DJT: Alle Scheinwerfer auf mich!

Die Geburt des Präsidenten aus dem Fernsehen

Alle Scheinwerfer auf mich! James Poniewozik, Fernsehkritiker der New York Times, Kolumnist und Medienkritiker des Time Magazine, knöpft sich #45 von seinen Wurzeln her auf, also Trump1, nicht die jetzige Periode. Trump wurde vom Fernsehen geformt und überhaupt erst ermöglicht. Und er wusste genau, was das Fernsehen will: Konflikt.

TV Nation: Real Estate, unreal estate

Der 45. US-Präsident verfügt über eine unbändige darstellerische Energie. Seine 24/7 Dauersendung läuft unnachgiebig und stellt vor allem eine Person immer wieder in den Mittelpunkt: ihn selbst. Nach seiner Wahl wurde das Weiße Haus zu Trump Bühne und die US-Geschichte zur Fernsehshow. “Die ganze Welt ist jetzt die Kulisse von Trump Reality-Show”, schreibt der Autor und erklärt, dass die Dystopie Schöne Neue Welt eher zu den heutigen USA passt als 1984. Denn in Huxleys Klassiker wurden die Menschen nicht durch Gewalt und Propaganda, sondern durch Brot und Spiele in das System eingespannt. “Spiele, Drogen und phänomenal immersive Unterhaltungsangebote” würden die USA prägen, ganz so wie es Neil Postamt schon 1985 in seinem Bestseller prophezeite: Wir amüsieren uns zu Tode. Das Fernsehen appelliert weniger an den Verstand, als an die Emotion und Unterhaltung wird ganz groß geschrieben. Der “eitle, angeberische Geck” beherrscht dieses Spiel perfekt, er ist das Fernsehen, verschmolzen zu einer Art MenschMaschine wie einst Max Headroom. Dafür – also für diese These – spricht sein enormer Fernsehkonsum (16 Stunden/Tag) und natürlich auch seine One-Man-Show. Als Immobilienmaklererbe weiß DJT, dass das Fernsehen ein Geschäft des Überflusses ist, Immobilen eines der Knappheit. Als Wrestling-Aficionado verstand es DJT beide Sujets zu verknüpfen und in seiner Person zu Synthese zu verhelfen. Er ging ins Immobiliengeschäft und nahm das Showgeschäft mit, wie er selbst einmal sagte.

Die Herrschaft des Simulacrums

So wie Hugh Hefner oder Walt Disney machte DJT sein Produkt bekannt und begehrenswert indem er es als sein berühmtester Kunde bewarb. Er umgab sich ebenso mit Models wie Hefner, aber auch mit Roy Cohn, einem ehemaligen McCarthy Mitarbeiter, und anderen kontroversiellen Figuren. Alle wussten schon von Anfang an, dass er log, aber er brachte eine gute Show und das liebten die Medien, die ihn schnell zu ihrem Darling machten. In einem atemberaubenden und sehr spannenden Monolog beschreibt James Poniewozik den Aufstieg des Fernsehens in Amerika, der gleichzeitig auch ein Aufstieg DJT war. Poniewozik zählt einige der wichtigsten US-Fernsehserien und ihre Protagonisten auf und zeigt, wie sich DJT diese Archetypen des weißen Amerika zum Vorbild nahm. Alsbald verkörperte er den Traum der Arbeiterklasse: “Geld, mit dem einem alles scheißegal sein kann”. Er findet auch eine gute Erklärung für die Vorliebe DJTs für Gold, nämlich die Idee von Gold, also nicht das 24-karätige echte Gold, sondern Katzengold, das zwar spiegelt, aber eben nur glänzt und so zum Simulacrum wird: sein goldblondes Haar, sein Teint, sein Tower: alles glänzt in diesem falschen Gold, ganz so wie in der Legende von König Midas. Alles, um die Begierde zu wecken, die sich die meisten nicht befriedigen konnten. Die Herrschaft des Simulacrums bedeutet, ein Zeichen oder eine Repräsentation einer Sache, die die bezeichnete Realität ersetzen. So erklären sich auch eine ellenlangen Lügen und sein Verhältnis zur Wahrheit: leugnen, leugnen, leugnen, wenn einmal etwas nicht so gut lief…

Alternative Fakten

Der Teleholiker wird in Teil 2 vorliegender TV-Geschichte zu “dem” Anti-Helden schlechthin. Denn die 90er gehörten ganz Personen wie Walter aus “Breaking Bad”, der sich in “Heisenberg” verwandelt. Ganz Amerika kannte DJT inzwischen vom Fernsehen durch “The Apprentice“, ein Image, das er nie mehr loswerden sollte, denn er spielt darin nichts weniger als sich selbst. Durch Fox News formulierte er seine Verleumdungen noch erfolgreicher, denn er benutzte Fox als “Echtzeit-Feedback-Mechanismus”. Alles was Applaus/Aufmerksamkeit generierte baute er noch aus und so machte er es später auch bei Twitter: Schock, Beleidigung oder Wut wurden zu seinen Werkzeugen. Am besten von allem funktionierte übrigens “Baut die Mauer!” Wie kein anderer verstand DJT es, die Nostalgie als politische Kraft zu nutzen und sein Nostalgie-Unternehmen zu einem Palimpsest der 80er zu machen. Für viele seiner Fans, sagte er einfach was er dachte, ungefiltert und auch wenn es nicht wahr war, so war es zumindest wahrhaftig für sie, echt. Wie ein Wrestler, der Regeln nur dann anerkennt, wenn sie ihm nützen. Seine hyperbolische Maskulinität war genauso eine Inszenierung wie sich als auf Aufsteiger darzustellen, als einfachen Mann. Denn er gehörte qua seiner Geburt längst zu den Superreichen. “Trump wurde gewählt. Aber das Fernsehen wurde Präsident“, schreibt Poniewozik pointiert. “Das Symbol, das wusste Trump, ist mächtiger als die Realität: es schafft die Realität“. Die Realität hinderte ihn auch nicht daran von mehr Teilnehmer:innen bei seiner Angelobung als bei Obama zu sprechen und sogar – obwohl Livebilder Regen zeigten – von schönem Wetter zu sprechen. Von seinen Anhänger:innen verlangt er Loyalität: dies beinhalte eben auch, sich über die Wahrheit hinwegzusetzen und an die Wahrheit zu glauben, die seinem Team nützt. Die Wahrheit ist (nicht) die Wahrheit.

James Poniewozik
Alle Scheinwerfer auf mich!
Die Geburt Donald Trumps aus dem Fernsehen und der Zerfall Amerikas
Aus dem Amerikanischen von Sean Carty und Clara Schilling
2025, Paperback, 424 Seiten
ISBN 978-3-89320-331-4
Edition Tiamat
32.- Euro


Genre: Kulturgeschichte, Politik, Präsidentschaft, TV, Unterhaltungskultur, USA
Illustrated by edition TIAMAT

Der Kurfürstendamm Geschichte des Berliner Boulevards

Dass der Ku’damm seine Glanzzeiten hinter sich hat, wusste die Autorin, als das Buch 2021 erschien, und hofft: „Die Mitte der City-West könnte wieder ein Zentrum des Berliner Lebens werden—anders vielleicht als einst, aber doch aufregend und liebenswert. Der Kurfürstendamm hätte es verdient.“

Davor geht es auf über 200 reichbebilderten Seiten um die Glanzzeiten, beginnend mit der Entstehung vor 150 Jahren. „Vom Knüppelpfad zum Prachtboulevard“, zum Treffpunkt der Berliner Bohème, und nach dem Abbau im Nationalsozialismus wieder zum Schaufenster des Westens.

Dazu gibt es viele Gemälde, zeitgenössische Postkarten, aber auch Fotos, etwa mit von Bismarck hoch zu Pferde: Er hatte sich brieflich an den König gewandt, er möge die Verbindung vom Schloss nach Potsdam verbessern, vielleicht auch, weil ihn seine täglichen Ausritte dahin führten.

Das Buch ist umfassend recherchiert mit Quellenangaben, flott geschrieben, immer wieder mit balinahten Einschüben. Neben den Abbildungen erfreuen auch die Zitate der Zeitgenossen: Mit den Gründerjahren kommen die „Geldsackgesinnung“ wie Fontane schreibt: “Die Stadt wächst und wächst, die Millionäre verzehnfachen sich…“

Damals war Paris das Vorbild, der Kurfürstendamm sollte die Pracht der Champs-Elysées bekommen, aber das Kaiserreich war nicht in der Lage, sich finanziell zu beteiligen, es reichte nur für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die dann 1895 mit Pomp und Gloria eröffnet wurde. Fortan ließ man sich dort trauen, bis zu sechs Trauungen pro Tag gab es. Die Häuser wurden von den Geldsäcken gebaut, jedes nach dem Geschmack des jeweiligen Bauherrn.

Im zwanzigsten Jahrhundert entwickelten sich die Stätten der Künste: Die Maler der Sezession hatten ihre Treffpunkte, die Künstler Bohème ihre Cafés: das Café des Westens, das Café Größenwahn und später das Romanische Café. Dazu empfehle ich das Büchlein von Geza von Cziffra, Das Romanische Café.

Nicht jeder Künstler der Bohème konnte sich die Cafébesuche leisten, vielen wurden von Sponsoren unterstützt, oft waren es jüdische Geschäftsleute. „Unser Hintern fährt dritte Klasse, unser Haupt ragt über die Wolken“ sagt einer von ihnen.

Die westlichen Teile des Kudamms, auch als „Neuer Westen“ bezeichnet, zogen andere Menschen an als der vom wilhelminischen Staat geprägte Boulevard Unter den Linden.

Mit dem Aufkommen der „Kultur als Massenwaren“ wurden die großen Lichtspielhäuser um die Gedächtniskirche herum gebaut. Die prominenten Schauspieler/innen kamen und konnten vom Publikum gesehen werden, auch Zarah Leander und Astrid Nielsen. Ein anderer Zweig blühte ebenfalls: die Kabaretts und kleine Bühnen.

Nach der russischen Revolution kamen ab 1919 über zwei Millionen Emigrant/innen nach Deutschland, davon 300 000 nach Berlin, man sprach von Charlottengrad, manche träumten weiter vom Zarentum, in andere Richtungen gingen die Pläne der Künstler.

Die träumten eher von New York, vor allem Brecht und Grosz. Dieser suchte dort sein Künstlerglück und ging schon 1932, also vor dem Nationalsozialismus. (Das steht zwar nicht im Buch!)

Bis zur Olympiade 1936, wurde der Berliner Westen geduldet, auch weil viele Diplomaten und ausländische Journalisten dort lebten, die alle namentlich aufgeführt werden. Danach kam dann der Totalitarismus, die Trefforte der Szene wurden geschlossen.

Als gebürtige Westberlinerin habe ich den Kudamm der Nachkriegszeit als „Schaufenster des Westens“ kennengelernt, die Kaffeehäuser waren nun gut bürgerlich, die Mode elegant und mondän, zwei Theater und jedes Jahr die Filmfestspiele. In den Sechzigern dann Studentenproteste mit Wasserschlachten.

Jetzt lese ich bei Frau Stürikow, dass es in den achtziger  Jahren eine Kommission unter Volker Hassemer gegeben hatte, die die verblassende Strahlkraft erhöhen sollte. Einen Höhepunkt gab es dann noch: 1989 beim Mauerfall, wo die Bürger aus der DDR sich die Konsumtempel angucken wollten. Zum Kaufen reichte das Begrüßungsgeld dann aber nicht. Inzwischen, nach Corona, noch mehr Leerstand, nur Ketten können bestehen. Und 2023 will der Senat die weihnachtliche Beleuchtung nicht mehr unterstützen…

Vieles Bekanntes liest man gerne noch einmal und auch Neues, nun weiß ich, warum ein Teil in Budapester umbenannt wurde. Und die Lebensgeschichte von Jeanne Mammen, von der auch zwei große Gemälde abgebildet sind.


Genre: Berlin Geschichte, Der Kurfürstendamm Geschichte des Berliner Boulevards, Unterhaltungskultur
Illustrated by Elsengold