Sweet Sixteen

Eine Generation verschwindet. Was als Lokalzeitungsmeldung beginnt, wächst sich aus zum Massenphänomen. Am Tag ihres 16. Geburtstages verabschieden sich unauffällige, augenscheinlich gut behütete Jugendliche von der Welt der Erwachsenen und tauchen ab. Zurück bleibt die Ratlosigkeit der Eltern und die hinter Phrasen versteckte Ratlosigkeit der Expertenrunden. Nach Ursachen wird gesucht, nach Schuldigen und nach Maßnahmen. Birgit Vanderbeke beschreibt in ihrer Erzählung „Sweet Sixteen“ die Reaktionen auf den Exodus der Jugend, einer Jugend, die als Gegenbild zu den zwischen Komasaufen und Gewaltexzessen pendelnden Untergangsszenarien entworfen wird. Statt den drohenden Realitätsverlust durch virtuelle Gegenwelten und die Abstumpfung durch mediale Grausamkeiten zu zitieren geht Vanderbeke den entgegengesetzten Weg. In ihrer Erzählung wird das Internet zum Motor eines kreativen Widerstandes, zum Rückzugsraum, in dem die Exklusivität durch die Know-how-Schwelle gesichert wird. Was hier geschildert wird, ist die Wunschvorstellung einer Jugend, die eine Flucht in die Wirklichkeit einer Flucht aus der Wirklichkeit vorzieht, die Vision einer plötzlichen Solidarisierung in einer Welt der unzähligen Subkulturen. Wie die Surfer am Horizont dümpeln die Jugendlichen vor sich hin, um plötzlich wie auf ein geheimes Zeichen hin von derselben Welle getragen zu werden.
Was diese Welle ist, bleibt auch der vage gehaltenen Ich-Erzählinstanz, die als Trendscout auf die Rolle des Berufsjugendlichen festgelegt ist, ein Rätsel. Durch das Dickicht der Codes und Filmzitate wird der Versuch gemacht, den Draht zur Zielgruppe zu halten. Ein solches Verstehenwollen ist zwangsläufig ein dem Trend Hinterherhinken und letztlich nur Ausgangspunkt einer wehmütigen Auseinandersetzung mit den verpassten Chancen der eigenen Jugend.
So wird mit leiser Melancholie vom Neid auf die eigene Schwester berichtet, die noch die Möglichkeit zur Rebellion hatte, während sich die eigenen Versuche in harmlosen Einzelaktionen erschöpften, über die das Establishment nur müde lächeln konnte.
Aus dieser Perspektive wird das Phänomen einer verschwundenen Aussteigergeneration mit gönnerhafter Anerkennung betrachtet, während die gleichzeitig stattfindenden Versuche, der Massenflucht über elektronische Fußfesseln und Gesetzesverschärfung Herr zu werden, genussvoll in ihrem Scheitern vorgeführt werden. Die Sprache ist dabei durchdrungen von vermeintlichen subkulturellen Versatzstücken, sei es jetzt Otaku, Manga, Adbustering oder Subvertising. In der Häufung wirkt das rührend peinlich. Die auf dem Buchumschlag vollmundig gelobte Spannung läuft größtenteils ins Leere. Im Zentrum der Erzählung steht eine Generation, die die große Unbekannte bleibt. Die Utopie wird zur gutgemeinten Leerstelle, die durch die hilflosen Interpretationsversuche bis zum Schluß nicht gefüllt werden kann. Was als vielversprechende Idee beginnt, versandet so schließlich als flache Satire auf Medienhysterie und Generationenkonflikte. Die im Klappentext angekündigte „Liebeserklärung an die Jugend“ ist kaum mehr als ein Anbiederungsversuch an eine Generation, die in ihrer subversiven Konsumkritik als reichlich naive Wunschvorstellung auftritt


Genre: Belletristik
Illustrated by S.Fischer Frankfurt am Main

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