Listige Subjekt/Objekt-Umkehr
Der im Original zwei Jahre vor ihrem preisgekrönten Bestseller erschienene Roman «All das zu verlieren» der französischen Schriftstellerin mit marokkanischen Wurzeln hat eine brisante Thematik. Es geht um die verhängnisvolle Sexsucht einer saturierten Frau aus dem Mittelstand, die bei ihr zur fatalen Obsession wird und zur Bedrohung für ihr wohlgeordnetes Leben. Dieser Roman zeigt schon mit dem Titel auf, welche erschreckenden Folgen dieser Frau durch ihre Sucht drohen, die aber par tout nicht davon lassen kann, so wie der Raucher vom Tabak oder der Trinker vom Alkohol.
Adèle ist eine schlecht bezahlte Journalistin Anfang dreißig und arbeitet bei einer Tageszeitung in Paris. Sie ist mit dem erfolgreichen Chirurgen Richard verheiratet und hat mit ihm einen kleinen Sohn. Ihr Leben aber plätschert ihrer Empfindung nach höhepunktarm vor sich hin, und das gilt insbesondere auch für das Sexleben mit ihrem überarbeiteten Mann. Als attraktive Frau hat sie reichlich Verehrer und potentielle Liebhaber, aber sie sucht nicht nach der lang anhaltenden Liaison. Sie will den schnellen und ungeplanten Sex mit ständig wechselnden Zufalls-Bekanntschaften, gern auch an den unmöglichsten Orten. Sie sehnt sie nicht nach attraktiven, sympathischen Männern aus ihrem Milieu, auch wenn sie während der Weihnachtsfeier ihrer Redaktion mit ihrem Chef auf dem Tisch im Besprechungszimmer einmalig flüchtigen Verkehr hatte. Sie will lieber unterworfen werden, von hässlichen, groben Männern rücksichtslos und hart genommen, gequält und geschlagen werden, je erniedrigender für sie, desto besser! Sie trifft in der U-Bahn auf ihre Zufalls-Sexpartner, und die lassen sich auch nie lange bitten. Damit bricht die Autorin radikal mit der gängigen Vorstellung von Frauen, die mühsam erobert werden müssen von potentiell dazu jederzeit bereiten Männern. Im Roman aber ist das anders herum, Adèle möchte willfähriges Objekt sein, nicht dominierendes Subjekt, und genau aus dieser ungewöhnlichen Perspektive heraus wird hier auch erzählt.
Nachdem sie damit begonnen hat, entgleitet Adèle schnell die Kontrolle. Es wird immer schwerer für sie, die körperlichen Spuren ihrer Ausschweifungen zu verdecken, die Eskapaden ihres haltlosen Doppellebens terminlich irgendwie unterzubringen. Dabei hilft ihr eine gute Freundin, die nicht nur als Babysitterin einspringt, wenn es gar nicht anders geht, sondern ihr auch mit Alibis behilflich ist. Für ihre Terminplanung benutzt Adèle ein geheimes zweites Handy, das ihr Ehemann eines Tages zusammen mit ihrem Sextagebuch findet. Wutentbrannt will er sie auf die Straße setzen, einen klaren Schnitt machen. Aber eine familiäre Feier wenige Tage später bringt ihn dazu, erst mal abzuwarten, den peinlichen Skandal schließlich auf danach hinaus zu schieben. Durch einen spontanen Umzug der Familie aufs Land wird Adèle schließlich gnadenlos aus ihrer fatalen Situation heraus gerissen, sie darf nicht mehr nach Paris und fügt sich antriebslos dem Diktat ihres Mannes, der sie denn auch in psycho-therapeutische Behandlung schickt.
Eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen für das ungewöhnliche Sexualverhalten dieser saturierten Ehefrau bleibt der Roman letztendlich schuldig. Die Autorin hat sich relativierend in der Süddeutschen Zeitung dahin gehend geäußert, dass nur etwa 5 Prozent aller von Sexsucht befallenen Menschen weiblich sind. Das Romanthema beschreibt also ein je nach Definition des Begriffs extrem seltenes Phänomen, hinter dem sich, wie auch hier im Roman, eine existentielle Einsamkeit verbirgt, die sich dann in unkonventionellem Sex ein Ventil sucht. Dieser leicht lesbare Roman, der ebenso häufig wie fälschlich mit «Madame Bovary» verglichen wird, leidet ein wenig an seinen vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, letztendlich aber auch an den irgendwann doch zuviel werdenden, drastisch geschilderten Sexszenen, die besonders im ersten Teil dominieren. Und ob es für Adèle eine Heilung gibt von ihrer psychopathischen Störung oder nicht, das lässt der Roman listig offen.
Fazit: lesenswert
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