Die toten Seelen

Originelle Grundidee

Nicolai Gogol steht in vorderster Reihe jener Schriftsteller, die in der nach-napoleonischen Zeit eine eigenständige russische Literatur geschaffen haben. Sein Hauptwerk «Die toten Seelen» blieb unvollendet, von den ursprünglich geplanten drei Teilen des Romans ist nur der erste fertig geworden, der zweite ist fragmentarisch erhalten. Gogol gilt als bedeutendster Vertreter der literarischen Groteske, er wurde darin besonders von Puschkin gefördert, der ihn auch zu diesem Werk angeregt hat, das 1842 erstmals erschienen ist und seither zu den Klassikern der Weltliteratur zählt.

Sein Protagonist ist Pawel Tschitschikow, ehemals ein kleiner Beamter, der sich durch Fleiß und Umsicht nach oben gearbeitet hat. In seiner letzten Position beim Zoll hatte er sich als unbestechlicher Kämpfer gegen die weitverbreitete Korruption im Zarenreich profiliert. Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst reist er zu Beginn des Romans mit seinen zwei Leibeigenen, dem treuen Diener und dem Kutscher, von Gutshof zu Gutshof, um seine geniale Geschäftsidee in die Tat umzusetzen. Die auf den Gutshöfen arbeitenden Bauern und Handwerker waren allesamt Leibeigene, die quasi als lebendes Inventar ebenso zum Besitz dazugehörten wie die Ländereien und Gebäude. Sie stellten einen Wert an sich dar, konnten also je nach Bedarf hinzugekauft oder verkauft werden. Jeder Gutsherr musste entsprechend einer alle fünf Jahre neu erfolgenden Zählung eine Kopfsteuer für diese sogenannten ‹Revisionsseelen› entrichten. Tschitschikow nun will den Gutsherren alle ihre inzwischen verstorbenen Leibeigenen abkaufen, nur tote Seelen also, was überall großes Erstaunen auslöst. Aber weil mit dem notariellen Kaufvertrag die jährlichen Abgaben des Gutsherrn für die verkauften Leibeigenen wegfallen, sind sie letztendlich doch oft bereit zu diesem ebenso ominösen wie vertraulichen Geschäft, dessen Hintergründe niemand wirklich durchschaut. Am Ende schließlich kauft sich Tschitschikow dann auch noch spottbillig einen maroden, weit abgelegenen Gutshof. Durch seine inzwischen mehrere hundert nur auf dem Papier existierenden Leibeigenen aber, die er vorgeblich dort ansiedeln wird, ist das Gut inklusive Gesinde plötzlich sehr viel wert. Dementsprechend könnte es nun auch sehr hoch beliehen werden, – so sein erst im Verlauf der Geschichte allmählich deutlicher werdendes Kalkül!

Schamlos übertreibend schildert Gogol in seinem Erfolgsroman die groteske Geschichte eines ebenso gerissenen wie lebenshungrigen Mannes, der durch sein konziliantes Auftreten bei den allesamt vertrottelten, geltungssüchtigen Honoratioren der Stadt schnell hohes Ansehen gewinnt und viele nützliche Kontakte knüpft. Nacheinander werden dann in weiteren Kapiteln ebenso verschiedene Gutsherren vorgestellt, die jeder für sich einen skurrilen Typen aus der dekadenten gesellschaftlichen Mittelklasse verkörpern. Bis auf wenige Ausnahmen werden sie als arbeitsscheu beschrieben, sie kümmern sich nicht um ihr Landgut, sondern frönen gelangweilt dem Müßiggang. Insoweit ist dieser Roman eine Anklage, aber auch eine karikaturartige Verhöhnung der erstarrten, maroden Gesellschaft im zaristischen Russland, die aber seinerzeit dennoch, erstaunlicherweise auch bei den betreffenden sozialen Schichten, literarisch viel Anklang fand.

