Lena

Ludwig Aumüllers Roman Lena erzählt von Aufbruch, Verlust, sozialem Aufstieg und weiblicher Selbstbehauptung. Die Titelfigur, eine junge Frau aus Bayern, verlässt im ausgehenden 19. Jahrhundert ihre Heimat und wagt den Schritt in die Vereinigten Staaten. Was zunächst als Auswanderungsgeschichte beginnt, entfaltet sich nach und nach zu einem breit angelegten Lebensroman, der Liebesgeschichte, Gesellschaftspanorama, Abenteuererzählung und historische Kulisse miteinander verbindet.

Seine stärkste Seite hat dieses Buch in seiner Hauptfigur. Lena ist eine Frau mit Eigenwillen, Energie und Zähigkeit. Sie liebt, leidet, lernt, handelt und behauptet sich in einer Welt, in der Frauen gewöhnlich nicht die Regeln bestimmen. Gerade diese Konstellation verleiht dem Roman innere Spannung. Lena trägt den Text fast durchgehend, weil sie nicht nur Objekt der Ereignisse bleibt, sondern deren Motor wird.

Der Autor setzt dabei deutlich auf Handlung. Sein Roman scheut weder große Gefühle noch große Wendungen. Auswanderung, geschäftlicher Erfolg, gewaltsamer Verlust, Reise in den Wilden Westen, neue Liebe, familiäre und wirtschaftliche Bewährung, schließlich Alter und Tod: All das ist großzügig aufgefächert und mit sichtbarer Lust am Erzählen dargeboten. Wer von einem Buch erzählerischen Zug, Anschaulichkeit und einen langen Lebensbogen erwartet, wird an Lena durchaus Gefallen finden.

Auch das historische Ambiente besitzt Reiz. Amerika erscheint als Raum großer Chancen, aber auch als Schauplatz von Härte, sozialem Risiko und entschlossener Selbstformung. Der Roman bewegt sich von Bayern über New York und Virginia bis nach Louisiana und gewinnt aus diesen Ortswechseln Weite. Besonders die Verbindung aus weiblicher Emanzipationsgeschichte und ökonomischem Aufstieg ist interessant, weil sie der Figur ein Profil jenseits bloßer Liebesverstrickung gibt.

Allerdings liegen hier auch die Grenzen des Buches. Lena ist ein Roman, der viel will und viel erzählt; mitunter will und erzählt er vielleicht zu viel. Manche Wendungen häufen sich in einer Weise, die weniger aus innerer Notwendigkeit als aus erzählerischer Lust an der Zuspitzung hervorgegangen scheint. Das mindert die Glaubhaftigkeit einzelner Entwicklungen. Der Roman bewegt sich dann streckenweise nahe an melodramatischen Mustern.

Aumüller kann zügig und verständlich erzählen, doch nicht selten gerät der Ton ins Erklärende oder Referierende. Wo man sich als Leser mehr atmosphärische Verdichtung, mehr Zwischenton, mehr sinnliche oder psychologische Feinzeichnung wünschte, begnügt sich der Text bisweilen mit einer soliden Mitteilung des Geschehens. Nebenfiguren wirken dadurch gelegentlich eher funktional als ausgearbeitet.

Das muss man allerdings im Kontext der Anlage sehen. Lena will offenkundig kein Sprachkunststück oder formales Experiment sein, sondern eine große, gut lesbare Erzählung. Das gelingt: Das Buch besitzt einen deutlichen Zug zur anschaulichen Historisierung, eine sympathische Bewunderung für seine Heldin und spürbare Freude am epischen Ausmalen eines außergewöhnlichen Frauenlebens.

So ist Lena ein engagiert und mit sichtbarer Sympathie erzähltes historisches Lebensbild. Seine Qualitäten liegen in der Stofffülle, in der tragenden Figur und im bewegten Erzählfluss. Wer historische Romane mit starker weiblicher Hauptfigur schätzt und bereit ist, über manche grobere Naht hinwegzulesen, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.


Genre: Historischer Roman
Illustrated by DWG

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