Kollateralschaden

Am Puls der Zeit

Die österreichische Schriftstellerin Olga Flor hat in ihrem dritten Roman mit dem deskriptiven Titel «Kollateralschaden», dem Unwort des Jahres 1999, eine sozialkritische Abrechnung mit den Wirkungen und Nebenwirkungen der urbanen Konsum-Gesellschaft vorgenommen. Ort des Geschehens ist ein Supermarkt, der hier als Allegorie auf das heutige Leben dient. Das Cover des Buches deutet auf die Vereinzelung der vom Konsumterror manipulierten Menschen hin. Die Erzählzeit beträgt exakt eine Stunde, von 16:30 bis 17:29 Uhr, der Roman ist dementsprechend in Minuten getaktet, die den 60 Kapiteln ihre Überschrift geben. Man kann all das, was in dieser Dämmerstunde geschieht, schon fast in Echtzeit mitverfolgen.

Ein nacherzählbarer Plot ist nicht vorhanden, es passiert hier praktisch nichts, sieht man von einem die normale Geschäftigkeit erheblich störenden Zwischenfall ganz am Ende ab. Dieser Roman lebt von einem Dutzend bunt zusammen gewürfelter, alltäglicher Figuren, er bildet quasi einen soziologischen Querschnitt ab. Angefangen bei der als Zigeunerin erkennbaren Bettlerin am Eingang des Konsumtempels und dem Obdachlosen, der dort als Flaschensammler sein Glück sucht, bis hin zur toughen PR-Beraterin und zu einer ehrgeizigen Politikerin der Rechtspartei. Da ist ferner die kalorienbewusste 29Jährige, eine Stammkundin, die hier sehr gezielt einkauft, oder der früher beim Stadtbauamt tätige Pensionär, der zuhause eine krebskranke Frau hat, die in Kürze operiert wird, ferner der erfolglose Lokalreporter, der wohl keine Karriere machen wird, aber auch die Frau, die froh ist, ihrem Ekel von Ehemann beim Einkaufen wenigstens für eine Weile entkommen zu sein. Enfant terrible dieses bunt zusammen gewürfelten Roman-Personals ist Mo, ein orientierungsloser Jugendlicher, der einen von seinem Freund aufgezeichneten, als Mutprobe geltenden und eine Spur der Verwüstung hinterlassenden Sturmlauf durch den Supermarkt absolviert, als praktizierter Frust-Abbau quasi. Bei alldem mischt natürlich auch die Belegschaft des Supermarktes als begleitende Akteure kräftig mit.

Die sozusagen im Minutentakt wechselnde Perspektive verbindet das durch kaum mehr als den Konsum miteinander verbundene Figuren-Ensemble jeweils nur für einen kurzen Moment, den flüchtigen Augenkontakt, eine knappe Frage, eine kleine Bitte, eine mehr oder weniger unwirsch vorgebrachte Aufforderung. Die Interaktionen der Figuren sind zufällig, ungewollt, was in geradezu groteske, teilweise irreale Situationen und Momente mündet. Es scheint sich allesamt um Zu-kurz-Gekommene zu handeln, deren Ängste sich in der hektischen Atmosphäre mit all den überquellenden Warenregalen im grellen Neonlicht manifestieren. Der Ort wird neben seiner Funktion zur Befriedigung menschlicher Grund-Bedürfnisse auch als Schauplatz einer unterschwellig vorhandenen Konkurrenz untereinander wahrgenommen. Jeder will schneller, cleverer sein als der andere! Schnäppchenjagd heißt der gemeinsam praktizierte Volkssport in diesem Milieu, gesteuert von einer skrupellosen, schon längst den Alltag beherrschenden Werbung.

Als scharfe Beobachterin einer durch und durch ökonomisch orientierten Gesellschaft seziert Olga Flor die psychischen Befindlichkeiten ihres lose verbundenen Figuren-Ensembles. Sie legt dabei ohne Häme tief verborgene Ängste und hartnäckige Traumata frei. Ihre beißende Kritik richtet sich an die einfallslose Politik und die sensationsgeilen Medien gleichermaßen. Sie selbst hat angemerkt, ihrem Roman liege eine «unterschwellig gegenwärtige Terrorangst zugrunde. Der Supermarkt drängt sich mit der Zeit als Bild auf». Hektisch wie unser Leben ist auch ihr fast durchgängig in Form des Bewusstseinsstroms der Figuren geschriebener Roman. Dass hier reichlich Klischees bemüht werden, stört allerdings ebenso wie die Langeweile, die sich beim Lesen schon bald einstellt angesichts all der Banalitäten, die da frohgemut ausgebreitet werden. Immerhin aber liegt dieser Roman am Puls der Zeit.

Fazit: mäßig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Zsolnay München

Kollateralschaden

Der Einband ist vom optischen Erscheinungsbild nicht so mein Favorit. Ein undefinierbares eigentlich-nicht-Orange. Ich glaube, man hatte Angst mit einer österr. Partei in Verbindung gebracht zu werden und so ziert ein vielleicht kräftiges Pfirsichfarben das 3cm dicke Buch. Hardcover, weil relativ frisch herausgekommen. Die Einbandgestaltung von einer Werbeagentur vorgenommen, wird brav im Umschlag erwähnt, ist aber eher Marke “das hätte ich selbst nicht viel schlechter hingekriegt” und zeigt von Selbstbewusstsein.
Da gab der Titel “Kollateralschaden” schon mehr her, denn er machte mich sehr neugierig. Kurz hineingeblättert, das macht man so bei Büchern, um andere zu beeindrucken. Ebenso wie man bei einem frisch eingeschenkten Weinglas die Nase tief ins Glas hängen soll, bevor man den ganzen Inhalt auf Gedeih und Verderb mit “hopp und ex” kippt.

