Gabi Thiemes Der Mörder zahlt mit einer Mark versammelt drei reale Kriminalfälle aus Sachsen und kreist um eine ebenso schlichte wie verstörende Frage: Gibt es das perfekte Verbrechen? Schon der Aufbau des Bandes zeigt, dass es der Autorin nicht um sensationslüsterne Effekte geht, sondern um die Rekonstruktion von Taten, die lange im Dunkeln lagen. Im Vorwort beschreibt sie ihr Buch ausdrücklich als Arbeit gegen das Vergessen, getragen von jahrzehntelanger Erfahrung als Polizei- und Gerichtsreporterin.
Am eindringlichsten gerät der erste, große Fall um die 1987 ermordete Heike Wunderlich. Thieme zeigt das Opfer zunächst als junge Frau mit Familie, Arbeit, Zukunftsplänen und alltäglichen Sorgen, bevor das Verbrechen mit voller Härte in dieses Leben einbricht. Gerade diese behutsame Vergegenwärtigung macht die spätere Tat so erschütternd. Dass der Täter Jahrzehnte später dank DNA-Spur doch noch wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wird, verleiht dem Text eine beklemmende, fast unerhörte Form später Gerechtigkeit.
Die beiden anderen Fälle erweitern den Band stimmig. In „Der verlorene Sohn“ geht es um Uwe Schulze, einen Beteiligten an einem Sparkassenraub, der nach seiner Verurteilung, Haft und erneuter Reise schließlich bei der Einreise nach Thailand aufgrund eines noch aktiven internationalen Haftbefehls festgenommen wird; hier interessiert die Autorin weniger die bloße Strafsache als die beschädigte Vater-Sohn-Beziehung. „Tödlicher Cocktail“ wiederum erzählt von Anja Kaiser, die ihren Mann nach Überzeugung des Gerichts vergiftete und dafür zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde; besonderes Gewicht erhält dabei der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs mit der Tochter, der zum zentralen Beweismittel wird.
Die Stärke des Buches liegt in seiner journalistischen Genauigkeit, seiner Nähe zu Ermittlern, Angehörigen und Gerichten und in der Fähigkeit, aus Aktenstoff erzählerische Spannung zu gewinnen. Schwächen liegen dort, wo die Darstellung zu sehr erklärt, emotional nachdrückt oder in eine leicht romanhafte Rekonstruktion hineinrutscht. Nicht jede Szene müsste so stark auf Wirkung hin formuliert sein; manches wäre gerade dann noch eindringlicher, wenn es kühler bliebe.
Der Mörder zahlt mit einer Mark ist ein bemerkenswertes True-Crime-Buch: kein bloßes Gruselkabinett, sondern ein Stück ostdeutscher Erinnerungs- und Mentalitätsgeschichte. Gabi Thieme schreibt mit Ernst, Erfahrung und Respekt vor den Opfern. Gerade das macht den Band lesenswert.