Der Roman glänzt, neben mitreißenden Naturbeschreibungen, insbesondere durch sein anschaulich beschriebenes, vielköpfiges Figurenensemble, bei dem die Beamten nur Randfiguren darstellen. Die Gutsbesitzer hingegen werden in breit angelegten, detaillierten Lebensbeschreibungen als Müßiggänger geschildert, unter denen sämtliche Laster vertreten sind, Fresssucht, Alkoholismus, Geltungssucht und ausgeprägter Despotismus. Sie wirken allesamt statisch, als dynamisch sich entwickelnde Figur ist lediglich Tschitschikow dargestellt. Mit gewissen Längen altväterlich erzählt ist dieser amüsante satirische Roman mit seiner originellen Grundidee gleichwohl eine unterhaltsame Lektüre.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Die toten Seelen

Nikolaj Wassiljewitsch Gogols „Die toten Seelen“ mutet seltsam an und ist trotzdem ein Klassiker. Ursprünglich waren drei Teile geplant, der erste Teil ist vollständig erhalten, der zweite nur fragmentarisch und den dritten Teil vernichtete Gogol kurz vor seinem Tod.

Die Handlung ist sehr einfach. Ein durchschnittlicher Mann mittleren Ranges namens Tschitschikow kommt in eine Stadt und möchte „tote Seelen“ kaufen.Dazu ist es wichtig zu wissen, dass es in Russland in bestimmten Abständen Revisionen gab, d.h. die Leibeigenen der Gutsbesitzer wurden gezählt. Starb ein männlicher Leibeigener, musste der Gutsbesitzer bis zur nächsten Revision immer noch Steuern für ihn entrichten.
Hier kommt der Protagonist Tschitschikow ins Spiel: Er schlägt den Gutsbesitzern vor, ihre „toten Seelen“ abzukaufen und sie somit von dem überflüssigen Ballast zu befreien. Welchen Nutzen hätte Tschitschikow von dem Kauf? Ganz einfach – er möchte die „toten Seelen“ an den Staat verpfänden und so Gewinn machen.
Auf Grund des Größenwahns Tschitschikows kommt sein Schwindel ans Licht und wird aufgedeckt.

Auf seiner Reise zu verschiedenen Gutsbesitzern zeichnet Gogol eine detaillierte Gesellschaftskritik. Satirisch beleuchtet er Probleme und Beziehungen zwischen einzelnen gesellschaftlichen Schichten; gleichzeitig findet eine Stereotypisierung der russischen Gesellschaft statt.

Tschitschikow selbst scheint ein unscheinbarer Mann zu sein, jedoch bezaubert er alle, wird überallhin eingeladen und gilt als ein „Mann von Welt“. Er trifft auf viele Gutsbesitzer und gerade bei Festivitäten wird das Absurde deutlich: Man überhäuft sich mit Nettigkeiten, streitet sich darum, wer als erster durch die Tür gehen möge und hält schwülstige Reden ab. Diese Bilder wirken völlig überzogen und verzerrt, Komik wechselt sich mit Tragik ab.

Auch Moralvorstellungen werden in die Erzählung eingebunden. Da heißt es, grundsätzlich koste jede Seele zwei ein halb Rubel, Frauen würden jedoch nur einen Rubel kosten. Tschitschikow selbst hat nach fast 400 gesammelten „toten Seelen“ nicht genug, er scheint immer mehr zu wollen, damit der Gewinn ins Unermessliche steigt.

Und beinahe verschwimmt die Grenze zwischen den lebenden und den toten Seelen. Menschen existieren nur, heißt es an einer Stelle, sie sind nicht besser als die toten Seelen. Von dieser Gesellschaftskritik abgesehen, tritt Protagonist Tschitschikow völlig allein auf, keine Frauen, Kinder, Familie und Freunde werden erwähnt.

