Toxisches Schweigen. Unser Zeitalter wird einst als das Zeitalter der Narzissten in die Geschichte eingehen. Diese Spezies Mensch versteht es besonders gut, sogar durch Schweigen Terror auszuüben, “Schweigeterror” nennt das der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der in vorliegender Publikation auf alle Arten des Schweigens eingeht.
Der Narzisst und das Schweigen
Schweigen ist eben nicht “Gold”, wie es in einem vielzitierten Sprichwort heißt, sondern geißelt als Omertà die Menschheit. Es gibt viele Formen des Schweigens. Eine unlängst entdeckte nennt man PTED, anglehnt an den Begriff des PTBS, nach der englischen Abkürzung Posttraumatic Embitterment Disorder. Ein als extrem ungerecht empfundenes Lebensereignis kann einen nachhaltig emotional belasten und zu einem depressionsähnlichen Zustand führen. Während sich dieses Schweigen dann allerdings eher gegen sich selbst richtet, kann der Narzisst durch sein Schweigen besonders andere aus dem Gleichgewicht bringen. Seine “fünf großen E” (Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel, Entwertung anderer, Empfindlichkeit) scheinen wie geschaffen, für die Machtübernahme dieses so zärtlich gebauten Menschenschlags. “Sofern das toxische Schweigen tatsächlich viel mit Empathiemangel zu tun hat – eine Hauptthese dieses Buches – begünstigt diese Seite des Narzissmus das Schweigen“, schreibt Haller. Der tiefenpsychologische Hintergrund des Narzissmus sei eigentlich der Neid auf andere und die damit verbundene Entwertung anderer. Selbst aber reagieren sie mehr als überempfindlich auf Kritik und sinnen bald schon auf Rache. “Knallhart beim Austeilen, extrem empfindlich im Einstecken“, ergänzt der Psychiater. Man muss aber kein ausgewachsener Narzisst sein, um durch Schweigen andere zu kränken. Denn tatsächlich wird Schweigen auch gerne als psychologische Waffe eingesetzt, besonders in Paarbeziehungen.
Be A Rock of Gibraltar
Schweigen kann in der Partnerschaft sogar als emotionale Erpressung eingesetzt werden. Denn wo keine Worte sind, bleibt viel Raum für Interpretation und Spekulation. Zu viel. Wenn zudem noch emotionale Nähe, Zärtlichkeit und echte Gespräche fehlen, spricht man sogar von passiv-aggressivem Verhalten, das zusätzlich ausgrenzt und verletzt. “Ohne offene Kommunikation kann keine Beziehung stehen“, resümiert Reinhard Haller und gibt in seinem neuesten Buch auch viele Tipps wie man sich dem widersetzen und etwas entgegensetzen kann, wenn man nur mehr angeschwiegen wird. Sogar ein Filmtipp (“Le chat“) ergänzt die Hilfestellungen des Psychiaters, der sich dem Thema in all seinen Facetten annimmt: Ghosting, Mutismus, Zivilcourage, Stalking, Stonewalling, etc., alle diese Begriffe werden von ihm erklärt und in Zusammenhang gesetzt. So entsteht ein komplexes Bild eines Verhaltens, das letztendlich niemandem nützt. Denn am Ende ist auch der Narzisst einsam, einsam in seiner Sucht nach sich selbst. Im vorletzten Kapitel, “Das Leid der Angeschwiegenen“, findet man weitere wertvolle Tipps zur proaktiven Gestaltung seiner eigenen Lebensumwelt und gegen die verbreitete “Los-igkeit“. Das letzte Kapitel listet sogar 12 Regeln auf, wie man Schweigeblockaden durchbrechen kann und wieder zu einem lebenswerten Umgang miteinander finden kann. Nur so viel: Appelle an die Vernunft des Schweigenden bringen nicht viel, da das toxische Schweigen ja ein emotionales Problem ist.
Reinhard Haller
Toxisches Schweigen.
Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen.
2026, Paperback, 272 Seiten
ISBN: 9783689690724
now Verlag
€22,00
