Buch der Gesichter

Danebengelungen

Der serbische Schriftsteller Marko Dinić hat mit »Buch der Gesichter» seinen zweiten Roman vorgelegt, der es immerhin auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025 geschafft hat, das mit 461 Seiten gewichtigste Buch unter den für dieses Jahr nominierten. Ein historischer Roman, der um den denkwürdigen Frühlingstag des Jahres 1942 kreist, an dem Serbien von den Nazis für judenfrei erklärt wurde. Eine literarische Aufarbeitung jener Zeit, die auch nicht davor zurückschreckt, eigene Schuld einzugestehen, also freimütig auch den serbischen Anteil an der Judenverfolgung zu benennen.

In Belgrad macht sich Isak Ras auf die Suche nach den Spuren der Vergangenheit, als seine Mutter Olga 1942 spurlos verschwand. Hinter den Fassaden der Gegenwart sind die historischen Schichten verborgen, nach denen er, unbeirrt durch allerlei Rückschläge, hartnäckig sucht. Er hatte sich, um Distanz zu seiner jüdischen Herkunft bemüht, vorsichtshalber in Ivan Ras umbenannt und ist die zentrale Figur dieses Romans, von seiner jüdischen Mutter unter prekären Bedingungen großgezogen, nachdem sein Vater nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war. Sie hat die wertvolle Haggadah der Familie in weiser Voraussicht sicher versteckt, kurz bevor sie verschwand. Olgas einzige Freundin war Rosa, die zusammen mit Milan eine herunter gekommene Kneipe betrieb, in der Olga sich öfter mal hat volllaufen lassen, wenn es ihr besonders schlecht ging. Milan hat sich dann vom unbedarften Bauernlümmel zum Aktivisten entwickelt, er gehörte zur politischen Intelligencija Serbiens. Andere zählten das Paar zu den Anarchisten, weil in ihrer Kneipe oft äußerst zwielichtige Gestalten verkehrten. Nach Olgas spurlosem Verschwinden kümmerten sie sich nicht nur um Isak, sondern auch um dessen elternlosen Freund Petar, den Isak auf der Straße aufgelesen hatte. Petar hatte sich dann später den Partisanen angeschlossen und gegen die deutschen Besatzer gekämpft.

Dieser aus vielerlei Perspektiven erzählte Roman kreist narrativ immer erneut um Isak und den Belgrader Vorort Zemun. Mutig versucht der Autor dabei, den latenten Antisemitismus in seiner serbischen Heimat aufzuarbeiten, beginnend im späten neunzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein. Er stellt klar, dass die Juden in der wechselvollen Geschichte Serbiens permanent erheblichen Anfeindungen ausgesetzt waren, denn egal wer da gerade regiert hat waren es immer die Juden, die an Allem Schuld waren. Eine Problematik allerdings, unter der weltweit ja auch Minderheiten in anderen Staaten leiden. En passant setzt sich der relativ junge Autor dabei auch intensiv mit der jeweiligen staatlichen Identität Serbiens im zwanzigsten Jahrhundert auseinander.

Erzählt wird all das bewusst unchronologisch in acht Kapiteln, wobei im ersten Kapitel ein längeres Zitat von Leo Perutz vorangestellt ist, in dem der Sinn dieser Vorgehensweise aus stilistischer Sicht erläutert wird. Überhaupt benutzt Marko Dinić sehr kreativ unkonventionelle Stilmittel, so wenn er sich manchmal sogar persönlich als Erzähler einbringt oder in einem anderen Kapitel einem Hund dessen Gestaltung überlässt. Als Vorlage für den Plot dient dem Autor letztendlich auch noch der reale Brief eines Onkels. Diese stilistischen Kapriolen sind es dann allerdings auch, die das Lesen zum Geduldsspiel machen. Zu Beginn hat man oft den Eindruck, aus Versehen zu einem historischen Sachbuch gegriffen zu haben, das sich zu allem Überfluss auch noch in einer Fülle von Details verliert. Erst später nimmt die Geschichte langsam etwas Fahrt auf, ohne aber je spannend zu sei, bis zum Ende hin. Ganze Passagen mit primitiven Kraftausdrücken trüben zusätzlich das Bild, so als müsste man Prekariat mit Stumpfsinn gleichsetzen. Auf sechs eng bedruckten Seiten Glossar werden sehr spezielle Begriffe und Details erklärt, was den Lesefluss erheblich beeinträchtigt und die Lektüre geradezu in Arbeit ausarten lässt. Dieser Roman ist also in jeder Hinsicht danebengelungen!

Fazit:   miserabel

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Zsolnay München

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert