Anschreiben gegen das Vergessen
Im umfangreichen Werk des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Patrick Modiano greift der 2022 erschienene Roman «Unterwegs nach Chevreuse» erneut eine Thematik auf, die typisch ist für diesen Autor. Auch dieser 157 Seiten schmale Band macht sich nämlich als eine Art Erinnerungs-Krimi wieder auf die «Suche nach der verlorenen Zeit», eine deutliche Referenz an den berühmten Kollegen Marcel Proust. Und so hat denn auch Jean Bosmans, der Protagonist des vorliegenden Romans, seine Jugend im Pariser Stadtteil Auteuil verbracht, jenem noblen Viertel, wo Proust geboren wurde. Anders als bei diesem großen Kollegen geht es bei Modiano allerdings nicht sehnsuchtsvoll um die Erinnerung als Thema, sie scheint hier vielmehr toxisch zu sein, jedenfalls äußerst rätselhaft und unheimlich zugleich.
Der zwanzigjährige, angehende Schriftsteller Jean Bosmans, alter Ego des Autors, lernt Mitte der Sechzigerjahre auf seinen endlosen Streifzügen durch die französische Metropole die rätselhafte Camille kennen. Sie ist 2 Jahre älter als er, verkehrt in obskurer Gesellschaft und trägt den wenig schmeichelhaften Spitznamen «Totenkopf». Eines Tages animiert sie ihn, sie auf einem kurzen Trip ins südlich gelegene Chevreuse-Tal zu begleiten, wo sie und ihre Freundin Martine in einem verschlafenen Dorf ein Haus besichtigen wollen, das die Freundin eventuell zu mieten beabsichtigt. Ihm dämmert, dass dieser Ausflug kein Zufall ist, denn in eben diesem Haus hat Jean Bosmans seine Jugend verbracht. Und dort war es auch, wo er vor fünfzehn Jahren als Kind beobachtet hat, wie im Dachboden Handwerker tätig waren, um dort eine Mauer einzuziehen. Nach und nach ergeben sich weitere Details, die der Protagonist wie ein Puzzle zusammensetzt, welches allmählich auf ein verschwörerisches Komplott gegen ihn hindeutet. Die beiden Frauen wollen ihn scheinbar mit drei Ganoven zusammenbringen, die wohl ein ganz besonderes Interesse an dem Haus im Chevreuse-Tal haben.
Mit vielen in seine Erzählung eingestreuten Details ohne zunächst erkennbaren Nutzen entwickelt der Autor auf subtile Art ein Geflecht der Erinnerungen, das zuweilen sogar ins Traumhafte und Mystische abgleitet. Da werden Gegenstände wie ein Feuerzeug mit extrem hoher Flamme beschrieben, ein gravierter Globus, der Jean in der Schule gestohlen wurde, eine Armee-Armbanduhr mit erstaunlich vielen Funktionen und anderes mehr. Zu dieser Sammlung von erinnerten Indizien gehören auch die zum Teil wechselnden Namen von undurchschaubaren Leuten, die sich einst täglich, wie auch Camille, zu nächtlicher Stunde in dem Haus getroffen haben, ohne dass klar wird, was diese Geselligkeit bezweckte. Tagsüber nämlich war dort die Gouvernante Kim anzutreffen, wie Jean feststellt, die das Kind des allein lebenden René-Marco Heriford betreut, der aber fast nie anwesend ist, – eine durchaus merkwürdige Parallelwelt! Und der Autor deutet auch an, dass einst die Polizei Haus und Garten gründlich durchsucht habe, ohne allerdings etwas zu finden. Scheibchenweise kommt schließlich heraus, dass sich die drei Männer, die tatsächlich dringend den Kontakt zu Jean Bosmans suchen, im Gefängnis kennen gelernt haben.
Das Echo auf die Bücher von Patrick Modiano ist in deutschen Leserkreisen eher verhalten. Sein Stil ist auch hier von Redundanzen geprägt, die dem Plot eher flirrend oder schwebend erscheinen lassen, also nur auf Umwegen zum Ziel führend. Gleichwohl ist «Unterwegs nach Chevreuse» ein spannender Roman, der mitdenkenden Lesern schon früh versteckte Hinweise liefert, um mit detektivischem Gespür zu erahnen, worum es hier in Wirklichkeit geht. Letztendlich ist der Protagonist selbst der Autor dieses autofiktionalen Romans, wir erleben die Recherchen dafür hautnah mit. Er stellt gekonnt das zeitlich verschachtelte Anschreiben eines Schriftstellers gegen das Vergessen dar. Der siebzigjährige Jean erinnert sich an den zwanzigjährigen, der sich in seinem Buch an den fünfjährigen Jean erinnert. Und wer dabei mitdenkt als Leser, wird tatsächlich angenehm unterhalten.
Fazit: lesenswert
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