Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose

Winfried Ripp erzählt in Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose die Geschichte einer Institution, die im Berlin des Kaiserreichs für ein anderes Verständnis von Fürsorge stand. Sein Gegenstand ist der 1868 gegründete Berliner Asyl-Verein, der wohnungs- und obdachlosen Menschen Schutz bot, ohne sie zu registrieren, zu moralisieren oder zur Arbeit zu zwingen. Das Buch verfolgt die Entwicklung dieses Vereins von den sozialen Ursachen der Obdachlosigkeit über Gründung, Ausbau und Alltag der Asyle bis zu den Kampagnen seiner Gegner, vor allem Friedrich von Bodelschwinghs, und zum späteren Niedergang des Projekts.

 

Ripp schreibt keine bloße Vereinschronik, sondern eine Sozialgeschichte der Ausgrenzung – und der Gegenwehr. Die Stärke seiner Studie liegt in ihrer Klarheit des Gegenstands und in ihrer archivalischen Dichte. Der Autor stützt sich auf Vereinsbestände, staatliche Archive, Materialien aus Bethel sowie auf zeitgenössische Fach- und Tagespresse; ausführliche Originalzitate setzt er bewusst ein, um Denkweisen und Interessenlagen sichtbar zu machen. Das verleiht dem Band ein hohes Maß an Anschaulichkeit.

 

Man liest hier nicht nur von Institutionen, sondern von konkurrierenden Menschenbildern: auf der einen Seite ein Verständnis von Hilfe, das Obdachlose als Menschen in Not begreift, auf der anderen ein System der Kontrolle, Disziplinierung und moralischen Prüfung. Gerade in dieser Zuspitzung wird deutlich, warum das Buch über sein historisches Thema hinausweist.

 

Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen Ripp die Prinzipien des Asyl-Vereins konkret werden lässt. Dessen Kern war die Wahrung der Anonymität: keine namentliche Erfassung, keine Polizeikontrollen, kein Auftreten als Richter über „Schuld“ und „Unschuld“. Hilfe sollte schnell, unbürokratisch und würdeschonend erfolgen.

 

Dass dies nicht nur ein humanitärer Anspruch blieb, zeigt Ripp am Beispiel der „Wiesenburg“, die er als baulich, hygienisch und organisatorisch überlegenes Gegenmodell zum städtischen Obdach „Palme“ beschreibt: hellere und sauberere Räume, bessere Betten, geordnetere Verpflegung, insgesamt ein weniger entwürdigendes Umfeld.

 

Gerade hier gewinnt das Buch seine größte Überzeugungskraft, weil es zeigt, dass Sozialpolitik sich auch in Architektur, Hausordnung und Alltagsdetails entscheidet. Zwar dient Ripps große Materialtreue nicht immer der Eleganz der Darstellung, doch die Fülle der Quellen macht den Band autoritativ. In seinen Darlegungen lässt der Autor seine Sympathie für den Asyl-Verein und seine Distanz zu Bodelschwinghs Modell sehr deutlich erkennen. Das ist sachlich oft gut begründet, gelegentlich aber stärker engagiert als analytisch austariert.

 

Gerade darin liegt jedoch auch der Nutzen des Buches. Der Autor macht sichtbar, dass die Geschichte der Obdachlosigkeit keine Randnotiz urbaner Elendsgeschichte ist, sondern ein Prüfstein moderner Gesellschaften: Wie wird geholfen, unter welchen Bedingungen – und mit welchem Bild vom Menschen? Der umfangreiche Anhang mit Nutzungszahlen, Zeittafel, Quellen, Literatur und Personenregister unterstreicht zudem den dokumentarischen Wert der Arbeit.

 

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose ist ein materialreiches, verdienstvolles und in seiner Tendenz bewusst streitbares Buch, das historische Forschung, Berliner Stadtgeschichte und aktuelle Debatten über Wohnungslosigkeit produktiv miteinander verbindet.

 


Genre: Berliner Geschichte, Sachbuch, Sozialgeschichte
Illustrated by Metropol

Rund ums Freibad

Das Buch hatte Heinrich Zille 1926 mit einem Beitrag zum Freibad herausgegeben. Er war achtundsechzig Jahre alt, drei Jahre vor seinem Tode. Dazu hat er Zeichnungen aus allen seinen Schaffens Perioden zusammengetragen, die, so wie wir es von ihm kennen, mit treffenden Kommentaren versehen sind. Meist sind sie in direkter Rede der Dargestellten, Sprechblasen gibt es noch nicht bei ihm, und doch weiß ich genau, wer was sagt.

Mir gefielen verschiedene Aspekte, und ich werde sie der Reihe nach darstellen:

Da ist die Geschichte Berlins, die Stadt zog in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts viele Menschen an, für die Häuser mit Hinterhöfen gebaut wurden. Zille berichtet von den hygienischen Verhältnissen, wie wenig das Baden, ja überhaupt das Waschen, üblich war. Wenn der Arzt einen Patienten bat, die Socken auszuziehen, wird er vom Patienten darauf hingewiesen, dass er noch den „Winterfuß“ hat.

Im handgeschriebenen Text „Das Freibad“ berichtet er von Badestuben in Häusern, meist in der Nähe der Spree, in denen Menschen sich waschen konnten, manchmal wurden sie aber auch vom Magistrat geschlossen, wegen „allzufreien, ungenierten Badens.“

Erst 1907 wurden die Freibäder geöffnet und die Sehnsüchte der Menschen nach Bewegungsfreiheit und Körperlichkeit konnten sich im Freien erfüllen. Das erinnert mich an Peter Josef Lenné, der wusste, wie gut ein Aufenthalt in der Natur für das menschliche Gemüt ist und früh begann, Volksparks zu planen. Rezension: Peter Joseph Lenné: Eine Biographie von Heinz Ohff

Manchmal gibt es Sprüche, die auch ohne Zeichnungen wirken, etwa dieser: “Wie herrlich ist es nichts zu tun, und von dem Nichtstun auszuruh’n!“ Dazu gemalt wird dann eine Aktschönheit am Spreeufer.

Dann geht es um die Naturfreunde und ihre Bewegungen: „Zurück zur Natur“, zum Nacktsportverband, die „Wege zu Kraft und Schönheit“ werden aufgezeigt, das Luft- und Sonnenbad „Volkskraftbund.“ Eines meiner Lieblingsbilder zeigt eine Kleinfamilie am Strand: „Vata mir is iebel!“

„Dann stell‘ dir nich so bei mir,–geh bei Muttern!“

Nun zu den Kindern: es gab früher einfach mehr und sie werden alle gemalt! Vor allem sie und junge Erwachsene, gerne Verliebte, werden als Persönlichkeiten getroffen. Die Kinder sind oft etwas pummelig gemalt. Das erste Kind kommt nach dem achtseitigen Beitrag zum Freibad und sagt: „Hinter mir kommen noch eine Menge „Zille“-Kinder.“ Und dann kommt das Bild:


Genre: Badefreuden, Berliner Geschichte, Rund ums Freibad von Heinrich Zille
Illustrated by Bebug Verlag