Das Lächerliche und Groteske tritt während der Erzählung nicht nur beim Kauf eigentlich toter Menschen auf, sondern die Menschen, mit denen sich Tschitschikow umgibt sind absurd karikiert. Durch alle Gesellschaftsschichten lassen sich hier verzerrt porträtierte Vertreter finden.

Obwohl zwischendrin Seiten und Stellen fehlen, wurde das Buch ein Welterfolg. Es kommt weniger auf die Geschichte als auf die Personencharakteristik an. Die Personen werden klar und liebevoll gezeichnet, was die Geschichte nur noch lesenswerter macht.


Genre: Romane
Illustrated by dtv München

Der Mantel

Nikolaj Gogols „Der Mantel“ erschien 1842 und ist eine für Gogol typische phantastische Erzählung.

Im Zentrum steht der einsame Akakij Akakiewitsch. Er ist Abschreiber, was sein ganzes Leben füllt. Er liebt das Schreiben, hat Lieblingsbuchstaben und geht in diesem Beruf völlig aus, so unbedeutend seine Stellung auch ist.
Er hat wenige Freunde, keine Frau und ist gesellschaftlich isoliert, seine Arbeitskollegen verspotten ihn und treiben Scherze mit ihm.

Der Aufstieg von einer unbedeutenden zu einer bedeutenden Person beginnt mit dem Mantel, der eine zentrale Rolle in dem Stück einnimmt. Akakij Akakiewitschs alter Mantel ist sehr marode, der Schneider legt ihm nahe, sich einen neuen machen zu lassen. Ein Jahr schränkt er sich ein und spart für den neuen Mantel.

Mit dem Erhalt des Mantels ändert sich das triste Leben Akakiewitschs: Plötzlich wird er von den Kollegen wahrgenommen und respektiert. Der Mantel wird seine einzige Bindung im Leben (dazu muss man wissen: Das Wort „Mantel“ ist im Russischen weiblich!). Akakiewitsch fühlt sich nicht mehr allein und der Mantel verdrängt fast seine erste Liebe das Abschreiben. Der vorher zweifelnde und unentschlossene Akakiewitsch wird charakterfester, wirkt fast verliebt – kurzum: Der Mantel bedeutet ihm alles und verändert sein komplettes Leben.

Doch dann kommt die Wende: An einem kalten Wintertag wird Akakij Akakiewitsch der Mantel gestohlen. Die Katastrophe ist perfekt, als ihm niemand zuhört. In der Polizei verwirrt man ihn mit Fragen und als er sich an die bedeutende Person wendet, schickt diese ihn weg, ohne sich anzuhören, was Akakiewitsch zu sagen hat. Daran zerbricht Akakiewitsch, er zieht sich zu Hause zurück, wird krank und stirbt schließlich genauso wie er gelebt hat: unbedeutend. Auf Arbeit wird er ersetzt und kaum ein Mensch erinnert sich noch an ihn. Doch die Novelle endet gut: Es soll ein Geist in Petersburg spuken, der das Aussehen Akakiewitschs haben soll und reichen Menschen den Mantel stehle. Schließlich bekommt Akakiewitsch Gerechtigkeit, als er der bedeutenden Person, die ihn im Stich ließ, den Mantel stiehlt.

„Wir alle kommen von Gogols Mantel her“, soll schon Dostojewskij gesagt haben. Der Mantel gehört zu den bekanntesten Stücken Gogols, nicht zuletzt wegen der Hauptfigur Akakij Akakiewitsch. Akakiewitsch wirkt auf den Leser wie eine tragische Figur, der geborene Pechvogel, der keine Freude im Leben zu haben scheint. Der Auf- und anschließende Abstieg Akakiewitschs ist das tragische Moment. Er wird von seinen Mitmenschen unterdrückt und erniedrigt und scheint alles mit sich machen zu lassen. Ohne seinen neuen Mantel geht Akakiewitsch unter und sein Leben verliert vollends seinen Sinn.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach