Unterleuten

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Da gab es mal oder gibt es noch ein berühmtes Gallisches Dorf, das der Römischen Besatzungsmacht unbeugsamen Widerstandswillen entgegengesetzt hat. Zwar hat es seitens der Römer nicht an Versuchen gemangelt,  kreativen Zwiespalt in die Bewohnerschaft hinein zu tragen, aber die Dorfbewohner haben  spätestens in letzter Sekunde immer noch erkannt, wer ihre wahren Feinde wahren und es ihnen jedes Mal nicht zuletzt dank eines gewissen naturheilkundlichen Anabolikums kräftig heimgezahlt.

Einen Zaubertrank gibt es in dem Prignitzdorf „Unterleuten“ nicht, aber dafür ist eine Armee aus langen Propellerspargeln im Anmarsch. Die Gemarkung soll Standort für einen Windpark werden und der schafft es, dass die Bewohner nicht nur bis hin zu tätlichen Übergriffen, das tun die Gallier schließlich auch, sondern bis hin zur finalen Unversöhnlichkeit übereinander herfallen.

Einer der vielen Stärken des Buches besteht in der Vielfalt und Vielschichtigkeit der Protagonisten. Da gibt es den berlinflüchtigen besserwisserischen Birkenstock-Macho, seines Zeichens Natur- und Vogelschützer und seine vom Nachbarschaftskrieg bis hin zur Desorintiertheit zermürbte Frau, den früheren Leiter der LPG und jetzigen Chef eines Bio-Betriebes, den Grundstücksspekulanten aus Bayern und noch einige mehr. Entweder sie jagen der Anwartschaft auf goldene Berge wie einem Rugby-Ei nach oder sie versuchen, sofern sie denn eh nichts davon haben, es dem Landschaftsschutz oder eines rein restkommunistischen Proftbashings zu Liebe ins Seitenaus zu befördern. Bei manchen ist es auch der reine Neid und bei anderen sind beide Triebfedern ein- und dieselbe.  Alle diese Menschen nicht nur trennscharf sortiert, sondern auch energetisch aufgeladen zu haben, darin besteht die eigentliche Meisterleistung der Autorin. Man lauert seiten- und kapitelweise darauf, was sie im Schilde führen. Die darin innewohnende Schablonen-Falle umschifft Julie Zeh meisterlich, indem sie die Menschen mit viel seelischem Resonanzboden versieht. Da wird einfach nachvollziehbar reflektiert und aus der Vergangenheit tief Verborgenes hervor geholt und zwar so, dass man, wären sie denn leibhaftige Tresennachbarn, durchaus ungelangweilt zuhören möchte. Einzig und allein eine angehende Pferdeflüsterin und in Personalunion größeres Zahnrad im Getriebe gerät derart zur knallharten, über Leichen gehenden Karriere-Barbie,  dass es bei ihr schon allein wegen ihres fast noch  jugendlichen Reifestadiums doch etwas an Glaubwürdigkeit hapert. Sie wirkt fast wie ein empathieloses Kalkül-Monster von einem anderen Stern.

Julie Zeh ist von Haus aus Juristin und als solche mit der Fähigkeit zur passgenauen Formulierung und Zuschreibung vertraut. Das gilt auch für die Gedanken und Temperamente derer, die sie aufeinander los lässt. Gelegentlich galoppiert eine erkennbare Lust an der Formulierungsfreude mit sich fort. Insgesamt aber hält sich ein leiser und gerade deshalb unterhaltsamer Begleitsarkasmus. Er ist neben dem spannenden Inhalt die Leitplanke, die das Lesevergnügen auch stilistisch stabilisiert. Der zuweilen gallige Blick auf  die Menschen oder vielmehr auf das, was die voraus geworfenen  Schatten mit ihnen machen,  bedient nicht nur den gesunden Voyeurismus des Lesers, er verselbständigt sich durchaus amüsant und bringt originelle Landschafts- und Kontextbeschreibungen hervor, wenn etwa Dinge in die Skurrilität wegabstrahiert werden, seien es durch Kornfelder gepolsterte Freiflächen oder Häuseransammlungen, die durch das Ortsschild zum Dorf erhoben werden und noch so manches mehr.

Der Lichtblick kommt mit dem Ausblick, mit der Erkenntnis dass der  Zäsurschmerz eben auch Geburtsschmerz ist, wenn die zornigen Alten einer jüngeren Nachrückergeneration Platz machen müssen.  Deshalb weicht zum Ende auch die Bitterkeit der Hoffnung.

„Unterleuten“ ist weitaus mehr als eine Dorfposse. Es zeigt eine Manege der Ellenbogen, in dem jeder auf seine Art Recht hat und in dem es keine kollektiven Gewissheiten mehr sondern nur noch individuelle Irrtümer gibt. Die Art und Weise wie Juli Zeh sie ineinander greifen lässt, hat daraus einen wirklich gelungenen Gesellschaftsroman und aus der Autorin eine Literatin gemacht.


Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Die Glücklichen

Fürchten wir uns nicht alle davor, aus dem Paradies vertrieben zu werden?

Kristine Bilkau - die Glücklichen Isabell und Georg sind ein junges, schickes und schönes Paar. Wohlig haben sie sich in ihrer famosen Hamburger Altbauwohnung eingerichtet und schlürfen den Schaum ihres Latte Macchiato in angesagter Achtsamkeit, sich ihrer politischen und ökologischen Korrektheit stets sorgsam und stolz versichernd. Isabell ist Cellistin in einem Musical-Orchester, Georg schreibt als Journalist mit wohlwollendem Schauder über Aussteigerpaare auf dem Bauernhof. Die ganz große Karriere ist nur einen Sprung weit entfernt, aber immerhin – es reicht für Risottomischungen in durchsichtigen Tütchen und andere für das gepflegte Leben unverzichtbare Dinge wie Wildfeigen, Rosenkandis, Bio-Lavendelblütenhonig und Pfefferschokolade.

