Salman Rushdie hat viele Jahrzehnte in den Ländern gelebt, in denen seine Geschichten spielen: In Indien, im Vereinten Königreich und in den USA. Inzwischen ist er bald achtzig Jahre alt, aber er weiß noch, wie es sich anfühlte, dort zu leben, was die Menschen sehen, denken, fühlen. In seine Erzählkunst schöpft er aus der Fülle genauer Beobachtungen, auch von Details. Mal geht es zurück in die Jugend, wie früher die Städte aussahen, dann wird es, in einer Geschichte, wieder in unserer Zeit spielen, und es wird verfolgt, wie in den Medien die Geburt des Millionen Dollar Babies (mit Kaiserschnitt) geplant und inszeniert wird.
Und immer gibt es Protagonisten, deren elfte Stunde begonnen hat, die wissen, dass gestorben wird, vielleicht sie selbst sterben werden, oder aber Tode zu betrauern sind und das reflektieren sie.
Die erste Geschichte spielt im Süden Indiens, über zwei alte Herren, die Zeit ihres Lebens befreundet waren. Die Biografien könnten unterschiedlicher nicht sein, ein erfolgreicher Patriarch mit über zweihundert Anverwandten, der aber das Gedöns ablehnt und dagegen der Andere, eher schüchtern und alleinlebend. Leider ist die gute Frau des Patriarachen früh verstorben und er hat eine andere, mit Holzbein, geheiratet, die ihn hasst, was auch ein Grund ist, dass er jeden Morgen hofft, gestorben zu sein.
Als dann der Freund stirbt, geht es um Weda, die Rituale des Hinduismus. Zwei junge Frauen mit einer Vespa hatten ihn angefahren—die werden vorgestellt und auch, wie sie sich darüber grämen. Dann kommt noch ein Tsunami, zerstört den Küstenort und er muss weitere Niedergänge beobachten.
Bevor ich als zweite die Geschichte mit dem Titel „Saumselig“ beschreibe, ein kurzer Ausflug zur Übersetzung. Da ich als Schulmädchen Dolmetscherin werden wollte, gucke ich gerne nach, wie übersetzt wird. Was ist wohl das englische Wort für „saumselig?“ Es ist schlicht „late“. Und doch passt es irgendwie, was Bernhard Robben da gefunden hat. Es ist eine beabsichtigte Langsamkeit, mit der Dinge erledigt werden, hier ist es eine Rache.
Die Geschichte spielt in England, in einem ehrwürdigen alten College, in den sechziger Jahren, also die Zeit, als Rushdie selbst dort Geschichte studiert hatte. Übrigens: Die Rezensentin und er sind ein Jahrgang.
Ein alter Engländer, der in seiner Jugend einen Bestseller über Indiens Kampf gegen das britische Kolonialregime geführt hatte und als Ehrengast sein Leben in diesem College verbringt, stirbt.
Aber lebt als Geist weiter, in einem dichten gelben Nebel, von niemandem erkennt, wenn nicht Rosa, eine indische Studentin (der Geschichte!) als Einzige ihn sähe und mit ihm sprechen könnte. Die Verbindung zu beider Sehnsuchtsland Indien scheint ein Grund.
Sie ist einsam, kann mit den anderen Studenten nicht viel anfangen, die das Leben der Sechziger genießen: Räusche, Drogen, Sex, aber nur heterosexuell, bitte. Das Alles ist ihr nichts.
Als exotische Ausländerin wurde sie gefragt, ob sie die transzendentale Meditation betriebe—nichts ist ihr ferner, sie findet die Religionskriege in Europa interessanter, wo es um Macht und um Freiheit geht.
Der ehrwürdige Geist hat aber noch Einiges zu erledigen, das sind die Geheimnisse, die nach und nach zur Lösung kommen.
Die anderen Erzählungen zu lesen, lohnt sich auch!