Lebensversicherung

Stilistischer Fehlgriff par excellence

Der erste Roman von Kathrin Bach mit dem Titel «Lebensversicherung» wurde für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert, ein schöner Erfolg für dieses Prosadebüt einer Lyrikerin. Schon der Titel weist darauf hin, dass es hier um Angst geht, die Angst vor dem Tod und insbesondere um dessen Folgen, denn die lassen sich bekanntlich ja zumindest finanziell abfedern, mit einer entsprechenden Versicherungspolice nämlich. Ein typisch deutsches Thema, das sogar im englischen Sprachraum mit dem Begriff «German Angst» seinen ironischen Niederschlag gefunden hat. Es handelt sich um die Coming-of-Age-Geschichte einer Schriftstellerin (sic), die im Milieu einer seit zwei Generationen in der Assekuranz tätigen Familie aufwächst. Die Besonderheit dabei ist die stilistische Umsetzung des chronologisch Erzählten in Form von kurzen Skizzen, Erläuterungen, Listen, Aufstellungen, Bildern und Erzählschnipseln, – ein Plot ist nicht mal ansatzweise erkennbar. Die Kritik in den Feuilletons und Leser-Kommentaren an diesem narrativen Flickenteppich war zwiespältig, es wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob es sich hierbei denn überhaupt um einen Roman handele!

In einem Dorf in der westdeutschen Provinz wird in den neunziger Jahren die Ich-Erzählerin und Protagonistin in eine große Familie hineingeboren, ihr eigener Vater, ein Onkel und die beiden Großväter sind freiberuflich als Versicherungs-Vertreter tätig, die Agenturen wurden nach dem Krieg von den Großvätern aufgebaut. Das Büro des Vaters befindet sich in einem Neubau am Rande des Dorfes, auch die Mutter arbeitet da kräftig mit, die Geschäfte gehen jedenfalls gut, Wirtschaftswunder eben! Man lebt bescheiden, schuftet nach dem Motto ‹Zeit ist Geld›, schon zwei Wochen Urlaub im Jahr sind purer Luxus in jenen Zeiten. Die Tochter bekommt schon von Jugend an bei den Gesprächen am Esstisch alle Aspekte dieser Branche hautnah serviert, hört von den Schadensfällen und Krankheiten, und auch der Tod ist ständiger Gast bei Tische. So bekommt sie schon als Kind jedes Mal einen Schreck, wenn das Telefon klingelt, es könnte ja wieder ein Unfall oder eine Katastrophe sein, die da gemeldet wird, – der Schrecken gehört zur Normalität in ihrem Elternhause!

Mit dem Älterwerden sucht sich die Ich-Erzählerin schreibend aus diesem Trauma zu befreien. Sie betreibt auf diese Weise eine literarische Erinnerungskultur, mit der sie gegen ihre eigenen Angststörungen ankämpft, immer auf der Suche nach einem Ausweg aus einem permanenten Teufelskreis, in dem das Schlimmste zur Normalität herabgewürdigt wird. Die spezielle Erzählperspektive dieser narrativen Collage vereint als Gesellschaftsstudie die kollektive Sehnsucht nach Sicherheit in allen ihren Prägungen und widmet sich dabei psychoanalytisch besonders den vielfältigen Traumata, die nach Befreiung streben. Der Erzählton ändert sich, als die Ich-Erzählerin mit dem Mut zum Ausbruch nach Berlin geht, um zu studieren. Aus der Entfernung gelingt es ihr denn auch, allmählich ihre Panik zu überwinden. Sie widmet sich am Ende ausführlich dem Tod der Großeltern als ganz natürlichen Ereignissen, die ohne jeden Anflug von Panik als naturgegeben akzeptiert werden.

Als Analyse eines Sicherheitswahns, der davon träumt, sich von allen Widrigkeiten des Lebens freikaufen zu können, ist dieser Roman mit der Assekuranz zweifellos in ein stimmiges Setting eingebettet. Hervorzuheben ist auch, dass die Autorin es konsequent vermieden hat, in Pathos abzugleiten. Weniger gelungen ist aber die narrative Umsetzung dieses Stoffes. Insbesondere bei den vielen Erzählschnipseln über die beiden Großeltern-Paare im Umgang mit der Enkelin gerät die Spöttelei oft ins Slapstickartige. Größtes Manko aber ist, dass hier eigentlich nichts wirklich Erzählenswertes zu finden ist, und von Spannung kann schon gar keine Rede sein. Letztendlich erweist sich zudem das eigenwillige, notizbuchartige Textkonstrukt voller Schrulligkeiten und Absurditäten als stilistischer Fehlgriff par excellence, der alles kaputtmacht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
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