Dass nicht nur die ganz große Karriere, sondern auch der Absturz nur einen Sprung weit entfernt ist, scheint vor allem Isabell unbewusst zu ahnen. Irgendwoher muss es ja schließlich kommen, dieses Zittern in den Händen, welches sie zunächst noch verbergen kann. Doch der Druck steigt. Zuhause wartet nicht nur die Altbau-Idylle, sondern mittlerweile auch der kleine Sohn Matti und mit ihm die Verantwortung. Das Zittern nimmt zu und sie verliert ihren Job, der zwar nur als Zwischenstation geplant war, ihr nun aber unerreichbar großartig scheint. Zugleich berichtet Georg nicht mehr nur über Nachrichten, er selbst bzw. sein Arbeitgeber ist die Nachricht geworden. Das große Zeitungssterben beginnt, dem Verlag geht es schlecht. Georg fällt den berüchtigten Synergien zum Opfer, sein Job ist nur noch etwas, das schnellstmöglich outgesourced wird.

Natürlich kommt jetzt eine Mietpreiserhöhung, natürlich kommen auch noch andere Verpflichtungen auf sie zu. Georgs Mutter stirbt und hinterlässt nur Schulden, schon die Beerdigungskosten sind utopisch hoch. Schluß mit Rosenkandis und Bio-Gemüsekisten. Isabell und Georg reagieren verstört und hilflos, sie sind völlig verunsichert. Gegenseitig treiben sie sich immer mehr in die Enge, bis ihr Glück und ihre kleine Familie zu zerbrechen droht.

Kristine Bilkau zeichnet in ihrem Debütroman »Die Glücklichen« das präzise Bild einer überreizten überforderten Generation, die sich davor fürchtet, aus dem Paradies vertrieben zu werden. Es ist die Generation Praktikum, die Generation, die immer wieder von ihren Lebensentwürfen Abschied nehmen muss. Die sich unter den Druck der absoluten Perfektion setzt und doch gleichzeitig den Umgang mit einer zunehmend präkeren und unsicheren Existenz lernen muss. Dazu verdammt, ein Leben ohne Niederlagen zu führen. Solange es alles einigermaßen läuft, übertünchen sie ihre Unsicherheit mit dem Gehabe der nach außen hin ach so politisch und ökologisch korrekten Welt. Sobald jedoch etwas ins Wanken gerät, haben sie nichts als Unsicherheit. Alle erlernten Verhaltensmuster greifen nicht mehr. Isabell und Georg sind nur die Prototypen all der freien Künstler, Journalisten, der Mitarbeiter mit befristeten Verträgen in ihren grundsanierten Altbauwohnungen.

Isabell und Georg kommt plötzlich nicht nur ihr Lebensstil abhanden, sondern auch ihre mangels anderer Werte und Orientierungen mühsam zurechtgezimmerten Identität. Sie können sie sich schlicht nicht mehr leisten. Wirklich gerechnet hat keiner von ihnen damit. In ihrem Inneren haben sie immer geglaubt, dass man sich den Anspruch auf Sicherheit verdienen könne, mehr noch, ihnen war die Selbstverständlichkeit anerzogen, dass ihnen ein gutes Leben zustünde. Die plötzliche Erkenntnis, dass nichts im Leben sicher ist und das es per se keinen wie auch immer gearteten Anspruch gibt, lässt sie ermüden und nachgerade ungerecht und boshaft werden.

Das Romandebüt der Journalistin Kristine Bilkau erzählt von zunächst kaum wahrnehmbaren Verschiebungen, von erst kleinen, dann schmerzlicher werdenden Verlusten. Die diffusen Ängste ihrer Protagonisten macht sie an präzisen Ereignissen fest, lange bevor Isabell und Georg es selber merken. Fürchten wir uns nicht alle davor, aus dem Paradies vertrieben zu werden? Sie erzählt es ganz leicht, fast beiläufig, dabei ist der Leser Isabell und Georg immer einen kleinen Schritt voraus. Genau das aber erweckt seine Neugier, er will wissen, wie sie schließlich damit fertig werden. Vielleicht wünscht der Leser sich auch ein Patentrezept, welches er sich merken kann, wenn ihn dann mal die Keule trifft.

So oder so ist Bilkaus Roman ein spannendes, interessantes Buch. Es gibt weniger Antworten, als dem Leser lieb sein wird, aber wenigstens die Fragen, die viele unbehaglich umtreiben, werden einmal gestellt. Im Buch finden Isabell und Georg nur den Anfang des Weges aus ihrem Dilemma, ob er zunkunftsfähig sein wird, das erfahren wir nicht. Das Ende ist ein wenig abrupt und läßt den Leser leicht unbefriedigt zurück, zumal Bilkau auch in ihrem Stil ein wenig aus dem Takt gerät, ja geradezu ins Kitschige abgleitet. Es scheint, als habe sie auf einmal keine Lust mehr gehabt, als wäre ihr das Sujet aus den Händen geglitten und sie habe plötzlich keine Lust mehr auf das Lamento ihrer Hauptfiguren gehabt. Schade, aber abgesehen davon ein Buch, das sich zu lesen lohnt.


Genre: Romane
Illustrated by Luchterhand