Fuchs 8

Linguistisch überschäumende Kreativität

George Saunders ist einer der kreativsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit, dessen Erzählung «Fuchs 8» unwillkürlich an das Ende des Mittelalters erstmals erschienene Fabel von ‹Reineke Fuchs› erinnert, auf dem auch das berühmten Versepos von Goethe basiert. Anders aber als der historische Übeltäter mit seinen Bosheiten und Übeltaten ist der Fuchs in dieser illustrierten Fabel eine durch und durch gutmütige und zutiefst emotionale Figur, die als Ich-Erzähler mit einer ganz eigenen Diktion enttäuscht auf eine fragwürdige Welt blickt.

In einem Rudel von Füchsen ist ‹Fuchs 8› derjenige, der schon immer neugierig war und sich um mehr als die tägliche Futtersuche gekümmert hat. Besonders der Mensch hat es ihm angetan, er hat heimlich ihre Nähe gesucht, sich an ihre Fenster geschlichen und ihnen stundenlang zugehört, wenn Eltern ihren Kindern zum Beispiel Gutenacht-Geschichten vorgelesen haben. So hat er mit der Zeit immer mehr von ihrer Sprache verstanden, hat es schließlich so weit gebracht, ihre Schriftzeichen zu lesen und am Ende sogar in ihrer Sprache zu schreiben, wenn auch mit einigen «Schwirichkaitn». Das klingt, wenn es beispielsweise um das Verhältnis der Füchse zu ihrer Lieblingsbeute geht, dann wie folgt: «Wir legen keine Hüner rein! Wir sind sehr offen und erlich mit Hünern. Mit Hünern haben wir einen super fairen Dil, der get so: Sie machen di Aja, wir nehmen die Aja, sie machen noie Aja. Und manchmal essen wir sogar ein leemdes Hun, falls dises Hun seine Zustimmung zeigt, von uns gefressen zu werden, indem es nich wekloift, wenn wir neer komm».

Das vorliegende Büchlein, welches auf diese Art entstanden ist, stellt einen verzweifelten Versuch dar, den Menschen ins Gewissen zu reden, von ihrer rücksichtslosen, die Natur missachtenden Lebensweise abzulassen, den Lebensraum nicht nur der Füchse, sondern aller Tiere nicht zu gefährden. ‹Fuchs 8› erzählt, wie er eines Tages beschlossen hat, zu den Menschen zu gehen, die den ganzen Wald gerodet haben, in dem seine Fuchsgruppe lebt. Sie haben dort ein Einkaufszentrum errichtet mit einem riesigen Parkplatz drum herum. Sein Freund ‹Fuchs 7› begleitet ihn bei dieser Erkundungstour, in der es ihnen sogar gelingt, ohne totgefahren zu werdenden den Parkplatz zu überqueren und durch die Drehtür in den riesigen Markt zu gelangen. Was sie dort sehen, verblüfft sie maßlos, und sie sind auch überrascht, dass die Menschen ihnen alles Mögliche zum Fressen geben, also nett zu ihnen sind. Als sie den Konsumtempel aber schließlich durch eine andere Tür verlassen, werden sie dort von zwei Bauarbeitern attackiert. ‹Fuchs 7› kommt dabei zu Tode, und ‹Fuchs 8› verliert jede Orientierung. Er findet nicht mehr zu seiner Gruppe zurück und landet in naturfernen, von Menschen genutzten Gegenden, wo er kaum noch was zu fressen findet.

