosz und weiß, dass die von ihm karikierten Zeitgenossen alles tun werden, die nationale Wiederaufrüstung Deutschlands zu erreichen und die deutsche Arbeiterklasse zu unterdrücken. Mit “Zwei Seele wohnen auch in meiner Brust”, zitiert die Amerikanerin sogar Goethe und beschreibt diese Seelen als “militaristisch, chauvinistisch, überheblich und aggressiv” und gleichzeitig als Sehnsucht nach einem “idyllischen, wettbewerbsfreien und vereinfachten Leben” (dem alten Bauernleben). Dorothy Thompson bezeichnet den Nationalsozialismus sogar als “Provinz-Phänomen“, der auf einem Stadt-Land Gegensatz und einem Ost-West-Gegensatz beruhe. Eine “Revolution” der Landbevölkerung gegen die Städter und die gefährliche, reaktionäre Ostpreußen hätten den Aufstieg Hitlers ebenso begünstig wie der Erste Weltkrieg. Die Lektion der Geschichte lautet dabei, dass Hindenburg, Papen und Schleicher schon eine Diktatur geschafften hatten, bevor sie Hitler zum Diktator machten. Die Selbstüberschätzung der Konservativen, den Populisten einzubinden, kostete Deutschland die Republik und viele Millionen Menschen das Leben.
Pflichtlektüre für Schulen, Universitäten und die politischen Eliten
Die vorliegende Publikation glänzt durch eine Inhaltsangabe der elf Artikel, eine reiche Bebilderung, Faksimiles der Originalartikel aus der Saturday Evening Post, einem Literatur- und Quellenverzeichnis, Erläuterungen und einer Zeittafel. Der zweite Band erscheint voraussichtlich im Herbst 2026 und versammelt Reportagen aus dem Deutschland der Jahre 1933-34 unter dem Titel “Der Anfang der Diktatur“. Pflichtlektüre für Schulen und Universitäten und absolut empfehlenswert allein aufgrund der Parallelen der aktuellen politischen Entwicklung. Ein zweites Mal sollten sich die konservativen Eliten nicht von Populisten täuschen lassen, es sei denn, sie wollen, dass die Geschichte sich knappe 100 Jahre später exakt genau so wiederholen wird. Ebenfalls bei DVB von Dorothy Thompson erschienen: “I Saw Hitler!” (1932), u.a.
Oliver Lubrich (Hrsg.)
Dorothy Thompson. Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932.
Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Oliver Lubrich
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Johanna von Koppenfels
Mit Lesebändchen und zahlreichen farbigen Abbildungen
2026, 2. Auflage, Hardcover, 424 Seiten
ISBN 978-3-903244-46-7
Verlag Das Vergessene Buch DVB
27 Euro