In den Augen der anderen

Jodi PicoultWas ist normal und wer entscheidet das? „In den Augen der anderen ist Jacob Hunt alles andere als normal. In den Augen seiner Mutter ist es normal, ein besonderes Kind zu haben. Jacob selbst sagt „Normal ist nur eine Einstellung an der Waschmaschine“.

Als bei Emma Hunts Sohn Jacob das Asperger Syndrom diagnostiziert wird, eine autistische Störung, ist die Wissenschaft ungefähr auf dem Stand von Rain Man. Emma kämpft, lässt ihrem Sohn jede denkbare Therapie angedeihen und integriert seine besonderen Bedürfnisse in den Familienalltag. Routinen sind für ihn überlebenswichtig. Wenn Jacob nicht als erster duscht, ist der Tag nicht mehr zu retten. Wenn Jacob kein offenes Haar erträgt, dann macht Emma sich eben einen Pferdeschwanz. Wenn jeder Wochentag eine besondere Farbe haben muss, dann gibt es am weißen Dienstag eben Kartoffelpüree mit Reis. Wenn Jacob es leichter fällt, in Filmzitaten zu antworten, dann lernt man eben, dass „geschüttelt und nicht gerührt“ das Äquivalent zu „Ja“ ist. Emmas unermüdlichem Einsatz ist es zu verdanken, dass Jacob am Alltagsleben teilhaben, dass er zur Schule gehen und seine außergewöhnliche Intelligenz nutzen kann. Und sei es für ein obsessives Interesse an Kriminaltechnik. Was Emma nicht beeinflussen kann, ist die Wahrnehmung Jacobs in den Augen der anderen. Freundschaften sind nicht erzwingbar und wenn Jacob ein Außenseiter ist, nimmt sie in Kauf, dass auch sie aussen steht. Was Emma nicht rechtzeitig sieht und beeinflusst, sind die Auswirkungen von Jacobs Krankheit und des gelegentlich absonderlichen Familienlebens auf ihren jüngeren Sohn Theo. Eines Tages wird die junge Pädagogikstudentin Jess tot aufgefunden. Erschlagen? Vielleicht von Jacob, den sie mehrmals in der Woche betreute und für den sie erfolgversprechende Übungen für seine soziale Kompetenz entwickelt hatte? Schnell wird Jacob verdächtigt und die mühsam erkämpfte Normalität in Emmas kleiner Familie bricht zusammen. Jacob muss vor Gericht. Doch wie soll das gehen? Emma und ihr bislang nicht gerade durch fulminante Erfolge aufgefallene Rechtsanwalt Oliver nehmen den Kampf auf. Es geht darum, Jacob vor dem Gefängnis zu bewahren – aber auch um die Rechte von Menschen, die anders sind. Wenn auch nur in den Augen der anderen.

Jodi Picoult berichtet Jacobs Geschichte wie immer sorgfältig recherchiert. Der Leser wird erschöpfend mit Fachwissen über Autismus und das Asperger Syndrom versorgt. Teils zu erschöpfend. Weniger wäre in ihrem neuen Buch etwas mehr gewesen. Ein beherztes Streichen hätte nicht geschadet. Dennoch – der ungewöhnliche Held Jacob, die tapferen Mitstreiter und die Story entfalten genug Spannung, dass man sich auch in diesem Buch dem Sog von Jodi Picoults Erzählung nicht entziehen kann. Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven. Der Leser erfährt jede Seite der Geschichte. Er weiß um die Nöte Emmas, aber auch um die von Theo. Er erfährt Hintergründe des Verbrechens vom ermittelnden Polizisten und vom Anwalt die genaue Vorbereitung des Prozesses und seine Führung. Aber auch die Gedankenwelt Jacobs und seine eigene Sicht der Dinge kommen nicht zu kurz. Der Beleuchtung des Themas von allen Seiten, aus aller Augen sozusagen tut dies ausserordentlich gut. Klar kristalliert sich heraus, wie Jacob auf andere wirkt, wie es zu Missverständnissen und Fehleinschätzungen kommen kann.

