Zwischen Wahnsinn und Realität
Der ungarische Schriftsteller Lásló Krasznahorkai wurde 2025 mit dem Nobelpreis des Jahres ausgezeichnet «für sein fesselndes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischen Schreckens die Macht der Kunst bekräftigt». Passend dazu erschien im gleichen Jahr auch sein neuester Roman unter dem kryptischen Titel «Zsömle ist weg», der, als politische Satire angelegt, eine aberwitzige Geschichte erzählt, die vor sarkastischem Humor geradezu strotzt, wobei sie aber auch mit einem Schleier der Melancholie überzogen ist. Der Plot regt immer wieder zum Nachdenken an in Hinblick auf die politischen Realitäten der Jetztzeit, in denen er angesiedelt ist, und zwar im autokratisch regierten Ungarn eines Viktor Orbán. «Er wolle eigentlich über Hoffnung sprechen», sagte der Autor in Stockholm anlässlich der Verleihung des Nobelpreises, «… aber meine Vorräte an Hoffnung sind eindeutig an ihr Ende gekommen». Gleichwohl, er nimmt es mit Galgenhumor, das beweist eindrucksvoll dieser neue Roman!
Der 91jährige József Kada, ein ehemaliger Elektriker, der als Witwer etwas abseits von seiner Gemeinde mit seinem Hund Zsömle (sic) einsam auf einem Berg wohnt, erhält eines Tages überraschend Besuch von einer bunten Truppe von Royalisten, die ihn nach langen Recherchen als Nachfolger der 1301 verschwundenen Dynastie der Arpaden, und damit als legitimer Anwärter auf dem ungarischen Thron, ausfindig gemacht haben. Er allein, so ihre Überzeugung, könne in die korrupte und machtgeile, autokratische Gegenwarts-Politik des Landes so etwas wie Moral zurückbringen als Oberhaupt eines neu auszurufenden Königreichs Ungarn. Wenig erfreut über die Störung seines beschaulichen Rentnerlebens erklärt er den Royalisten: «Ich möchte Sie bitten, dass das, was Sie entdeckt haben, also dass es mich gibt und wir uns hier treffen, ein gut gehütetes Geheimnis bleibt, niemand, verstehen Sie, niemand darf wissen, wer ich bin und wo ich zu finden bin». Nach weiteren Treffen mit seiner stetig wachsenden Anhängerschar, die ihn inzwischen nur noch liebevoll als Onkel Józsi anredet, weil er sich «Majestät» als Anrede verbeten hat, willigt er schließlich zögernd ein, dieses Amt zu übernehmen, wenn es denn an ihn herangetragen würde. Als ihm die Monarchisten aber ein geheimes Waffenlager zeigen, dass sie für einen Putsch bereits angelegt haben, will er davon nichts wissen, – er möchte nur auf politisch korrekte Weise König werden, sonst verzichte er gerne.
Man muss Einiges wissen oder nachschlagen über die ungarische Geschichte, um all die Anspielungen im Roman verstehen zu können. Onkel Józsi versinkt immer mehr in Träume von den guten alten Zeiten, von dem völkischen Schriftsteller Albert Wass beispielsweise, der unter Viktor Orbán, als Ersatz für das Holocaust-Opfer Imre Kertész, als ungarischer Schriftsteller zur Pflichtlektüre an den Schulen bestimmt wurde. Oder er schwärmt von der ungarischen Sängerin Zita Szeleczky, die als glühende Faschistin zeitweise auch mit Wass liiert war und deren Lieder ihn damals zutiefst berührt haben. Er sei auch, sagt Onkel Józsi, mit vielen Persönlichkeiten in Deutschland gut befreundet, «… mit ‹Heinrich XIII Prinz von Reuß›, vor allem mit dem, ich spreche perfekt Deutsch, wir verstehen uns also in jeder Hinsicht gut, er will das Gleiche wie ich, doch seine Mittel sind andere».
Schon im Roman «Baron Wenckheim kehrt zurück» findet sich das Motiv des politischen Hoffnungsträgers, eine Figur, die übrigens auch in diesem Roman eine Gastrolle hat. Erzählt wird in dem für Lásló Krasznahorkai typischen Stil als ununterbrochener Gedankenstrom, also hier in elf Langsätzen, in denen sich sprunghaft Geschehen und Dialoge abwechseln, und die erst am Schluss des jeweiligen Teils mit einem Punkt beendet werden, ein endloses Palaver also, das leider auch einige Längen und Wiederholungen aufweist. «Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle» ist stilistisch das Motto des Autors, wie er betont hat. Er lotet narrativ gerne die Grenzbereiche zwischen Wahnsinn und Realität aus, was hier aber nicht parabelartig endet, ganz im Gegenteil!
Fazit: erfreulich
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