Es ist ein Antimärchen, das hier in einer extrem naiven Diktion erzählt wird. Die lässt den Leser  erstmal stutzen, erweist sich dann aber schnell als ideal, den Erzählstoff überaus stimmig, nämlich ‹tiergerecht›, zu artikulieren und dem Leser nahe zu bringen. Man gewöhnt sich übrigens auch schnell an diese Fuchs-Sprache, die zudem wesentlich dazu beiträgt, immer wieder vergnügt zu schmunzeln bei den absurden Wortgebilden, die fernab von Duden & Co. da so unkonventionell formuliert sind. Der Autor und auch der kongeniale Übersetzer haben mit ihrer linguistisch überschäumenden Kreativität wahrhaft lustige Wörter erfunden, mit denen sie hier eine traurige Realität vergnüglich beschreiben. Von einem Kinderbuch ist «Fuchs 8» auch thematisch weit entfernt, und es erfordert zudem einiges an Mitdenken, will man die oft in diesem lustigen Büchlein versteckte Gesellschafts-Kritik an der zerstörerischen Lebensweise der Menschheit nicht einfach überlesen. George Saunders erweist sich auch mit dieser Kurzgeschichte als einer der wichtigsten US-Schriftsteller der Gegenwart, von dem man sich nach seinem grandiosen Debüt «Lincoln im Bardo» – in aller Bescheidenheit – endlich mal wieder einen Roman erhofft!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Fabel
Illustrated by Luchterhand

Reineke Fuchs

Reineke Fuchs, die Tierfabel für Erwachsene

Reineke Fuchs: Die Geschichte über den schlauen Fuchs ist schon mehrere Jahrhunderte alt, aber dennoch brandaktuell. Das parabelhafte Epos, das erstmals 1498 in deutscher Sprache erschien, wird in dieser wunderschön illustrierten Ausgabe von Matthias Reiner nacherzählt. Reinhard Michl hat in seinen Illustrationen geradezu Ikonen geschaffen, so gut sind seine Zeichnungen gelungen.

Reineke Fuchs, der schlaue Fuchs

Das Volksbuch, Klassiker und Kinderbuch, ist zwar schon in unzähligen Auflagen und Ausgaben erschienen, aber die vorliegende ist auch von außen wunderbar gestaltet und ausgeführt. Für diese wundervolle Ausgabe der Insel-Bücherei wird der Urtext nacherzählt, die Reinhard Michl mit seinen unverwechselbaren Bildern illustriert. Aber kommen wir zur Handlung. König Nobel lässt zu Pfingsten alle Tiere wie jedes Jahr zum Hoftag rufen. Bis auf einen erscheinen alle. Und wohl gerade deswegen hört der König einen Haufen Klagen über ihn. Richtig geraten, Reineke Fuchs ist der Abkömmling, der sich drückt. Also sendet Nobel hintereinander drei Boten aus, den Luderling zu ermahnen. Als erstes schickt er Braun, den Bär. Der zweite Emissär wird Hinze, der Kater. Die dritte Mission übernimmt Grimbart, der Dachs. Aber alle drei trickst der Trickster Reineke Fuchs aus. Bis er schließlich doch vor dem König erscheint, um auch ihn an der Nase herumzuführen. Aber zuvor liegt ihm schon die Schlinge um den Hals, denn die Liste der Kläger ist lange. Doch Reineke überlegt sich eine neue List und bringt es damit sogar bis zum Kanzler. Aber zuvor muss er noch den Wolf Isegrim besiegen. Matthias Reiner erzählt wie’s gelingt. Und am Ende hat der Fuchs den Siegelring des Königs und sein Wort ist fortan Gesetz. Drei kleine Füchse trollen sich schon zu seinen Füßen.

Tierfabel für Erwachsene

Und wie sagte schon Goethe? „Vor Jahrhunderten hätte dies ein Dichter gesungen? Der Stoff ist ja von gestern und heut’!“ Am Ende siegt nicht Weisheit oder Gerechtigkeit, sondern der trickreiste und skrupelloseste Protagonist, der begabteste Lügner. Aber natürlich kann man diese – übrigens nicht ganz jugendfreie Geschichte – auch anders lesen: auch ein Sündenbock soll mal zum Zuge kommen.

Matthias Reiner
Reineke Fuchs
Nacherzählt und mit einem Nachwort versehen von Matthias Reiner. Illustriert von Reinhard Michl
D: 18,00 € /A: 18,50 € /CH: 25,90 sFr
2019, Insel-Bücherei 2037, Gebunden, 89 Seiten
ISBN: 978-3-458-20037-6

Insel Verlag, Suhrkamp

 


Genre: Fabel, Illustrationen
Illustrated by Insel Taschenbuch