Die US-amerikanische Autorin Jodi Picoult hat sich beidseits des Atlantiks eine riesige Fangemeinde erschrieben. Ihre Bücher erscheinen zumeist pünktlich zum Leseherbst und sind sichere Bestseller-Garanten. Ihre Bücher folgen einem immer gleichen Schema. Sie verbindet das Drama brisanter Themen mit den Auswirkungen auf eine Familie, akribische Recherche mit moralischen Grundsatzfragen. Ihre Bücher siedeln zwischen Reportage und Roman, immer nahe an ihren Protagonisten und am Thema. Ob es nun um die minutiöse Aufarbeitung eines Amoklaufs geht (19 Minuten) oder um die Frage, ob ein Kind gezeugt werden darf, welches ein Leben lang als Knochenmarkspender für die leukämiekranke Schwester dienen soll. (beim Leben meiner Schwester) – immer legt Jodi Picoult den Finger zielsicher in die Wunden unserer Gesellschaft und legt offen, wie kompliziert menschliche Verflechtungen sein können. Auch wenn man nach jedem ihrem Bücher erschöpfend informiert ist zum jeweiligen Thema – es ist nie langweilig, immer spannend wie ein Thriller, bis sie am Ende dem Leser eine eigene Position abringt – die nicht zwangsläufig mit ihrer eigenen übereinstimmen muss.
Mich erinnern ihre dokumentarischen Romane immer ein wenig an die Readers Digest früherer Jahre. Oft wird – zu Recht – geklagt, dass Qualitätsjournalismus und vernünftige Reportagen selten geworden sind. Eine Geschichte wie die von Jacob hätte ich auch gerne in einem Magazin gelesen. Es scheint, als ob Jodi Picoult in die Bresche springt und diese warum auch immer freigewordene Lücke besetzt. Vielleicht sollte man den Erfolg von Jodi Picoult zum Anlass nehmen, Journalismus im 21. Jahrhundert noch einmal zu überdenken. Der Erfolg gibt Jodi Picoult recht und der Bedarf scheint da zu sein.

Fazit: In den Augen der anderen ist ein echter Jodi Picoult. Sorgfältig recherchiert. Sorgfältig dokumentiert. Man kriegt, was man erwartet. Ihre Fans werden es lieben. Ihre Kritiker werden wieder überheblich den Zeigefinger heben, dass man solche Themen doch nicht für reißerische Romane mißbrauchen könne – um damit zu überspielen, dass sie nur kritisieren, aber davor zurückscheuen, sich brisanten Themen fundiert zu nähern.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift.


Genre: Romane
Illustrated by Bastei Lübbe

Beim Leben meiner Schwester

Die dreizehnjährige Anna ist ein Kind, welches künstlich gezeugt wurde, um das genetische Ebenbild ihrer Schwester Kate zu sein. Kate ist nämlich an einer seltenen Form der Leukämie erkrankt und benötigt zum Überleben Blutspenden, die nur eine genetisch identische Schwester ihr geben kann. Natürlich dreht sich in der Familie der Fitzgeralds mehr oder weniger alles um die kranke Tochter. Die Eltern, eine ehemalige Anwältin, und jetzige überzeugte Hausfrau und Mutter, Sara, und der Kapitän einer Feuerwache, Brian, kämpfen um das Leben ihrer todkanken Tochter Kate.
Die anderen Kinder müssen viel entbehren, doch sie haben, jeder auf seine Weise, gelernt damit zu leben.

Der älteste Bruder Jesse, ist seit frühster Kindheit verhaltensauffällig, er nimmt Drogen, wird zum Kleinkriminellen. Anna, die jüngste, ist der ruhige Pol und die Kraft der Sicherheit in der Familie. Wie selbstverständlich spendet Anna ihr Leben lang Blut und Knochenmark für ihre Schwester, ist stets vernünftig und selbstlos, bis sie, für alle völlig überraschend, eines Tages einen Anwalt aufsucht, um sich aus der elterlichen Gewalt in medizinischen Fragen entlassen zu lassen …

Jodi Picoult schafft es in diesem Buch, die Tragik eines todkranken Familienmitglieds besonders gut und auch tiefgründig zu vermitteln.
Jedes Kapitel wird aus der Sicht eines anderen Familienmitgliedes, auch aus der Sicht des Anwaltes, geschrieben, so dass man sich in alle Charaktere gut hineinversetzen kann. Ebenso hat die Autorin merklich sehr gut recherchiert. Die medizinischen, ethischen und juristischen Aspekte, wirken dadurch realistisch und authentisch.

Bis hierhin ein gelungenes Werk. Nun aber zu dem grossen Aber …

Leider hat Jodi Picoult mitten unter dieses interessante und komplizierte Geflecht von Gefühlen und Gedanken, eine profane Liebesgeschichte, zwischen Anwalt und Verfahrenspflegerin, gemischt. Diese ist, meiner Ansicht nach, völlig überflüssig. Ebenso führt sie die Geschichte, durch ihr Unvermögen einen Sachverhalt für sich selbst sprechen zu lassen und ein feiges, unglaubwürdiges Ende, ad absurdum.


Genre: Romane
Illustrated by Piper Malik Kabel München