Eine Frau in New York

Feministische Hommage an Big Apple

Von der 1935 im Stadtteil Bronx geborenen Vivian Gornick ist mit «Eine Frau in New York» erst das zweite Werk aus dem beachtlichen Œuvre der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung auch auf Deutsch erschienen. Die Tochter russisch-jüdischer und kommunistischer Eltern ist hierzulande bisher kaum bekannt, genießt in ihrer Heimat USA aber besonders als vehemente Feministin hohes Ansehen. Beim vorliegenden Band handelt es sich um ein Memoir, also um eine aus der Ich-Perspektive mit literarischen Mitteln des Romans erzählte, non-fiktionale Geschichte mit autobiografischem Hintergrund zu einer ganz bestimmten Thematik. Wie der harmlos scheinende Titel andeutet, geht es hier also explizit um Erfahrungen und Eindrücke einer Frau in dieser Stadt, die niemals schläft. Beim Erscheinen der Original-Ausgabe dieses Memoirs im Jahre 2015 schrieb die New York Times sinniger Weise, es könne wie ein Lebensratgeber gelesen werden.

In skizzenhaften, nur losen verknüpften Szenen und Episoden berichtet Vivian Gornick von ihrem Leben als Schriftstellerin, wobei man schon bald merkt, dass Frausein in diesem städtischen Moloch, ein Schmelztiegel praktisch aller Nationen dieser Welt, ungleich mehr Freiheiten und ganz andere Möglichkeiten eröffnet als anderswo. Die Autorin ist eine ewig Suchende nach sich selbst, sie genießt die unendlich scheinende Freiheit wie ein Lebenselixier. Wobei sie ihre Beobachtungen und Erfahrungen auf langen Fußmärschen macht, die sie mit wildfremden Menschen zusammenführt, unerwartete Begegnungen ermöglicht und zu Gesprächen verleitet, die ihr häufig Informationen aus den Überlebens-Techniken der anderen vermitteln. Dazu gehört als typisches Phänomen auch die permanent ausbrechende Streitbarkeit genervter Großstadtmenschen. Als Frau ohne Bindungen, von zwei kurzen Ehen abgesehen, hat sie alle Freiheiten in dieser Stadt mit ihrem Weltbürgertum, die sie auch sehr bewusst genießt, – und dazu gehört für sie vor allem das wohltuende Alleinsein.

Vivian Gornick erweist sich als Portotyp einer Flaneurin mit wachem Blick, deren stundenlange Spaziergänge durch Big Apple ihr auch diverse Anregungen liefern für ihre schriftstellerische Arbeit. Immer wieder schält sich als Motiv ihrer Streifzüge aber auch die Suche nach Anerkennung und Zuneigung heraus. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie viele Bekanntschaften gemacht, Freundschaften geschlossen und Affären gehabt, die aber alle nur eine begrenzte Zeit angedauert haben. Der Gewinn für den Leser dieses Memoirs liegt in den Schlüssen, die diese blitzgescheite Frau aus ihren permanenten Grübeleien und Selbstreflexionen zieht, und die dann en passant sogar auch noch manche verblüffende Lebensweisheit zu Tage befördern. Die Ich-Erzählerin trifft immer wieder zufällig auf langjährige Freunde und Bekannte, zu denen sie den Kontakt verloren hatte. Und sie lernt auf Dinnerpartys neue Leute kennen und ergeht sich in langen, intellektuell hoch stehenden Gesprächen, bleibt dabei aber immer selbstkritisch in ihrem elitären Umfeld. Ihr langjähriger, wichtigster Gesprächspartner ist Leonard, der sie mit seinen schlagfertigen, oft auch witzigen Repliken häufig überrascht.

Mit dem Fokus auf die Bevölkerung ihrer Stadt schreibt die Autorin eine wahre Eloge auf die bunte Mischung von Menschen mit ihren unterschiedlichsten Temperamenten, deren Stimmen wie ein Hintergrund-Rauschen alles überlagern. Es ist die «Streitbarkeit der Vielfalt», die sich als wahrer Quell der gedanklichen Streifzüge einer radikal feministischen Autorin erweist. In New York habe man permanent den «Geschmack von Welt auf der Zunge», heißt es an einer Stelle. Belebt wird diese narrative Collage ohne Plot durch diverse literarische Anspielungen und Verweise, geschrieben ist sie in einer anspruchsvollen, präzisen Diktion mit Satzgebilden, die wie in Marmor gemeißelt erscheinen und mit dazu beitragen, das Lesen dieser literarischen Neuentdeckung zum reinsten Vergnügen werden zu lassen.

Fazit:   erstklassig

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Genre: Memoir
Illustrated by Penguin