Herrinnen des Mondes

Eine junge Autorin aus dem Oman erhält den Booker Prize! Sechzehn Jahre später wird das Buch ins Deutsche übersetzt, von einer Dozentin für arabische Literatur, Claudia Ott, die auch im Nachwort Einiges über Kultur und Sprache schreibt.

Es spielt in einer kleinen Gemeinde im Oman, im Zentrum ist eine Großfamilie, die Zeiträume wechseln sich ab, mal spielt es vorgestern, als der Sklavenhändler Suleiman sich frische Sklavenware kaufte, mal heute, wo die Tochter als junge Ärztin mit ihrem BMW auf den schnellen Straßen kurvt. 

Das Buch fordert bei der Leserin Aufmerksamkeit und es lohnt sich, manche Kapitel noch einmal zu lesen, denn es gibt frühe Hinweise, deren Bedeutung sich erst später erschließt.

Der Leser verfolgt die Entwicklung des Oman während der letzten Jahrzehnte: vom Leben der Beduinen in Zelten zur Gründung von Schulen, eines Gesundheitswesens; vorher gab es in Maskat, der Hauptstadt, das Missionskrankenhaus. 

Was macht das mit den Menschen, mit dem Gefüge der Familien, wenn Viele, auch die Protagonisten, nach Maskat streben? 

Sarifa hat das nicht vor. Sie wurde als Sklavin gekauft, nach der Freilassung löst sie sich nicht vom Herrn, was ihr die anderen ehemaligen Sklaven vorwerfen. So schafft sie es, als ehemalige Sklavin mit den anderen an einem Tisch zu sitzen. Große Gesellschaften gibt es bei vielen Gelegenheiten, wie bei Geburten, bei denen auch Nachbarn und immer die frömmelnde und intrigante Frau des Muezzins kommt. Sarifa hat auch noch Zugang zu einer Welt der Mythen und Aberglauben, die trotz des Fortschritts weiter eine Rolle spielen.

Nachdem die Gattin Suleimans früh gestorben war, nimmt Sarifa die Rolle von Abdallahs Mutter an. Unter welchen Umständen sie starb, fragt er sich immer wieder, er war zwei Jahre alt, als sie starb. 

Später verliebt sich Abdallah in Mayya, eine der drei Töchter von Ansan und Selma. Sie schmachtet in ihren Träumen stets nach einem unbekannt bleibenden Schönling, stimmt aber der Ehe zu, sie bekommen drei Kinder.

Ihre Schwestern Asma und Chaula, die Schönste, sollen mit zwei Brüdern verheiratet werden, Asma stimmt zu und heiratet ihren Künstler, der feurige Pferde malt, und sie werden glücklich mit ihren vielen Kindern. 

Chaula verweigert den Vorschlag der Eltern, sie ist, seit Kindheit, vernarrt in Nasin, einen Tunichtgut, der seit Jahren in Kanada lebt, erst mit einem Stipendium. Nachdem er das Studium schmeißt, lebt er dort bei einer Freundin. Als seine Mutter stirbt, heiratet er Chaula, wie von ihr seit Jahren ersehnt. Sein Grund: sonst bekäme er sein Erbe nicht. Doch er lebt weiter in Kanada, kommt aber einmal im Jahr, um sein neues Kind zu sehen, und ein weiteres zu zeugen. Zum Glück weiß die aufmerksame Leserin schon von einem vorherigen Kapitel, dass sie sich irgendwann scheiden lässt und in Maskat ein Kosmetikstudio aufmacht.

Recht früh gibt es ein Kapitel „Vater“, wo Abdallah in Ichform als gestandener Businessman von der Hartherzigkeit des eigenen Vaters berichtet, wie er dessen Tod erlebte. Und seine Gedanken zeigen, wie er selbst seiner Vaterrolle gerecht wird, auch nach Vorstellungen westlicher Frauen unserer Zeit.  Aber warum schreiben nur Abdallah und der Pferdemaler als Einzige in der Ichform? Auch dieser berichtet davon, wie er seine Freiheit erst fand, als er sich vom Vater innerlich gelöst hatte.

Und wer sind die Herrinnen des Mondes? Eine gibt es, Nadschiyya, Erbin und Geschäftsführerin einer Kamelherde, sie ist schön und selbstbewusst, spricht sich klar gegen eine Ehe aus. Ihre Stärke zeigt sich auch, wenn ihr kleiner Bruder, der ein Down-Syndrom hat, gemobbt wird. Wenn er krank wird, kennt sie die richtigen Kräuter, opfert zwei Kamele—und er gesundet.

Männer sucht sie sich selbst aus, ihre Wahl fällt auf Assan, den Vater der drei Mädchen und sie verbringen traumhaft schöne Nächte miteinander, so wie in den Gedichten, sie dann aufgesagt werden. 

Der Reichtum des Buches liegt in der Beschreibung von Lebenslagen: Wie fühlt es sich an, Mutter zu werden, welche Rituale gibt es? Oder wie es war, als Frauen lesen lernten, Mütter und Töchter zur selben Zeit.

Inzwischen ist die Autorin Professorin für arabische Literatur, und mit Asma wird eine Leseratte beschrieben, und was sie alles liest, oder dem Vater vorliest, in dieser blumenreichen Sprache. Sie entdeckt Widersprüche in der Heiligen Schrift, oder in den Schriften der Kulturbehörde. Mutter Mayya geht mit den Kindern in eine amerikanische Buchhandlung, damit sie auch Englisch lernen.

Der Titel hat mich zum Grübeln gebracht: Eine arabische Freundin bestätigt, dass es sowohl eine Herrin sein kann, das wäre sicher Nadschiyya, aber bei anderer Betonung wäre es auch im Plural, also die Herrinnen des Mondes, was die Übersetzerin ja wählte. 

Oder sind es die Frauen, die durch geheimnisvolles Tun Leben beenden können? Nadschiyya und Ansan jedenfalls sind verschwunden, nachdem ein Ritual sie verwünscht hatte. Wie Abdallahs Mutter starb, wusste wohl auch Sarifa, aber keine Angst, sie war es nicht. Das Geheimnis wird am Ende gelöst…


Genre: Roman
Illustrated by Dörlemann

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