Ich mag Bücher, wo viele Leute vorkommen eigentlich nicht. Es soll klein, amikal und persönlich bleiben, selbst auf bedruckten Seiten. In diesem Buch ist es ganz anders. Ob ich es dann gewählt hätte, wenn ich es vorher wüsste was da auf mich zukommt?
Das sind Fragen, die auch in diesem Werk vorkommen. Nicht was wäre, wenn die Ente, das Buch zur Seite gelegt hätte. Aber zum Beispiel, was gewesen wäre, wenn D. nicht die Autoschlüssel am Fahrersitz liegend eingeschlossen gesehen hätte, sondern auf der Suche nach dem Bein eines vermeintlich auf der Autobahn erlegten Hirsch-Reh-oder vielleicht doch braunpelzigen Menschen, irgendwo am Abhang verloren geglaubt und stundenlang gesucht hätte, obwohl sie doch gut verschlossen im nicht zugänglichen Auto lagen. Was für ein Glück, dass sie wohlbehütet am Fahrersitz liegen und man dadurch wenig erschöpft, trotz herangeeilter nichts ausrichtender Hilfe, die rechte hintere Fensterscheibe einschlagen kann.
Was alles in 60 Minuten passieren kann und zwar zwischen 16.30 und 17.30 Uhr an einem stinknormalen Tag. In einem Supermarkt, wo man gedankenverloren statt zur Margarine zum Butterschmalz greift und dabei über sich, den nächsten und die Welt nachdenkt. Der Lehrling, der sich aus finanziellen Gründen keine Markensportschuhe kaufen kann und sie schlussendlich einem ko geschlagenen Regalsurfer abziehen konnte und unbemerkt davongeht. Was genau der Sportschuhträger im Supermarkt machen wollte und den Freund anhielt dies zu filmen, kann ich nur vermuten. So etwas ist mir in der Art noch nie untergekommen, aber ehrlich gesagt, ich wollte schon des öfteren einmal zum Weihnachtsabverkauf gestapelte Keksberge zusammenstürzen sehen, indem man ganz unauffällig dem mit System gestapelten Berg einen Tritt versetzt und er in sich stürzt. Sind wirklich auch in der Mitte Keksschachteln, oder ist es da hohl und sieht nur nach mehr aus?
Oder H! Wird er sterben, weil er unglücklich auf ein Regal fiel, während einer Überfall schrie und ihn zur Seite schubste, obwohl er eigentlich nur Geschenkpapier kaufen wollte, das er vorher beim Plaudern in der Trafik vergaß zu kaufen. Geschenkpapier für ein Geschenk, das noch nicht ausgesucht wurde, weil H. eigentlich nicht weiß, in welchem Zustand er seine Frau aus der Privatklinik abholen wird. Es ist ein Eingriff, der für viele Frauen normal ist, die Gebärmutter wird entfernt, vielleicht Krebsverdacht, das wird die Untersuchung in der Pathologie zeigen. Aber H. malt sich aus, was wäre wenn, und seine Frau nicht mehr lange am Leben sein wird, oder er bekommt sie als Pflegefall nach Hause? Wie sieht das mit der Bedienerin aus, wird sie bleiben, wo kann man eine neue finden, die doch nur unter der Hand weitergereicht wird und überhaupt wie sieht das mit den staatlichen finanziellen Zuwendungen aus? Sicherheitshalber aber Geschenkpapier kaufen, man will doch nicht den Teufel an die Wand malen. Was er nicht weiß, seine Frau hat unter der Hand mit dem Operateur vereinbart, denn sie ist keine normale Patientin, sondern eine privat Zahlende, sie lässt sich ein bisschen von ihrer Fettschürze wegnehmen. Das muss keiner wissen und immerhin passiert das in einem Aufwaschen, as muss schon im Preis drinnen sein. Und dann ist da noch der Klodeckel, der vergessen wurde hinaufzuklappen und zu einer peinlichen Situation herbeiführte, allerdings nicht im Supermarkt, sondern nur in der Erinnerung. Alles in einem Mischsupermarkt aus Billa und Merkur, da wo man als sechster an der Kassenschlange wartender Kunde “Kassa bitte” rufen darf und dann zu langsam ist, um die neu eröffnete Kassa zu stürmen. Noch nie passiert – doch, kann doch nicht sein.
Und der Inhalt, die Geschichte dieses Buches? Gibt es keine, es ist ganz normaler Alltagswahnsinn, sehr inhaltsstark und amüsant! Man findet sich immer wieder, sogar in den vielen Mitwirkenden und sieht sie förmlich geistesabwesend ihre Einkaufswagen schieben.
Kategorie empfehlenswert!

Was mir nicht gefiel: Die Wortwahl “albern” und “Feierabend” gehören in kein österr. Werk, da bin ich hart und unbeugsam.


Genre: Romane
Illustrated by Zsolnay Wien