Kopflos

Radikale stilistische Unmittelbarkeit

Nach dem erfolgreichen Debüt der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz, das gerade von Martin Scorcese verfilmt worden ist, erschien kürzlich ihr zweiter Roman unter dem Titel «Kopflos» auf Deutsch. Auch er beschäftigt sich wieder mit einer feministischen Thematik, wobei der Buchtitel auf den psychischen Zustand der Protagonistin und Ich-Erzählerin dieses Romans hindeutet. Der Klappentext spricht zwar von der Geschichte einer Entführung, aber es geht, thematisch tiefgründiger, um den ebenso erbitterten wie verzweifelten Kampf einer Frau, die sich nicht damit abfinden kann, dass ihr das Sorgerecht für ihre fünfjährigen Zwillinge entzogen wurde. Dieser Roman handelt letztendlich vom tragischen Ende eines Liebespaares, indem er davon zeugt, wozu verzweifelte Menschen fähig sind, auf welche Abwege sie gelangen können in extremen seelischen Nöten.

Lisa wurde im Prozess von ihrem Mann in 151 Punkten beschuldigt, darunter als schwerstem Vergehen auch häusliche Gewalt, das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder wurde dem Vater zugesprochen. Sie muss künftig vom Haus des Vaters und von ihren Kindern einen Mindestabstand einhalten, darf die Buben nur einmal im Monat im Beisein einer amtlichen Person sehen. Der Schmerz, als Mutter das Heranwachsen ihrer beiden Söhne nicht miterleben zu können, stürzt sie in tiefste Verzweifelung. Trotz Verbots versucht sie, die Kinder wenigstens aus der Ferne zu sehen, sie spürt ihnen nach, beobachtet sie Tag für Tag und hört nicht auf die Mahnungen ihrer Verteidigerin. Die versucht ihr immer wieder klarzumachen, was sie riskiert, wenn sie die strengen Regeln des Urteils permanent missachtet, weil sie ihre Söhne dann irgendwann überhaupt nicht mehr sehen darf. Aber sie kann das ständige Beobachten nicht lassen, es ist ihr zur Obsession geworden.

Und es kommt schließlich so weit, dass sie in das Haus des Mannes eindringt, Feuer legt und dann mit den Buben im Auto flüchtet. Was sich anschließt ist eine der klassischen Roadnovel ähnliche Geschichte. Sie übernachten zusammen im Auto, Lisa entfernt sich auf ihrer Flucht immer mehr von ihrem bisherigen Wohnort in Gegenden, wo sie niemand kennt, wo sie unentdeckt bleibt. Soweit erzählt uns diese Geschichte nichts Neues, solche Kinds-Entführungen gibt es von Vätern und Müttern gleichermaßen, nicht wenige Krimis beruhen auf dieser unspektakulären Thematik. Was den Plot von Ariana Harwicz anbelangt ist das Besondere daran die Art, wie er erzählt wird. In geradezu wütenden Tönen wird da über Mutterschaft in allen ihren Facetten berichtet, über Kontrollverlust, ohnmächtige Wut, das Abgleiten in Formen des Wahnsinns. Die Autorin benutzt einen authentisch anmutenden Bewusstseinsstrom als markantes Stilmittel ihrer Erzählweise. So erzeugt sie mit einer rigorosen Wortwahl und einer verächtlich wirkenden Einsilbigkeit eine beklemmende Stimmung beim Lesen. Den potentiellen Leser erwartet da also kein Wohlfühl-Roman, eher ein schwer erträglicher!

Erzählt wird ohne wörtliche Rede in einem gehetzt klingendem Präsens größtenteils aus der Ich-Perspektive einer unsympathisch bleibenden, weil weitgehend emotionslosen Protagonistin, die von den Zuschreibungen ihrer Mutterrolle geradezu erdrückt wird. Lisa ist am Ende ihrer Kräfte und kann nicht mehr klar denken, ist also «kopflos» geworden! Dadurch wird eine fast schon radikale Unmittelbarkeit erzeugt. Ein besonders markantes Beispiel dafür ist folgende Textstelle: «Gehe rüber in die Bar der Kaputten, Arbeiter und anderen Abschaums der Gesellschaft, trinke an der Theke, gehe wieder zurück. Masturbiere lustlos, nur um etwas zu tun, so, wie man die Revolvertrommel weiterdreht beim Russisch Roulette». Somit wird dann sogar noch eine suizidale Komponente in das makabere Geschehen eingefügt, das zwar nicht ganz ohne Klischees auskommt, allerdings aber auch ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger erzählt wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by C. H. Beck München

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