Mit seinem Standardwerk »Fehldiagnose psychosomatisch. Wenn Ärzte nicht weiter wissen« richtet sich der Berliner Heilpraktiker Reinhard Clemens an Menschen, die sich mit ihrer Krankengeschichte allein gelassen oder von der Medizin nicht wirklich gesehen fühlen. Zugleich versucht er, eine Brücke zu schlagen zwischen etablierter Schulmedizin und einer ganzheitlichen Sicht auf Krankheit und Heilung. Clemens’ Ausgangsthese: Wer nicht rasch in die gängigen Raster der schulmedizinischen Diagnostik passt – oder bei wem eine aufwendigere Abklärung nötig wäre –, erhält nicht selten die Verlegenheitsdiagnose »psychosomatisch« als ultima ratio im Rahmen routinierter ICD-10-Klassifikationen.
Die moderne Medizin, so der Autor, neige aufgrund ihrer zunehmenden Spezialisierung dazu, den Patienten »wie einen Flickenteppich aus Organen zu behandeln«. Als maßgeblicher Treiber erscheint ihm der Kostendruck: Er zwinge Ärztinnen und Ärzte in engen Zeitfenstern zu einer abrechenbaren Diagnose. Dass Hausärzten dafür – wie Clemens anmerkt – teils nur ein sehr geringes Laborbudget von rund vier Euro pro Patient und Quartal zur Verfügung steht, illustriert die strukturelle Enge, in der Diagnostik heute häufig stattfindet.
Dem setzt Clemens den ganzheitlichen Ansatz entgegen. Dieser könne die Versorgung verbessern, indem er das Risiko von Fehldiagnosen senke und die Chancen einer langfristigen Gesundung erhöhe. Zu einem solchen Umdenken gehöre, so Clemens, „die verstärkte Forschung in Bereichen wie Mikrobiom, Mitochondrien, Mikronährstoffen, Genetik und psychosozialen Faktoren“.
Statt sich an der Oberfläche der Symptome aufzuhalten, plädiert der Autor dafür, alle relevanten Facetten eines Krankheitsbildes zu ergründen, um eine tragfähige Diagnose und darauf aufbauend eine umfassende Therapie zu ermöglichen. Doch gerade eine ausführliche Anamnese und eine differenzierte Labordiagnostik seien unter dem enormen Zeit- und Kostendruck in vielen Praxen kaum realisierbar. Hinzu kommt: Spezialisierte Laboranalysen sind nicht selten nur für Selbstzahler zugänglich.
Den besonderen Wert des Buches bilden die zahlreichen Fallbeispiele und die gründliche Auseinandersetzung mit Beschwerden, die in der Schulmedizin mitunter nicht ernst genommen oder nicht konsequent genug hinterfragt werden. Clemens spannt dabei einen weiten Bogen – von stillen Entzündungsprozessen über Nahrungsunverträglichkeiten bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten.
Am Ende bietet der Autor eine kurze Checkliste, die dem Leser ein pragmatisches Instrument an die Hand gibt, um grob zwischen psychosomatischen und somatischen (also körperlich bedingten) Ursachen zu unterscheiden. Seine Stärke liegt dabei in der Fähigkeit, komplexe medizinische Zusammenhänge verständlich und zugänglich zu erläutern. Auch wenn ein – bei Sachbüchern dieser Art hilfreiches – Schlagwortverzeichnis fehlt, erhält der Leser insgesamt einen soliden, anregenden Einstieg in das Thema.